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Mädchenschule: Harter Kampf um Bildung

Konzept hält sich auch heute noch, auch wenn die Zahl der Schulen sinkt - 02.09.2019 19:44 Uhr

Schülerinnen einer Maria-Ward-Schule lauschen einem Vortrag. Mädchen und Jungen auf geschlechtergetrennte Bildungseinrichtungen zu schicken, ist vor allem in Bayern noch eine beliebte Alternative zum gemeinsamen Unterricht. Doch auch hier sind die Zahlen rückläufig, in den vergangenen Jahren haben einige Schulen fusioniert oder für das andere Geschlecht geöffnet. © Foto: Peter Zschunke/dpa


Für die meisten Schüler in Deutschland klingt der Gedanke eher altmodisch: Jungen und Mädchen getrennt unterrichten. Dennoch hält sich das Schulkonzept, auch wenn die Zahl der Mädchen- und Jungenschulen sinkt. Vor allem in Bayern sind diese Schulen noch nachgefragt und anerkannt. Im Schuljahr 2016/17 gab es hier 80 für Mädchen und 20 für Jungen.

Einige Bildungseinrichtungen haben aufgrund der rückläufigen Schülerzahlen miteinander fusioniert. Die ehemalige Mädchenschule in Schillingsfürst hat sich zum Beispiel vor vier Jahren auch für das männliche Geschlecht geöffnet und heißt seitdem Edith-Stein-Realschule der Erzdiözese Bamberg.

Doch warum gab es überhaupt Geschlechtertrennung? Werfen wir einen Blick zurück in das 19. Jahrhundert, das in der deutschen Bildungsgeschichte als "Jahrhundert der Bildung und der Gebildeten" gilt. Von den wachsenden Bildungschancen der Jungen waren die Mädchen allerdings ausgeschlossen. Für Bauern- und Handwerkersöhne auf dem Lande zählte die Volksschulbildung als ausreichend, für Mädchen, deren Berufsziel Hausfrau lautete, als nahezu vernachlässigbar.

So ging der Ausbau des öffentlichen Volksschul- und Realschulsystems, die Vereinheitlichung der gymnasialen Lehrpläne und des Abiturs an den Bürgerinnen vorbei. Mädchen war der Zugang zu Realschulen, Gymnasium und Studium sowieso verwehrt. Für sie endete der Bildungsweg spätestens im 15. oder 16. Lebensjahr mit dem Abschluss der Höheren Töchter- oder Mädchenschule oder dem Besuch eines Lehrerinnenseminars. Erst im Zuge der Frauenbewegung gegen Ende des Jahrhunderts wurde der Ruf nach höherer Bildung für Frauen lauter.

1893 eröffnete die Frauenrechtlerin Hedwig Kettler in Karlsruhe das erste deutsche Mädchengymnasium, weil sich das Land Baden aufgeschlossener und liberaler zeigte als die anderen Bundesländer. Kettler hatte selbst eine Schule besucht, in der höheren Töchtern Sprachen, Musik und Geschichte beigebracht wurden, damit "der deutsche Mann nicht an dem häuslichen Herde gelangweilt werde", zitierte sie eine Rektorenkonferenz.

Gleiche Chancen für alle

Für sie war das Recht auf Bildung und freie Berufswahl ein Menschenrecht, deshalb kämpfte Kettler für gleiche Berufs- und Bildungschancen. Sechs Jahre später wurde eine zweite Schule in Hannover genehmigt. Zum Studium mussten die Absolventinnen jedoch zunächst ins europäische Ausland gehen, weil die deutschen Professoren Widerstand leisteten. Gut ausgebildete Frauen könnten Männern die Stellen wegnehmen.

Kettler erlebte allerdings noch, wie nach und nach Frauen an deutschen Unis zugelassen wurden und in den 1920er Jahren der Anteil der Studentinnen auf ein Fünftel stieg, bis die Nationalsozialisten das weibliche Geschlecht aus den Hochschulen und akademischen Berufen vertrieben. Mit der umfassenden Bildungsreform nach 1968 setzte sich der gemischte Unterricht an allen Schularten durch. Mädchengymnasien ebenso wie Jungengymnasien starben allerdings nie aus.

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