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Die Hillsborough-Katastrophe veränderte den Fußball

Am 15. April 1989 starben im englischen Sheffield 96 Fans - 15.04.2019 10:36 Uhr

Das Hillsborough-Memorial im Stadion an der Anfield Road erinnert an die 96 Toten der Katastrophe. © Alexander Aulila


Der 15. April 1989 ist bis heute einer der dunkelsten Tage im Fußball. Tausende Menschen wollten an diesem Tag das Spiel ihres FC Liverpool gegen Nottingham Forest im Hillsborough-Stadion von Sheffield sehen. 96 von ihnen kehrten allerdings nie wieder nach Hause zurück. Unter ihnen auch viele junge Menschen, Mütter und Familienväter. Das Hillsborough-Stadion war damals als neutraler Austragungsort des englischen Pokal-Halbfinals ausgewählt worden. Ein sonniger Samstag, der die Fans der "Reds" förmlich dazu einlud, sich spontan auf den etwa zweistündigen Weg von der Mersey in Englands viertgrößte Stadt zu machen.

Doch durch den großen Ansturm brach das Chaos aus. Das Sicherheitskonzept der South Yorkshire Police versagte auf ganzer Linie. Von hinten strömten immer mehr Zuschauer durch die Drehkreuze nach vorne, um nicht den Anpfiff zu verpassen. Zeitgleich war der Block bereits völlig überfüllt, die Menschen, die ganz vorne standen, hatten keinen Ausweg mehr - denn zwischen ihnen und dem Platz war ein großer Zaun, der keinen Bewegungsraum ließ. Eine Massenpanik brach aus.

Erschreckende Vorwürfe

Die Polizei, das sollte sich allerdings erst viel später herausstellen, legte den Fokus auch zu diesem Zeitpunkt noch viel zu sehr auf mögliche Ausschreitungen und ließ dabei die Sicherheit der friedlichen Zuschauer völlig aus den Augen. Zwar versuchten Fans immer wieder über den Zaun zu klettern, die Beamten hielten diese allerdings zunächst für Störer. Erst nachdem hunderte Menschen bereits um ihr Leben kämpften, gab die Polizei die Anweisung, die Notausgänge zum Spielfeld hin zu öffnen. Fans strömten auf den Platz, die Partie wurde zunächst unterbrochen, wenig später ganz abgebrochen. Liverpools legendärer Torhüter Bruce Grobbelaar sprach davon, Hilfeschreie hinter seinem Tor wahrgenommen zu haben. Für 96 Menschen kam diese Anweisung der South Yorkshire Police allerdings zu spät.

Sogar der Stadtrivale, der FC Everton, beteiligt sich am Boykott der Zeitung "The Sun". © Martin Rickett/PA Wire/dpa


Wenig später druckte das britische Boulevard-Blatt Sun abscheuliche Artikel, gespickt mit noch abscheulicheren Vorwürfen. "The Truth", "die Wahrheit", titelte das Boulevardblatt. Doch die Sun gab nicht die Wahrheit, sondern ungefiltert die Polizeiberichte wider, die auf falschen Fakten von Entscheidungsträgern der Behörde basierten. Die Journalisten hinterfragten nicht, sie machten sich zu Handlangern der Beamten, die sich in der Öffentlichkeit von jeglicher Schuld reinwaschen wollten.

Sie berichteten von randalierenden Liverpool-Fans, die Leichen bestohlen hätten. Von Fans, die auf helfende Beamte urinierten. Von Anhängern, die Ersthelfer tätlich angriffen. Das passte zu diesem Zeitpunkt auch gut ins Bild des englischen Fußballs, schließlich waren Hooligans der "Reds" bereits 1985 an der Katastrophe von Heysel beteiligt, als die Anhänger einen mit gegnerischen Fans gefüllten Block stürmten und insgesamt 39 Menschen starben. Die Sun hinterfragte all diese immensen Vorwürfe, für die es auch keinerlei Augenzeugenberichte gab, nicht, so wie es andere Zeitungen taten.

Die Gerechtigkeit kam 27 Jahre später

Die Angehörigen der Opfer wehrten sich schon 1989 gegen diese Vorwürfe. Es sollte aber fast schon unglaubliche 27 Jahre dauern, bis das Hillsborough Independent Panel, eine unabhängige Untersuchungskommission, endgültig feststellte, dass nicht ein von der Polizei behauptetes Fehlverhalten der Fans, sondern Totalversagen der South Yorkshire Police zu der Tragödie geführt hatte. Sogar die Regierung unter der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher half dabei, Fakten und interne Berichte nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Doch die Angehörigen der 96 Opfer ließen nicht locker und kämpften so lange für Gerechtigkeit, bis der Fall 2009 neu aufgerollt wurde. 2012 kam die Kommission zu der Erkenntnis, dass die Fans keine Schuld traf. All die Lügen, mit denen die Sun titelte - sie wurden endgültig als Lügen identifiziert. Eine Entschuldigung der Zeitung folgte prompt, doch Liverpool ist eine stolze Stadt. Eine Stadt, die einen stark ausgeprägten Gemeinschaftssinn hat. Eine Stadt, die nicht vergisst.

