Donnerstag, 12.12.2019

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Volkstrauertag: Krieg bricht nicht aus, er wird gemacht

Die zentrale Gedenkfeier am Treuchtlinger Nagelberg gab Stoff zum Nachdenken und Erinnern - 18.11.2019 06:04 Uhr

Die Pfarrer Benedikt Wolff (am Pult) und Matthias Fischer warnten auf der Treuchtlinger Kriegsgräberstätte 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg vor neuem Nationalismus und Gewaltbereitschaft. © Patrick Shaw


Wie kann es sein, dass sich nur ein Jahrhundert nach der "Urkatastrophe" Europas, dem Ersten Weltkrieg, und nicht einmal 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs heute wieder Menschen nach autoritären Regimen, Nationalismus und aggressiver Ellbogenpolitik sehnen? Das fragten Bürgermeister Werner Baum und die beiden Pfarrer Matthias Fischer und Benedikt Wolff sich, die Abordnungen der Vereine und Verbände sowie die rund 50 teilnehmenden Bürger zwischen den endlosen Gräberreihen der Treuchtlinger Kriegsgräberstätte.

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Volkstrauertag in Treuchtlingen: "Krieg bricht nicht aus, er wird gemacht"

Viel Stoff zum Nachdenken und Erinnern gab es bei der zentralen Gedenkfeier des Landkreises Weißenburg-Gunzenhausen zum Volkstrauertag 2019 auf der Kriegsgräberstätte am Treuchtlinger Nagelberg.


Die Antwort kann ihnen zufolge nur Unwissenheit sein. Denn "für unsere Generation sind diese Dinge kaum noch vorstellbar", räumt Wolff ein. Umso wichtiger sei es, sie nicht zu vergessen: nicht die Millionen Toten, aber auch nicht die Überlebenden, wie etwa den imaginären SS-Soldaten "Fritz", der überzeugt von der Überlegenheit einer vermeintlichen Herrenrasse Frauen, Greise und Kinder auf dem Gewissen hat und trotz eines guten Lebens nach dem Krieg den "dicken braunen Klumpen in seiner Seele" nie mehr loswird.

"Wir können nicht so tun, als könnten wir diese Geschichten nachvollziehen", so Wolff. "Aber wir können an sie erinnern." Niemand dürfe sagen, dass ihn das nichts angehe. Und es sei "erschreckend, was heute wieder sagbar ist und passiert", griff er Bürgermeister Baums Hinweis auf den antisemitischen Terroranschlag Anfang Oktober in Halle auf.

"Kein Abwägen, keine Ausnahme"

"Rechte Ideen dürfen nicht wieder erstarken", betonte der Rathauschef. Und die Bereitschaft zur Gewaltanwendung dürfe in Europa nie wieder die Oberhand gewinnen. Denn "Kriege sind keine Naturkatastrophen. Sie brechen nicht aus, sondern werden gemacht – durch Feindbilder, autoritäre Denkmuster und Propaganda." Das vereinigte Europa und das deutsche Grundgesetz stünden dem als Antithese gegenüber – als Versprechen von Frieden, Freiheit, Demokratie und einer "unantastbaren Menschenwürde, die kein Vielleicht, kein Abwägen und keine Ausnahme zulässt". Eine starke Rede des Treuchtlinger Stadtoberhaupts.

Teil am Gedenken hatten die Soldatenkameradschaft, Feuerwehr, Polizei, Rotes Kreuz und Technisches Hilfswerk, Schützen- und Gesangverein, Posaunenchor, VdK und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Letzterer feiert am 16. Dezember sein 100-jähriges Bestehen.

Belastetes Erbe

Wie schwierig indes die Gratwanderung zwischen Geschichte und Gegenwart, dem stillen Erinnern und dem lauten "Nie wieder!" ist, zeigt die gängige Liedauswahl zum Volkstrauertag. Wie sicher auch bei vielen anderen Gedenkfeiern, war hier in Treuchtlingen von "Heldenehre" und "Vaterland" die Rede. Gute Tradition oder unnötige Glorifizierung? Das muss wohl jeder für sich beantworten. Vielleicht hilft dabei ja die Inschrift, die am Nagelberg über den mehr als 2500 Kriegsgräbern wacht: "Den Getöteten aus Gerechtigkeit, den Lebenden zur Umkehr."

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