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Montag, 21.10.2019

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Schauspielerin Anette Daugardt haucht Literatur Leben ein

Kunst im Café Bernstein - Geschichten über Gewalt- und Sex-Exzesse - 29.01.2019 17:26 Uhr

Sie spielt zwar keine Gitarre, aber das fällt kaum auf. Professioneller Einsatz der verfügbaren Mittel und eine lebendige Bühnenpräsenz prägen Daugardts Auftritt.


Die gebürtige Schauspielerin aus Berlin taumelt zu Beginn der Veranstaltung auf die Bühne – in der Hand eine Flasche Hochprozentiges. Dazu spielt Rock ‘n‘ Roll und fast stolpert sie ins Publikum. Daugardt sinkt auf der Bühne zu Boden und beginnt mit dem Text von Lucia Berlin, die den Kampf mit der Alkoholsucht umreißt: Die Hände zittern, der Körper bebt, doch "ruhig bleiben, bis du wieder was zu trinken hast".

In der Entzugsklinik hätten sie ihr gegen die Symptome Tee mit Zucker gegeben. Ein ernüchternder Einstieg – doch begründet und frei aus dem Leben der Autorin. Diese war alleinerziehende Mutter vierer Söhne, musste arbeiten und selbstständig sein, schrieb über ihr hartes Leben in Amerika. Ihr Nachname Berlin stammt von ihrem dritten und letzten Mann: Muddy Berlin.

Den Text auf die Bühne bringen

Lucia Berlin verstarb 2004 und ihre literarischen Werke erlangten erst nach ihrem Tod größere Bekanntheit. Ein Werk heißt im Originaltitel "A Manual for Cleaning Women", dies kann zweideutig verstanden werden: als Anleitung für Reinigungsdamen oder als Anleitung, wie man Frauen reinigt. Diese Mehrdeutigkeit prägt die Texte von Berlin, die Daugardt vorträgt und mit intensiver und qualitativer Performanz zum Leben erweckt. In einem Waschsalon handelt eine Geschichte von einer Frau, die versehentlich die falschen Waschmaschinen betätigt – mit ihren letzten Pennys.

Der betroffene Mann, dessen Wäsche nun doppelt gesäubert wird, ist extrem verärgert über die zusätzliche Wartezeit. Und das hört man in Daugardts Stimme – das sieht man in ihren zornigen Augen, wenn sie tobt: "Du hast nicht nur meinen freien Tag ruiniert, sondern damit meine ganze Woche!" Zugleich reichert die authentische und bildhafte Sprache der Texte ein klares Bild an, die Szene des Waschsalons gewinnt an Leben. Es erbauen sich die Charaktere in Fleischesform, gewinnen durch die Darstellung auf der Bühne an Stimme.

Sie schließt ab mit einem schönen Resümee der Verfasserin, die lernte, sich an kleinen Dingen zu erfreuen: Dass sie nicht schon mit dem Kopf ans Aussteigen denken möchte, ehe der Zug in den Bahnhof einfährt. Der perfekte Moment dafür sei genau dann, wenn der Zug hält.

Die Semmeln im Krematorium

Auch der Komiker Karl Valentin erhält Würdigung und Rezeption durch Daugardt. Der gebürtige Münchner kam 1882 zur Welt. Er beendete seine Schreinerlehre und baute fortan viele seiner Requisiten selbst. Sein eigenes Theater schloss er nach nur sechs Wochen aufgrund eines heftigen Streits mit den Behörden, weil sein Sketch auf einer brennenden Zigarette beruhte und dies mit dem Brandschutz nicht vereinbar gewesen sei. Auch von seinem Panoptikum obskurer Dinge wird berichtet.

Dort stellte er den Nagel aus, an den er seinen Beruf als Schreiner hängte oder ein Glas Berliner Luft. Zuletzt folgt die tragische Geschichte der Wirtshaussemmeln, welche nach ihrer Schöpfung direkt ins Krematorium zum Backen gegeben würden. Ihr schmerzvoller Weg, vom prüfenden Quetschen möglicher Interessenten übers Angeniest werden bis in den Mund zweier Verliebter, wird eindrücklich geschildert.

Krankenhaus, Bordell, Knast

Nach einer Pause und als letzte Station des literarischen Exkurses widmet sich Daugardt Charles Bukowski. Dieser wurde 1920 in Deutschland geboren, kam mit drei Jahren aber in die Vereinigten Staaten und wuchs in Los Angeles auf. Früh wurde er in Bandenkriminalität verwickelt, hatte ominöse Jobs und Laufbahnen: abgebrochenes Journalismus-Studium, Werbetexter eines Nobelbordells, Postbote.

Bukowskis Texte drehen sich um Gesetzlose, um Außenseiter, die ins Gefängnis gehen, um diejenigen wie ihn, die sich wenig um gesellschaftliche Normen scheren. In einem weiteren Text beschreibt Bukowski die Krankenhäuser als Paradies für Ärzte und Krankenschwestern, die sich zwischen den Kranken wie Götter emporerheben.

Bukowski bezeichnet sein Studium der Krankenhäuser, Gefängnisse und Bordelle als Wissenschaften des Lebens. Im Gefängnis fühlte er sich zuhause, spielte Poker, bis ihn sein Block respektierte und ihn alle mit "Mr. Bukowski" ansprachen. Dann landete Bukowski wieder auf der Straße, ohne Halt – nur mit seiner Schreibmaschine.

Von alleinerziehenden Müttern und kriminellen Tagelöhnern

Anette Daugardts Literaturauswahl ist ebenso spannend wie die Art und Weise, wie sie den Texten und ihren Verfassern Gehör und Perspektive verschafft. Die Themen liegen im Abseits, genau wie ihre Urheber selbst: von der alleinerziehenden Mutter bis hin zum kriminellen Tagelöhner. Die Schauspielerin verwendet vielseitige Methoden zur Darstellung der Charaktere, auch eine Gitarre spielt sie ab und zu.

Zum Schluss bekennt sie, dass sie gar nicht spielen könnte. Dennoch verwendet sie das Instrument perkussiv und mit offenen Saiten, sodass dies perfekt in die transportierten Geschichten passt. Daugart ist mal laut und mal leise, und bereichert so die Texte auf der darstellenden Ebene: eine passende Kombination mit einer Bandbreite an Emotionen.

Maximilian Bauer

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