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30 Jahre Wende: Erste DDR-Flüchtlinge erreichen Franken

06.11.2019 14:03 Uhr

Ab dem 1. Oktober 1989 strömen DDR-Flüchtlinge ins oberfränkische Hof. Auch in Nürnberg kommen nach und nach immer mehr Menschen aus dem Osten an. © Stefan Hippel


Am 1. Oktober 1989 fährt um 6.14 Uhr ein Zug in den Bahnhof im oberfränkischen Hof ein, der in keinem Fahrplan steht. In den Waggons befinden sich dicht gedrängt rund 1000 DDR-Flüchtlinge. Ihr Schicksal war Stunden zuvor noch völlig ungewiss. Wochenlang harrten sie in der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland aus und hofften auf ihre Ausreisegenehmigung. Die erlösenden Worte spricht der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) am 30. September 1989 vom Balkon des Botschaftsgebäudes: "Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." Der Rest von Genschers Rede ist nicht mehr zu verstehen - sie geht im Jubel von 4000 Menschen unter.

Edith Söllner hat die Ankunft des ersten Sonderzuges mit Botschaftsflüchtlingen in der damaligen Grenzstadt Hof nie vergessen. Wenn sie davon erzählt, bekommt sie sofort Gänsehaut, schießen ihr Tränen in die Augen. "Die Leute haben uns von den Fenstern des Zuges aus zugejubelt. Dann sind sie freudestrahlend ausgestiegen und es lagen sich wildfremde Menschen einfach nur in den Armen. Es war herzergreifend." Edith Söllner ist damals 37 Jahre alt und arbeitet für die Bahnhofsmission. Rund 1000 ehrenamtliche Helfer wie sie stehen rund um das Bahnhofsgelände bereit.

Nur wenig Gepäck

Die meisten Flüchtlinge haben nicht mehr als eine kleine Tasche bei sich. Der Bahnsteig wird zur provisorischen Notunterkunft. Tische werden aufgestellt, Kleiderspenden darauf gestapelt. Die Bevölkerung empfängt die Flüchtlinge mit Südfrüchten und Schokolade. Frauen des Roten-Kreuzes richten einen Wickeldienst für die Babys der DDR-Flüchtlinge ein. "Da hat niemand Nein gesagt, keiner auf die Uhr geschaut, da wurden keine Überstunden aufgeschrieben", sagt Jürgen Stader von der Stadt Hof. Als junger Beamtenanwärter war er damals schon Stunden vor der Ankunft des ersten Zuges von seinem Chef telefonisch aus dem Wochenende geholt worden.

Mehrere Tage lang fahren immer wieder Sonderzüge aus Prag in Hof ein. Für tausende DDR-Flüchtlinge ist es der erste Ort, den sie in Freiheit sehen. Der damals 21 Jahre alte Markus Rindt erlebt die Geschehnisse aus einer ganz anderen Perspektive. Er sitzt in einem der Sonderzüge. Es sind Stunden zwischen Hoffen und Bangen: "Es waren Züge der DDR-Reichsbahn, in die wir an einem kleinen Bahnhof in Prag einstiegen", erzählt er. Gut 250 Kilometer müssen die Züge in dunkler Nacht zunächst zurück durch DDR-Gebiet fahren. Was Markus Rindt und die anderen Flüchtlinge vom Zug aus sehen, wirkt für sie geradezu gespenstisch: "Fast alle 250 Meter erkannten wir Uniformierte der DDR mit Hunden, die die Bahnstrecke bewachten, damit niemand auf den Zug aufspringen konnte." In den Waggons herrscht gedämpfte Stimmung, viele der Flüchtlinge sind völlig erschöpft.

"Gegrölt wie Fußballfans"

"Ich sah nach etwa zehn Stunden Fahrt einen Bahnübergang - und da standen keine Trabis und keine Wartburgs. Ich wusste, wir haben es geschafft", erinnert sich Rindt. "Viele haben einfach nur gegrölt. Man hätte meinen können, es ist ein Zug mit Fußballfans". Schon seit vielen Jahren lebt Rindt wieder in Ostdeutschland, in Brandenburg an der Havel. 1997 gründete er mit einem Freund die Dresdner Sinfoniker, dessen Intendant er heute ist.

In einem anderen der Sonderzüge sitzt Christian Bürger. Der gebürtige Chemnitzer war Sprecher der Botschaftsflüchtlinge. Im Dokufilm "Zug in die Freiheit" des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) erinnert er sich genau an die Einfahrt in den Hofer Bahnhof: "Dann gingen die Zugtüren auf und dann sind wir alle rausgesprungen und haben die bayerische Erde geküsst. Man hatte in dem Moment wirklich das Bedürfnis: Jetzt will ich meine Freiheit küssen."

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Der Hofer Beamte Jürgen Stader wundert sich bis heute, wie die gesamte Organisation so reibungslos funktionieren konnte: "Es gab ja damals noch kein Internet. Wir hatten nur das Telefonbuch. Und wir konnten uns nicht groß auf das alles vorbereiten." Die Erlebnisse haben ihn nie wieder losgelassen. 

Roland beck, dpa

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