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Wieviel Gemeinwohl kann Treuchtlingen?

Erste Kommunen erstellen eine Gemeinwohlbilanz. Folgt bald auch die Altmühlstadt? - 08.07.2020 06:04 Uhr

Gemeinsam für Nachhaltigkeit, Menschenwürde und Ökologie – das ist einer der Grundgedanken der Gemeinwohlökonomie. © jarmoluk/pixabay


Dabei kommen nicht wenige zu dem Ergebnis, das unser aktuelles Wirtschaftssystem in dieser Form kaum zukunftsfähig ist. Der Ressourcenverbrauch ist enorm, die soziale Ungleichheit wächst, der Klimawandel schreitet weiter voran. "Es wird ohne Rücksicht auf Verluste gewirtschaftet, da kann man sich ausmalen, dass das nicht gutgeht", ist sich Günter Grzega sicher. Deshalb will der Treuchtlinger weg vom Neoliberalismus, vom Mantra der Kosteneffizienz, des Konkurrenzkampfes, der Gewinnmaximierung.

Günter Grzega war früher Bahnhofsvorsteher in Treuchtlingen, ist ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München und heute als Botschafter der Gemeinwohlökonomie aktiv. © TK-Archiv / Sieghard Hedwig


Grzega weiß gut, worauf es im Wirtschaftsleben ankommt. Von 1994 bis 2007 war er Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München – eines Unternehmens mit mehreren hundert Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von acht Milliarden Euro. "Wir waren aber schon in den 1990er Jahren der Meinung, dass Gewinnmaximierung allein für eine Genossenschaftsbank der falsche Weg ist", erklärt der heute 76-Jährige. Zunächst richtete er das Bankhaus streng nach dem genossenschaftlichen Prinzip aus. "Ich wollte langfristigen Erfolg für alle unsere Mitglieder und keinen Quartalszahlen-Fetischismus."

Zu Beginn des neuen Jahrtausends suchte Grzega dann nach einem Konzept, das wirtschaftliche Notwendigkeiten und gesellschaftliche Verantwortung vereint. Er fand es in der Gemeinwohlökonomie, die auf den Österreicher Christian Felber zurückgeht. Der durfte seine Ideen auf Einladung Grzegas 2007 in der Bank vorstellen. "Es geht darum, dass die Gesellschaft sich darüber bewusst wird, was sie mit ihrem Handeln bewirkt. Und dass dieses Handeln stärker den Menschen, dem Frieden und der Umwelt dient", skizziert Grzega die Grundzüge.

Von Solidarität profitieren

Damit das nicht nur eine philanthropische Utopie bleibt, sollen Unternehmen und Kommunen eine Gemeinwohlbilanz aufstellen. Diese bewertet das Handeln nach vier Kategorien: Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitbestimmung. Unternehmen, die in Sachen Gemeinwohl gut abschneiden, könnten davon auch monetär profitieren, zum Beispiel durch rechtliche und steuerliche Vorteile.

"Die Gemeinwohlbilanz wird zusätzlich zur klassischen Finanzbilanz erstellt und soll mit der Zeit die wichtigere der Bilanzen werden", erklärt Grzega. Nach Angaben des globalen Gemeinwohl-Ökonomie-Vereins unterstützen bereits 2000 Unternehmen das Konzept, darunter auch die Sparda-Bank München. Grzegas Nachfolger an der Spitze des Geldinstituts, Helmut Lind, ließ 2011 erstmals eine Gemeinwohlbilanz erstellen. Und auch Kommunen interessieren sich für wirtschaftliches Handeln, das vor allem darauf abzielt, Wohlstand und Wohlbefinden in der Gesellschaft zu erhöhen.

Dabei ist die Idee von der Gemeinwohlökonomie kein dezidiert linkes Konzept, wie Grzega betont. Die Gemeinde Kirchanschöring nahe Traunstein, die als erste in Deutschland eine Gemeinwohlbilanz erstellt hat, wird von einem CSU-Bürgermeister regiert. Selbiges gilt für Postbauer-Heng im Landkreis Neumarkt. Dort sitzt seit 2008 der Christsoziale Horst Kratzer auf dem Chefsessel im Rathaus. Postbauer-Heng hat vor kurzem entschieden, künftig eine Gemeinwohlbilanz aufzustellen – auch weil Kirchanschörings Bürgermeister Hans-Jörg Birner den oberpfälzischen Gemeinderatsmitgliedern von der erfolgreichen Umsetzung in seiner Kommune berichtet hat.

Andere Themen waren bisher drängender

In Treuchtlingen war die Gemeinwohlökonomie bisher kein Thema. "Es kommt eben immer darauf an, welche Probleme in einer Kommune gerade im Vordergrund stehen", sagt Grzega. Die Altmühlstadt hatte in den vergangenen Jahren mit anderen Themen zu kämpfen. Da waren der "Wasserstreit" um die Förderrechte der Firma Altmühltaler, die Modernisierung der Altmühltherme oder die Schließung des Stadtkrankenhauses. Und da sind die Strukturschwäche der Region, die zu wenig attraktive Stadtmitte und die leeren Kassen der Kommune, Genug Gesprächsstoff für Politik und Bürger.

Und auch Günter Grzega, der sonst landauf landab mit Vorträgen für die Gemeinwohlbilanz wirbt, hat in Treuchtlingen darauf verzichtet, eine Diskussion anzustoßen. Schließlich saß sein Sohn Joachim Grzega bis März dieses Jahres 18 Jahre lang für die SPD im Stadtrat, und der Vater hätte kein gutes Gefühl dabei gehabt, ihm ständig reinzureden.

Bekannt ist das Konzept in der Stadtverwaltung sehr wohl, wie Rathaus-Pressesprecherin Marina Stoll bestätigt. Eine Bilanz sei allerdings "aktuell nicht in Planung beziehungsweise es wurde sich damit noch nicht konkret beschäftigt". Im Alltag würden die städtischen Mitarbeiter aber durchaus darauf achten, regionale Firmen und Einzelhändler zu berücksichtigen – soweit es im Rahmen der Vergabevorschriften möglich sei. "Es ist spürbar, dass Nachhaltigkeit und Regionalität zunehmend ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken", so Stoll. Leider sei wegen Corona auch das erste "Nachhaltigkeits-Festival" in Kooperation mit der Zukuftsinitiative Altmühlfranken und dem Treuchtlinger Gewerbeverein ausgefallen.

Finanzielle Gründe, auf eine Gemeinwohlbilanz zu verzichten, sieht Günter Grzega in Treuchtlingen unterdessen nicht. "Die Kosten hängen auch davon ab, wie schnell man das einführt. Vielleicht sind es ein paar tausend Euro, aber es ist auf jeden Fall keine Riesensumme." Angesichts der Folgen, die die Corona-Krise für die kommunalen Haushalte hat, ist das nicht unwichtig.

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