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Dienstag, 20.08.2019

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Analytisch beim Rugby: Eine Frau hilft den Gentlemen

Einstige "Wasserratte" peilt die Olympischen Spiele 2020 an - 05.06.2019 12:29 Uhr

Mit der Kamera auf der Tribüne: Elsa Häberlein bei der Arbeit.


Elsa Häberlein lacht: Diesen Spruch hat sie freilich schon oft gehört. Passender geht aber auch nicht, denn ihre sportliche Leidenschaft gehört von Kindesbeinen an dem Synchronschwimmen – seit vier Jahren aber auch dem Rugby.

Doch der Reihe nach: Im Alter von sieben Jahren kam die gebürtige Nürnbergerin über ihre große Schwester zu dem eher ungewöhnlichen Hobby Synchronschwimmen. Das sind doch die mit dem Zwicker auf der Nase, die immer lächeln und nebenbei ein bisschen im Wasser planschen? Die gängigen Vorurteile wischt Elsa Häberlein mit einem charmanten Lächeln beiseite: "Die Kombination aus Schwimmen und Musik ist für Mädchen sehr attraktiv", sagt sie. "Außerdem ist es ein toller Teamsport, bei dem man hoch konzentriert und fit sein muss."

"Ich hatte vom Rugby null Ahnung"

Als "totale Wasserratte" stimmt für sie das Gesamtpaket beim Synchronschwimmen einfach. Mit 14 Jahren übernahm sie bereits erste Trainerassistenzen, mit 16 machte sie den Trainerschein und erhielt erste Einblicke in "das System Sport". "Schritt für Schritt stieg mein Interesse für das Thema", blickt sie zurück, und weil es 2008 nicht mehr möglich war, Sport als Diplomfach in Erlangen zu studieren, landete sie eben bei den Sportwissenschaftlern in München.

Vom Studium schwärmt sie noch heute. "Ich habe mich schnell für den Bereich Diagnostik im Leistungssport entschieden." Ein Grund: "Die Möglichkeit zu haben, zu wissen, wie man einen Sportler besser machen kann, ist total spannend." Noch während ihres Studiums knüpfte sie über Trainingslehrgänge und Schnittstellen bei der Diagnostik im Olympiastützpunkt Heidelberg Kontakt zur Rugby Nationalmannschaft, die ebenfalls dort beheimatet ist. Und erhielt prompt ein Stellenangebot.

"Ich hatte von Rugby null Ahnung", gibt Häberlein offen zu und lacht. Die klassische Videoanalyse habe sie etwa am Beispiel des Fußballs gelernt. "Ich musste mich eingehend einarbeiten – und war hin und weg von dieser Sportart", sagt die 30-Jährige mit leuchtenden Augen. "Man muss total gut zusammenarbeiten, denn man darf das Spielgerät ja nur nach hinten werfen, um gemeinsam im Team Raum zu gewinnen", erklärt sie. "Gerade im 7er-Team müssen die Jungs schnell laufen können, robust im Kontakt sein, einen guten Orientierungssinn haben und den Ball beherrschen."

Ihr Platz im Team der deutschen Nationalmannschaft, "Wolfpack" genannt, ist jedoch hinter den Kulissen, und das, sagt sie ganz bescheiden, sei ihr auch deutlich lieber. Bei kleineren Turnieren filmt sie alle Spiele selbst und wertet sie im Anschluss aus. "Ich definiere die Spielaktionen, also bestimme, ob es ein Angriff, ein Tackle, Gedränge oder Gassen war, und codiere diese dann durch." Dadurch ist zu sehen, wie oft angegriffen wurde oder in welcher Formation der Gegner üblicherweise beim Ankick steht. Mit diesem Bündel an Infos stellt der Coach das Team aufs nächste Spiel ein. Anders schaut das bei großen Turnieren aus. "Da sitze ich in einer Area für alle Analysten mit Tischen voller Kabeln und Adaptern, stöpsel mich direkt an das Signal an und codiere live durch." Da muss sie auf den Punkt und jeweils für die Spieldauer von zwei mal sieben Minuten hoch konzentriert sein. "Nach vier Jahren ist es Routine, da sitzt jede Tastenkombination", sagt Häberlein gelassen. Dass sie meist die einzige Frau unter den Analysten ist, darum macht die 30-Jährige kein Aufhebens.

Die Wettkämpfe gleichen Festivals

Im Gegenteil: "Vermutlich bin ich tatsächlich die einzige in diesem Bereich, aber das ist für die Tätigkeit eigentlich egal – und wir sind da sehr familiär", sagt sie, "alle helfen sich untereinander mit Kaffee oder Kabeln. Nur Infos werden nicht ausgetauscht", lacht sie. Dass zum Job auch viele Auslandsaufenthalte gehören – Hong Kong, Moskau, Fiji-Inselns – kommt der reiselustigen Nürnbergerin natürlich entgegen. "Und die Stimmung und Atmosphäre bei den Turnieren gleicht durch die vielen anwesenden Nationen mehr einem Festival als einem Wettkampf."

Neben der Videoanalyse ist Häberlein im laufenden Betrieb für die sogenannte Positionsdatenerfassung zuständig und betreut eine Monitoring-Plattform, die sämtliche Daten der Spieler erfasst. "Ich bin dabei für das Gerüst zuständig – der Coach für Inhalt und Interpretation", sagt sie.

Und die harten Jungs? "Die tragen mir meine Technikkoffer und sind wahre Gentlemen", lobt sie schmunzelnd. Beeindruckt sei sie vom Feuer und Kampfgeist der jungen Männer: "Das Ziel ist ganz klar Olympia 2020 und dafür kämpft diese Mannschaft – diesen Weg mit ihnen erleben und gestalten zu können ist toll", sagt sie. Mit dem Adler auf der Brust sei man zu einer richtigen kleinen Familie zusammengewachsen. 

Claudia Wunder

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