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Wolfssichtungen in Bayern häufen sich: Experten uneinig über Vorgehen

Bundesweit soll es laut Untersuchungen rund 1500 Wölfe geben - 14.07.2020 06:00 Uhr

Auch in Bayern griffen Wölfe bereits andere Tiere an.

© Alexander Heinl, dpa


Der Chiemgau ist sicher nicht direkt ums Eck – doch Schäfer Johann Glossner aus Erasbach bei Berching (Kreis Neumarkt) hat den südlichen Freistaat dennoch stets im Blick: Auf einer Alm im Kreis Traunstein ist der Schafzucht-Experte aus der Oberpfalz an einem Gemeinschaftsprojekt beteiligt, bei dem Schafsrassen von Juni bis September auf ihre Almtauglichkeit hin geprüft werden. "Ich bin dort schon seit Jahren dabei, derzeit steht dort von mir dort nur ein Bock – ein alpines Steinschaf", sagt Glossner.

Er ist stark beunruhigt, seit er von den Rissen in der unmittelbaren Nachbarschaft gehört hat. Das Landesamt für Umwelt (LfU) bestätigte Ende Juni insgesamt zehn tote Schafe im deutsch-österreichischen Grenzgebiet zwischen Traunstein und Kitzbühel – sieben auf der bayerischen Seite und drei weitere bei Kössen in Tirol und am Walchsee.

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Das Bayerische Landwirtschaftsministerium kündigte umgehend an, Experten der Weideschutzkommission zu entsenden um über die Anwendbarkeit von Schutzmaßnahmen zu befinden. Auch genetische Proben der Risse seien entnommen worden, um eindeutige Klarheit über den Verursacher zu erhalten. "Die Schafe weisen eindeutige Kehlbisse und Blutergüsse im Bissbereich auf", wird Martin Janovsky, Beauftragter des Landes Tirol für große Beutegreifer, von der österreichischen Lokalpresse zitiert.

Aufgrund des Rissbildes ergebe sich ein konkreter Wolfsverdacht. Das LfU präzisiert in einer Pressemitteilung am Montag seine Angaben: "Ein erster Abgleich zwischen dem deutschen und dem österreichischen Referenzlabor zeigt, dass es sich bei den Schafsrissen in Kössen und Walchsee in Österreich und im südlichen Landkreis Traunstein in Bayern um den identischen Haplotypen und mit großer Wahrscheinlichkeit um dasselbe Individuum handelt." Die Labore arbeiteten nun mit Hochdruck an der Artbestimmung.


Bestätigt: Neues Wolfsrudel bei Weiden in der Oberpfalz


Für Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) ist die vermutete grenzüberschreitende Wolfsaktivität dennoch Grund genug, Handlungsbedarf auf internationaler Ebene festzustellen: "Der Bund ist gefragt, endlich global zu agieren und eine EU-weite Bewertung des Erhaltungszustands auf den Weg zu bringen", fordert die Ministerin in einer Pressemitteilung Anfang Juli. Die Entnahme – also der Abschuss – der eigentlich streng geschützten Tiere müsse als Alternative zu Elektrozäunen in Betracht gezogen werden, so das Landwirtschaftsministerium. Auch Glossner ist überzeugt davon, dass man die Almen nicht mittels Elektrozäunen wolfssicher bekommen kann, selbst wenn diese vom Freistaat in Gebieten mit bestätigten Wolfsvorkommen gemäß dem "Förderprogramm Investition Herdenschutz" bezuschusst werden.

In Niedersachsen wurden zwei Pferde von Wölfen gerissen

Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus beweist die hohe Anpassungsfähigkeit der schlauen Beutegreifer: Ebenfalls Ende Juni kam es bei Rodewald in Niedersachsen (Kreis Nienburg/Weser) zu einem Wolfsangriff auf eine Herde von acht Pferden. Die ausgewachsenen Tiere, die offensichtlich in Panik auseinander getrieben wurden, verletzten sich zum Teil erheblich, zwei Pferde wurden von den angreifenden Wölfen getötet. In diesem Fall liegen die genetischen Auswertungen bereits vor und belegen zweifelsfrei eine Verbindung zum sogenannten "Rodewalder Rudel" um den bereits früher auffällig gewordenen Rüden GW717m, der nachweislich mehrfach Elektrozäune überwunden hat um Beute zu machen.

"Der Rodewalder Rüde hat sein problematischen Jagdverhalten nicht eingestellt, sondern übt offenkundig seine Techniken zur Tötung großer Huftiere mit seinen Nachkommen weiter ein", zitiert die dpa den SPD-Umweltminister Olaf Lies. "Nicht zuletzt durch die durch die vielfältigen Behinderungen der Entnahme durch falsch verstandenen Wolfsfreunde im letzten Jahr konnte der Problemwolf nicht getötet werden." Die Deutsche Reiterliche Vereinigung sieht in dem Vorfall eine neue Eskalationsstufe: Erstmals seien Großpferde in Deutschland betroffen.

Im September soll in Niedersachsen eine Wolfsordnung erlassen werden, eine erhitzte politische Diskussion ist in vollem Gange. Allerdings ist die Wolfsdichte hier auch ungleich höher als im Süden: Nach letzten Schätzungen geht die Landesjägerschaft von 25 Rudeln aus. Gemeinsam mit Welpen und Jungtieren auf Wanderschaft könnten sich bis zu 350 Wölfe im größten Flächenland Deutschlands aufhalten. Insgesamt gehen offizielle Stellen zwischenzeitlich von bis zu 1500 Wölfen in ganz Deutschland aus. Schäfer wie Glossner sind über eine Wachstumsquote von über 30 Prozent jährlich alarmiert: Innerhalb von zwei Jahren könnte sich der Bestand fast verdoppeln.

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Wären nicht also Herdenschutzhunde der Mittelweg zwischen Zaunbau und Abschuss? Schäfer Glossner verneint: "Abgesehen vom enormen Anschaffungspreis und der nach wie vor rechtlich nicht geklärten Situation, was passiert, wenn ein Schutzhund auf Menschen losgeht oder einen geschützten Wolf tot beißt, gibt es noch eine weitere Hürde: Es dürfen nur Schutzhunde in Deutschland verwendet werden, die auch in Deutschland zertifiziert wurden."

Die deutsche Zertifizierung sehe es aber nach Informationen der Schafhalter überhaupt nicht vor, dass der Schutzhund eine Bedrohung für "seine" Herde aktiv angreifen soll. Die Schutzhunde sollen mögliche "Interessenten" lediglich vergraulen. "Das ist in etwa so, wie wenn sie einem Polizisten eine Dienstwaffe ohne Munition aushändigen und ihn dann auf Streife schicken", ärgert sich Glossner.

Zuletzt gab es im westlichen Landkreis Eichstätt zwei mutmaßliche Wolfssichtungen, von denen eine auch das Bayerische LfU aufführt. Weitere Wölfe wurden in Dingolfing-Landau, in Regen sowie aktuell in Weilheim-Schongau südlich von München bestätigt. Außerdem geht das LfU im Freistaat von derzeit zwei Rudeln aus: Im Veldensteiner Forst südlich von Pegnitz sowie im Manteler Forst bei Weiden.


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Sebastian Linstädt

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