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Digital Festival: Journalismus außer Rand und Band?

Über die Rolle der Medien in einer völlig umgekrempelten Informationslandschaft - 19.07.2019 17:15 Uhr

Weitgehende Einigkeit herrscht bei der von Kurt Heidingsfelder moderierten Veranstaltung „(Digitaler) Journalismus – Hauptsache krass?“ mit NN-Chefredakteur Michael Husarek, Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger, Medienwissenschaftlerin Marlis Prinzing und der freien Autorin Gina Schad (v.l.n.r.).


War früher nicht wirklich alles besser? Zumindest vor dem Siegeszug des Internets, das junge wie ältere Menschen dazu bringt, stundenlang nur noch auf einen Bildschirm oder das Handy zu starren. Doch damit nicht genug. Ein Teil dieser Nutzer will im Internet auch seine Meinung loswerden. Bis hin zu unflätigsten Beschimpfungen oder übelsten Drohungen.

Die Rolle der Medien in einer völlig umgekrempelten Informationslandschaft ist dabei durchaus zwiespältig. Darauf ließ zumindest der Titel der Veranstaltung im Museum für Kommunikation schließen. "(Digitaler) Journalismus - Hauptsache krass?" - dieser Frage wollten die Nürnberger Nachrichten im Rahmen des Nürnberg Digital Festivals nachgehen. 

Außer Rand und Band

Die in Köln lehrende Medienwissenschaftlerin Marlis Prinzing machte deutlich, dass es nicht erst mit dem Aufkommen der digitalen Angebote zu "Kompass-Störungen" in der Berichterstattung kam. Die Geiselnahme in Gladbeck aus dem Jahr 1988 sei ein Beispiel für einen "Journalismus außer Rand und Band".

Damals umschwärmte ein Pulk von Journalisten den Wagen der Entführer. Einer davon setzte sich sogar in den Pkw, um den Verbrechern den Weg aus der Kölner Innenstadt zu weisen.


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"Man merkt oftmals erst nach einem solchen Vorkommnis, dass Regeln nötig sind, um bestimmte Formen der Berichterstattung zu unterbinden", so die Professorin. Ihr sei natürlich bewusst, dass "Sex und Crime" Themen sind, die den Profit - vornehmlich von Boulevardzeitungen - sichern. Dennoch muss die Abwägung "öffentliches Interesse versus öffentliche Relevanz" Teil der Medienethik eines jeden Journalisten sein, sagt Marlis Prinzing und ergänzt: "Es ist ein Riesenunterschied, ob uns lediglich etwas interessiert oder ob es so wichtig ist, dass es uns etwas angeht."

Der Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, Michael Husarek, hört solche Sätze durchaus gern. Ja, Empörung verkaufe sich gut, so Husarek, aber "für eine regionale Zeitung ist dies nicht zielführend". Die Abonnementzeitung habe den Vorteil, "nicht täglich mit Sensationen um die Kundschaft buhlen zu müssen", sagt Husarek. Mit Blick auf das Online-Angebot der Verlagsgruppe ist er sich zudem sicher, dass die "Online-Berichterstattung nicht das Ende des seriösen Journalismus bedeutet".

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Allerdings haben sich Online viele Parameter verschoben, die vorher keine Rolle gespielt haben. Der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger weist darauf hin, dass der Zeitpunkt, zu dem etwas vermeldet wird, die Auswahl und Platzierung der Beiträge oder die Gestaltung der Überschrift und des Teasers nach ganz anderen Regeln erfolgen als in den gedruckten Medien. Dazu kommt die immense Bedeutung der Suchmaschinen oder der sozialen Netzwerke für den Erfolg oder Misserfolg eines Nachrichtenangebots.

Mitreden und mitdiskutieren

"Hier wird nicht mehr die ganze Nachricht wahrgenommen, sondern nur Teile davon", erläutert Schweiger die Veränderung im Nutzerverhalten. Wichtig sei es zudem, dass User im Netz Kommentare abgeben können. "Es ist doch schön, dass wir alle jetzt die Möglichkeit haben, mitzureden und mitzudiskutieren", so Schweigers Überzeugung. Die Rolle der Medien sei hier wichtiger denn je. "Die Journalisten moderieren solche Diskussionen und bringen Fakten, Informationen und Hintergrund", lautet sein Credo.

Keinen direkten Widerspruch, aber eine andere Sichtweise hat dazu die freie Autorin Gina Schad. Die 35-Jährige kennt noch am ehesten die Interessen und Bedürfnisse der jungen Menschen im Internet und stellt fest: "Wir alle sind Teil des Empörungszirkus." Empörung ist laut ihrer Definition nichts Negatives, weil damit auf etwas Konstruktives hingearbeitet wird.

Die "Fridays for Future" seien dafür ein gutes Beispiel. Schlägt die Empörung in Hass um, sind alle positiven Effekte verloren. Dann geht es laut Gina Schad um "Zerstörung" eines Menschen oder einer Meinung. Diesem Hass gelte es aber mit aller Macht entgegenzutreten.

Meinungsäußerungen von Lesern und Online-Nutzern erreichen die Nürnberger Nachrichten auf unterschiedlichste Weise. Auf www.nordbayern.de können Nutzer, nach einer einmaligen Registrierung, unter fast allen Artikeln ihre Meinung äußern. Die rund 300 täglich einlaufenden Kommentare werden von der Online-Redaktion zusätzlich geprüft und bei einem Verstoß gegen die sogenannten "Netiquette" nicht veröffentlicht. Auf dem Portal ist aufgrund dieser relativ restriktiven Handhabung der Ton weitgehend gesittet. Dennoch diskutiert das Online-Team immer wieder, wann die Grenze zur Beleidigung überschritten ist und wann nicht.

Deutlich schwieriger ist die Kontrolle der Kommentare unter den Posts auf der Facebook-Seite der NN. Die Identität der Kommentatoren kann von unserer Seite nicht überprüft werden. Die Hemmschwelle, sich voller Hass gegen alles und jeden zu wenden, ist deutlich geringer. Deshalb setzen wir in der Redaktion spezielle Software ein, die es erlaubt, die unzähligen Kommentare zu den verschiedenen Facebook-Posts im Blick zu behalten.

MATTHIAS OBERTH

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