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Erfolgreich trotz Krise: Wie drei fränkische Startups Corona trotzen

Die Konzepte der jungen Unternehmer sind unterschiedlich - 14.07.2020 17:49 Uhr

Links Gründer Johannes Gassner mit Koalabär "Berry" (und Brille) und rechts Jan Kaye zu sehen, die Chefs des Startup OOMAY. Sie präsentieren ihre Eukalyptusbettwäsche.

© privat


Existenzgründer scheinen sich von den Umständen nicht einschüchtern zu lassen. Das ist der Eindruck der beiden Startup-Berater der Stadtsparkasse Nürnberg, Anton Kasak und Gregor Klose. "Wir bekommen weiterhin jede Menge Anfragen", berichtet Klose und erklärt: "Wir bremsen die jungen Unternehmen jetzt nicht pauschal. Wenn das Konzept grundsätzlich passt und der Kunde einen positiven Eindruck hinterlässt, dann begleiten wir ihn." Das erfolge unabhängig von der gewünschten Kredithöhe. Ob es sich um 5000, 10 000 oder 100 000 Euro handelt, trete in den Hintergrund, wenn das Konzept passe. "Wir fördern das Projekt, wenn es erfolgversprechend ist. Schließlich wollen die Leute ihren Traum verwirklichen", betonen die Berater.

Manchmal ist Zurückhaltung besser

Dies gelte allerdings nicht für Neugründungen im Bereich Gastronomie, Hotellerie oder Messebau. Hier raten die beiden zur Zurückhaltung, bis die Coronapandemie vorbei ist. Zahlreiche Wirtschaftsbereiche seien dagegen gar nicht vom Shutdown betroffen. Da gelte es eben, den Businessplan genau zu prüfen. "Bei einigen Gründern stimmen die Voraussetzungen grundsätzlich, aber unter den gegebenen Rahmenbedingungen müssen wir sie ,onhold‘ halten", sagt Anton Kasak. Das habe besonders jene Unternehmen getroffen, die kurz vor dem Start standen, als der Lockdown kam.

Mitunter zogen die Banker dann die Reißleine: "Einigen Kunden mussten wir leider mitteilen, dass sie jetzt erst einmal nachjustieren und beispielsweise die Mietkosten neu kalkulieren müssen." Erfahrungsgemäß komme jedes Jahr im September eine große Welle von Unternehmensgründern, die einen Beratungstermin bei der Sparkasse vereinbaren möchten. Mit dieser rechnen die Existenzberater auch heuer – Corona zum Trotz.

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Eiskalt hat der Lockdown zum Beispiel den Jungunternehmer Simon Busshart erwischt. Der 20-Jährige stand im Frühjahr kurz davor, einen Kosmetik-Onlineshop zu starten, als plötzlich Lieferketten unterbrochen waren und nicht klar war, ob er seine Ware bekäme. In einer Schockstarre verharrte Busshart nicht. Er sagt: "Ich bin ein problemlösungsorienterter, optimistischer Mensch. Das muss man als Unternehmer auch sein." Bereits als 15-Jähriger habe er in einem eigenen Technik-YoutubeKanal WLAN-Router, Computerteile und andere Geräte getestet. Im März hatte er nun den Einfall, für kleine Einzelhändler, wie den Elektrohändler in Schoppershof, der zu seinen Kunden zählt, oder Restaurants, die während der Coronaschließung nichts umsetzen konnten, die Einrichtung eines Onlineshops billiger anzubieten als die Konkurrenz.

Die Idee von www.toczic.de: Zeitaufwändige und damit teure Leistungen, wie das Einstellen von Fotos und Texten, kann der Kunde mit Hilfe und nach Anleitung von Busshart (über Videotelefonate) selbst übernehmen. Die virtuellen Geschäftsräume verfügten über ein zeitgemäßes Design und wichtige Funktionen, beispielsweise Plugin-Installationen oder Suchmaschinenoptimierung, so Busshart.

Johannes Gassner und Jan Kaye wurden ebenfalls durch die Coronakrise zunächst ausgebremst. Die Jungunternehmer wollten mit einer direkten und kostengünstigen Vermarktung von Eukalyptusbettwäsche loslegen, als Corona alles auf den Kopf stellte. "Unter den gegebenen Bedingungen erschien es sinnvoller, abzuwarten", sagt Kaye. Langweilig wurde es ihnen nicht: Sie tüftelten an der Verbesserung ihres Produkts und an Marketingstrategien. Kaye kommt aus Frankfurt, Gassner aus Nürnberg. Hier haben sie ihre Firma Oomay gegründet. Die beiden 29-Jährigen kennen sich vom Studium des "International Business" in Kopenhagen. "Eines Morgens habe ich mit Johannes darüber gesprochen, welch schönes Gefühl es ist, in ein Bett mit frisch gewaschener Bettwäsche zu schlüpfen." So habe die Ideen für ihr Business angefangen.

