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Neuer Ice-Tigers-Coach Fischöder: "Druck ist etwas Schönes"

Der 48-Jährige liebt die Verlängerung im Eishockey - 11.07.2020 17:49 Uhr

Frank Fischöder(48) hat in Dortmund begonnen, Eishockey zu spielen - und sich vielleicht deshalb früh hinter die Bande gestellt.

© Sportfoto Zink / Thomas Hahn


Der neue Cheftrainer der Nürnberg Ice Tigers ist schon einen Tag früher gekommen. Um sich mal umzusehen. Anders als eigentlich alle nordamerikanischen Eishockey-Profis aber vermeidet Frank Fischöder das Generallob. Was er gesehen hat, habe ihm gut gefallen. "So schwer ist das aber auch nicht." Fischöder ist in Dortmund aufgewachsen und hat zuletzt in Ludwigshafen gelebt. Eine Stadt, die zur hässlichsten Deutschlands gewählt wurde. "Da kann ich nicht widersprechen." Humor hat Fischöder, doch für welches Eishockey steht er, was inspiriert den 48-Jährigen, wie löst er die Herausforderungen, die das Spiel ihm stellt? Darüber hat er geredet, so lange, dass wir in der kommenden Woche noch ein Interview aus dem Gespräch machen können.

Draisaitl oder Kühnhackl? Fischöder über Größen des Eishockey-Sports

Gretzky oder Lemieux – wer ist der größte Eishockeyspieler aller Zeiten?

Frank Fischöder: Lemieux war zielorientierter, ein besserer Scorer. Gretzky hat das Spiel schon ein bisschen revolutioniert. Ich hätte sie gerne beide.

UdSSR 1981, Canada 1987 oder Schweden 2002 – welche ist die größte Mannschaft?

Fischöder: Für mich sind die Russen die größte Mannschaft gewesen, als Kollektiv. Eine solche Scheibenbewegung hatte man noch nie gesehen. Im Endeffekt war die sowjetische Mannschaft in den 80er-Jahren das, was heute der FC Barcelona im Fußball ist. Scheibe halten, zweite Wellen gehen, da waren viele Dinge dabei, die man auch heute noch sieht. Dementsprechend wäre ich bei dieser Frage komplett bei den Russen.


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Leon Draisaitl oder Erich Kühnhackl, wer ist der größte deutsche Eishockeyspieler?

Fischöder: Jeder war es zu seiner Zeit. Ich glaube, dass man das Spiel nicht vergleichen kann. Erich Kühnhackl ist über die Größe gekommen, hat die Scheibe beschützt. Da sind die Ähnlichkeiten da. Aber ich glaube, dass die Dynamik heute eine andere ist. Ich glaube, dass beide auf ihre Art in ihrer Zeit schon sehr, sehr groß waren – und sind.

"Auch Schlägereien hatten ihre Zeit"

Gehören Prügeleien zum Eishockey?

Fischöder: Die erste schwierige Frage. Nein, eigentlich nicht. Auf der anderen Seite ist es durchaus so, dass es Aktionen gibt, die grenzwertig sind. Ich bin der Meinung, dass man für seinen Mitspieler einstehen sollte. Wenn man das Eishockey von vor zehn Jahren ansieht, wo es noch fiese Stockfouls gab – ich glaube, dass man so etwas nicht durchgehen lassen kann. Heutzutage ist das aber nicht mehr vertretbar. Die Zeiten haben sich geändert, das ist auch in Ordnung. Deshalb haben wir ja auch nur noch Schubsereien. Aber es gab Zeiten, da habe ich das nicht unbedingt als negativ angesehen. Heute würde ich das nicht mehr gutheißen. Wir haben eine andere Dynamik. Jede Bewegung, die nicht Richtung Scheibe geht, ist Halten. Harte Stockarbeit gibt es nicht mehr. Entsprechend braucht man sich nicht prügeln, Rache ist sinnentleert. Man schadet dem Team und hilft ihm nicht. 1986 aber hätten sie mit mir gemacht, was sie wollten, wenn ich nicht aufgestanden wäre und gegengehalten hätte. Klingt seltsam: Aber auch die Schlägerei hatte ihre Zeit.

„Geht es gut, bist du für zwei Minuten der Held, geht es schief, bist du der Depp“: Frank Fischöder als Trainer der deutschen U18-Nationalmannschaft.

© Foto: Hafner/Nordphoto


Hat man denn mit dem Spieler Frank Fischöder machen können, was man wollte?

Fischöder: Naja, es ist nett, dass Du mich als Spieler bezeichnet. Mein Job war es, Scheiben im Eck zu gewinnen, mich vor dem Tor verprügeln zu lassen. Und die Drecksarbeit zu machen. Ich glaube, dass ich eher zur Fraktion Provokateur zähle. Geprügelt habe ich mich eigentlich nur ein einziges Mal. Ich habe lieber Leute so provoziert, dass sie auf die Strafbank mussten. Das aber auf einem Niveau, das unterirdisch war.

Taktisch hochinteressant: Fischöder "liebt die Verlängerung, das Drei-gegen-Drei"

Das klingt kokett, in der dritten Liga haben sie einmal 27 Tore geschossen, in der 2. Liga immer ordentlich gepunktet.

Fischöder: Ja, aber immer nur bis zum nächsten Konkurs. In NRW gingen die Vereine alle anderthalb Jahre pleite. Wenn du eine gute Saison gehabt, dich gut gefühlt hast, hast du dir im Dezember darauf wieder etwas Neues suchen müssen. Das erklärt vielleicht meine Zahlen.