Bilderstrecke zum Thema

Gänsehaut und Heimsieg: So gedenkt Liverpool den Hillsborough-Opfern

30 Jahre ist die Katstrophe von Hillsborough, bei der 96 Anhänger des FC Liverpool starben, bereits her. Am Sonntag, also einen Tag vor dem Jahrestag, waren die "Reds" gegen den FC Chelsea gefordert. Vor der Partie stand allerdings Hillsborough im Vordergrund - und die Fans des Tabellenführers ließen sich eine beeindruckende Choreografie einfallen. Hier sind die Bilder aus Anfield!


Noch immer wird die Sun deshalb in Liverpool und Umgebung praktisch nicht verkauft, die meisten Geschäfte legen die Zeitung gar nicht erst aus, die Bevölkerung hat kein Interesse, sie zu lesen. Zu gravierend waren die Lügen, die das Blatt druckte - und damit nicht nur Fans des FC Liverpool, sondern eine gesamte Region, die sich unter der Politik Thatchers ohnehin schon vernachlässigt gefühlt hatte, verprellte.

Genauso wichtig wie das Vereinslogo: Die Hillsborough-Katastrophe gehört beim FC Liverpool zur Klub-DNA. Auf den Trikots des englischen Spitzenklubs wird den Opfern gedacht. © Alexander Aulila


Das tragische Ereignis hat den Klub, zu diesem Zeitpunkt immerhin englischer Rekordmeister, nachhaltig geprägt. Zwei Flammen prangen seit jeher auf den Trikots, sie umschließen die Zahl 96. Ein Zeichen dafür, dass die 96 Anhänger, die an jenem Tag in Sheffield ihr Leben ließen, nie vergessen werden. Im legendären Stadion der "Reds" an der Anfield Road ist eine Gedenkstätte, die bis heute regelmäßig mit frischen Blumen, Kränzen und Kerzen bestückt wird. Aus aller Welt legen Fußballfans Schals ihrer Vereine ab. Das gehört zum guten Ton, ist ein Zeichen des Respekts.

Bedrückende Momente

Blumenkränze mit der Aufschrift "Dad", "Daughter" oder "Uncle",  gemeinsam mit Fotos der Verstorbenen, sorgen dafür, dass auch der härteste und abgebrühteste Fußballfan beim Besuch der Gedenkstätte einen Kloß im Hals hat. Die Stimmung rund um das Hillsborough-Memorial ist bedrückend. Doch genau das ist Teil der Kultur dieses Klubs und auch dieser Stadt - denn sogar im Stadion des Stadtrivalen, dem FC Everton, erinnern eine Plakette und Kerzen an den 15. April 1989. An den Tag, der nicht nur den englischen Fußball, sondern auch den Stolz und das "Wir-Gefühl" einer ganzen Stadt veränderte.

Im Zuge der Hillsborough-Katastrophe wurden in Großbritannien sämtliche Stehplätze in Profi-Fußballstadien zu Sitzplätzen umgebaut. Auch heute ist es nicht möglich, sich ein Stehplatz-Ticket für ein Spiel für die Premier League und die zweitklassige Championship zu kaufen. Die Fußballkultur auf der Insel hat sich drastisch verändert, Hooligans spielen praktisch keine Rolle mehr, aber auch die Stimmung in den Stadien hat stark gelitten. Tickets für ein Spiel des FC Liverpool kosten aktuell ab etwa 60 Euro aufwärts, auf den Rängen sind zunehmend Touristen. Der Stimmung bei den "Reds" haben diese Maßnahmen allerdings kaum geschadet. Der Klub ist weltweit für seine leidenschaftlichen Anhänger bekannt.

Die Vereinshymne "You’ll never walk alone" hat im Kontext der Hillsborough-Katastrophe eine völlig neue Bedeutung erfahren. "Am Ende eines Sturms ist ein goldener Himmel", heißt es dort. Nach vielen Jahren, in denen die Hillsborough-Katastrophe falsch dargestellt wurde, kam letztlich tatsächlich die Wahrheit ans Licht. Eine Bedeutung, der sich auch 30 Jahre später noch jeder bewusst ist, der ein Spiel im altehrwürdigen Stadion an der Anfield Road sieht. Spätestens dann, wenn er vor dem Hillsborough-Memorial steht, seinen Schal ablegt und den 96 Menschen gedenkt, deren Leben viel zu früh endeten. 

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