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Als startup-erprobter Geist habe er schon länger die Augen nach einem Produkt offen gehalten, das sich gut vermarkten ließe, sagt Kaye. Zuerst begannen die beiden spielerisch, verschiedene Bettwäschesets zu testen. Eukalyptusbettwäsche fanden sie toll, für einen Preis von um die 300 Euro aber zu teuer. Sie wollten günstiger anbieten. "Bei dieser Bettwäsche hält das Gefühl, in frischer Bettwäsche zu schlafen, länger an. Sie ist antibakteriell, für Allergiker geeignet, temperaturausgleichend und sehr weich. Sie ist umweltfreundlich." Pro Set würden bei ihrer Herstellung zudem 60 Badewannen weniger Wasser gebraucht als bei Baumwollbettwäsche, umreißt Kaye die Vorzüge. Die Bettwäsche von Oomay wird in Portugal in einem traditionsreichen Familienunternehmen hergestellt und kommt in minimalistischem skandinavischem Design daher. Oomay tauften die Jungunternehmer ihr Label, was auf Deutsch heißt, "die extra Meile mehr gehen", erklärt Kaye. Denn dies hätten sie gemacht, um die Eukalyptusbettwäsche zu zirka einem Drittel des handelsüblichen Preises anzubieten.

Und das klappt so: Geld, das sonst oft bei Großhändlern, Markennamen und dem Verkauf im Einzelhandel hängen bleibe, sparten sie über die Direktvermarktung ein. Die Jungunternehmer organisieren den Weg vom Faden bis zum fertigen Produkt, das der Kunde online bestellen kann. Wobei sie immer Wert auf Nachhaltigkeit legten. Die Lyocell-TencelEukalyptusfasern werden in Österreich hergestellt. Der Rohstoff stammt von nachhaltig gepflanzten Eukalyptusbäumen in Europa. Über soziale Medien, Facebook und Instagram machen die beiden ihr Produkt bekannt. Außerdem stehen sie im Austausch mit Influencern im Bereich Style und Heimtextilien, oder mit Influencern, die sich mit dem Thema Naturschutz und Nachhaltigkeit befassen. Ende Juni lancierten die Jungunternehmer über ihre Website eine CrowdfundingKampagne und hatten binnen nur vier Tagen ihr erstes FundraisingZiel von 17 500 Euro bereits übertroffen, wie sie stolz berichten. Ihr nächstes Etappenziel liegt nun bei 30 000 Euro, um eine weitere Farbe anbieten zu können.

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Auch der Start des Nürnberger Startups "Sixowls" wäre in die heiße Phase des Lockdowns gefallen und hat sich deshalb um einen Monat verzögert. Dann ging es aber fast wie geplant weiter. "Die Pharmaindustrie ist weniger von Corona betroffen als andere Branchen", resümiert Hannes Wolf, Pressesprecher von Sixowls, das digitale Technologieprodukte für die Gesundheitsbranche erstellt. Analyse von Patientendaten Sixowls setzen dabei auf Künstliche Intelligenz (KI) und eigens entwickelte Algorithmen, mit denen Patientendaten analysiert werden.

Das Startup entwickelt Apps, die Ärzte, Patienten und Medikamentenhersteller miteinander vernetzen. Beispielsweise könne so die Medikamenteneinnahme analysiert oder Daten wie Blutdruck- oder Zuckerwerte gesammelt und ausgewertet werden. "Die Patienten bleiben dabei Herr über ihre eigenen Daten", betont Wolf. Diese könnten anonymisiert an Pharmaunternehmen weitergegeben werden. Die Apps sind freiwillig. Außerdem entwickelt Sixowls Chatbots, also Online-Gesundheitsprogramme, durch die man sich mit seinen Gesundheitsfragen klicken kann und am Ende eine Empfehlung erhält. Die sechs Unternehmer hatten zuvor schon erfolgreiche Firmen wie das Gesundheitsnetzwerk Kanyo oder die Online-Marketing-Agentur Xeomed gegründet, die sie parallel weiterführen. Gegenwärtig hat Sixowls rund 80 Mitarbeiter.


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Von Maria Inoue-Krätzler

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