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Sind Eishockeyspiele durch Penalty-Schießen spannender?

Fischöder: Ich liebe die Verlängerung, das Drei-gegen-Drei. Das ist taktisch sehr interessant und trotzdem schön anzusehen. Penalty-Schießen ist Glückssache. Ein schönes Event, für die Fans ganz toll. Als Trainer aber versuche ich, die Entscheidung vorher zu erzwingen.

Auszeiten nehmen, wenn es dringend ist, oder immer aufsparen?

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Fischöder: Ich habe auch schon im ersten Drittel mal eine Auszeit genommen, ja. Wenn meine Mannschaft über das Eis fällt und wir den Kopf verlieren, dann muss ich den Rhythmus des Gegners töten und selbst Ruhe reinbringen. Dann fehlt die Auszeit halt hintenraus, den Torwart kann man auch aus dem Spiel ziehen. Das ist eine Bauchsache. In der Auszeit geht es ja auch nicht darum, Leute zusammenzuscheißen. Es geht darum, Gedanken zu sortieren. Wenn ich kurz vor Schluss eine Auszeit nehme, gebe ich auch dem Gegner die Gelegenheit, sich zu sortieren. Letztes Jahr im Halbfinale waren wir acht Minuten vor Schluss 0:2 zurückgelegen. Da habe ich keine Auszeit genommen, zweimal aus dem laufenden Spiel den Torwart gezogen und zwei Tore schießen lassen. Zum Glück hat das funktioniert. Gut, das war allerdings auch im Nachwuchs.

Wäre das in der DEL nicht möglich?

Fischöder: Im Nachwuchs kann man experimenteller unterwegs sein. Der Blick von der Öffentlichkeit ist einfach nicht da. Damals hatte ich Glück. Der Torwart war gut darauf vorbereitet, wir schießen das 1:2, zwei Minuten vor Schluss den Ausgleich und gewinnen in der Verlängerung 3:2. Im Profibereich werde ich das immer noch tun, aber die Reaktion wird eine andere sein. So etwas kann einem als arrogant ausgelegt werden. Geht es gut, bist du für zwei Minuten der Held, geht es schief, bist du der Depp. Da sollte man sich keine Gedanken machen. Das hat ja auch nichts mit Arroganz zu tun, sondern mit Gewinnen wollen.


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In Mannheim wurden sie aber nur an Titeln, nur am Gewinnen gemessen.

Fischöder: Dafür spielen wir doch, wir spielen, um den Druck zu haben. Das wollten wir in Mannheim den Jungs vermitteln, die Jungs wollen irgendwann für Geld Eishockey spielen, da muss ich ihnen den Druck auch weitergeben. Druck ist etwas Schönes, wenn ich keinen Druck habe – wofür spiele ich dann? Wenn du einen Scheiß-Artikel schreibst, will dich auch keiner mehr haben.

Ach, naja.

Fischöder: Guter Arbeitgeber. Wenn ich Siebter geworden wäre, hätte ich schon Probleme bekommen. Halbfinale ist Pflicht, Finale Kür. Man kann auch mal ein Finale verlieren, aber das sollte dann bitte eine einmalige Nummer bleiben. Wir hatten das beste Umfeld, die besten Möglichkeiten. Das muss man ausnutzen, aber umsonst gibt es das nicht.

Zurück zu den Nerd-Fragen: Zwei Verteidiger im Power-Play, einer oder gar keiner?

Fischöder: Kommt darauf an: Habe ich einen Verteidiger, der oben spielen kann, der einen Schuss hat? Ich halte nichts von Regeln, es gibt Power-Plays, die sehr gut mit fünf Stürmern funktionieren, andere funktionieren mit zwei Verteidigern. Generelle Aussagen sind da schwierig.

Aber Ihre Idealvorstellung?

Fischöder: Die gibt es nicht. Ideal ist ein Power-Play mit einer Quote von 25 bis 30 Prozent. Wenn der Torwart im Power-Play spielen könnte, um vor dem gegnerischen Tor die Sicht zu nehmen, wäre das auch eine Option.

Zach oder Sturm? "Spieler machen Trainer"

Ihre Mannschaft führt 3:1 vor dem Schlussdrittel, was sagen Sie in der Kabine?

Fischöder: Das, was jeder Trainer sagt: Der nächste Wechsel ist der wichtigste. Zu Ende spielen, die einfachen Dinge richtigmachen. Das ist das Mantra. 3:1 ist kein Ergebnis im Eishockey. Vielleicht hatten wir Glück, aber jeder weiß, wenn wir in den ersten zehn Minuten ein Tor bekommen, machen wir den Freischwimmer. Es geht immer darum, das Selbstvertrauen zu behalten.


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Wer ist der bessere Trainer: Hans Zach oder Marco Sturm?

Fischöder: Verschiedene Zeiten, verschiedene Typen. Ich habe Hans Zach in Mannheim für drei Monate erlebt. Ich hatte viele Gespräche mit ihm, die ich wirklich genossen habe. Sehr gerade, sehr simpel, aber deutlich. Marco Sturm hat mit der Nationalmannschaft einen Riesenjob gemacht. Wer ist der Bessere? Keine Ahnung. Spieler machen Trainer, nicht Trainer machen Trainer. Guter Trainer? Schlechter Trainer? Damit habe ich meine Schwierigkeiten. Wir alle wollen gewinnen, jeder versucht, seine Idee durchzubringen. Am Ende aber ist immer Vertrauen und Respekt die Basis von Erfolg.

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