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Virtuelles Wasser: Unser Verbrauch auf anderen Kontinenten

Umweltprobleme unserer Gesellschaft wird in andere Regionen ausgelagert - 23.08.2019 05:57 Uhr

Mandelbäume wachsen besonders gut in warmen Gebieten. Etwa 75 Prozent der weltweiten Mandelernte stammt aus den Vereinigten Staaten. Dort werden die Pflanzen auch an Orten angebaut, wo es eigentlich viel zu wenig Wasser gibt. © Foto: Patrick Seeger/dpa


Das meiste Wasser, das wir im Alltag verbrauchen, bekommen wir nie zu Gesicht – es steckt in den Produkten, die wir konsumieren. "Virtuelles" oder "verstecktes" Wasser nennt sich das und beschreibt die Menge an Wasser, die in einem Produkt enthalten ist, so der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Das Konzept hat der englische Geograf John Anthony Allan bereits Mitte der 1990er Jahre entwickelt und es lässt sich anhand einer Tasse Kaffee leicht erklären: Für etwa 200 Milliliter Getränk, die in unserer Tasse landen, sind etwa 140 Liter Wasser in Afrika oder Südamerika notwendig, wo die Kaffeebohnen angebaut und dann auch bewässert werden. Kommt noch Milch in den Kaffee, fällt die Bilanz schlechter aus: Für einen Liter Milch werden zuvor etwa 1000 Liter Wasser verbraucht – schließlich muss eine Kuh auch etwas essen und trinken.

Was in der Berechnung noch fehlt: Auch die Herstellung einer Tasse oder einer Kaffeemaschine verbraucht Wasser. Die Bilanz der Produkte fällt dabei ganz unterschiedlich aus. Für ein Kilogramm Mais werden etwa 900 Liter Wasser veranschlagt, für ein Kilo Weizen sind es bereits 1100 Liter. Am oberen Ende der Lebensmittelskala stehen Rindfleisch (1 Kilogramm verbraucht 15.500 Liter) und Mandeln, wofür ungefähr 13.000 Liter fällig werden.

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Mandelbäume wachsen besonders gut in warmen Gebieten. Etwa 75 Prozent der weltweiten Mandelernte stammt aus den Vereinigten Staaten, dort vor allem aus Kaliforniern. Die Bäume werden in großen Plantagen angebaut, die sehr viel Wasser benötigen. Durch die extreme Dürre der Jahre 2011 bis 2017 hat sich dort der Konflikt um den wasserintensiven Mandelanbau verschärft.

Denn die Landwirte haben nach Medienberichten viele tiefe Brunnen gebohrt, um das Grundwasser anzuzapfen. Die Folge: Bei vielen Anwohnern bleiben die Wasserhähne trocken, Haushalte müssen über Tanklaster versorgt werden. Was bei uns also beispielsweise auf dem Kuchen landet, hat für die Bewohner anderer Länder unangenehme Folgen.

Wie verzwickt die Sache ist, wird am Beispiel der Tomaten deutlich: Etwa zehn Prozent der in Deutschland verbrauchten Tomaten werden auch hierzulande angebaut. Der BUND beziffert den Verbrauch für ein Kilo auf neun Liter. Deutlich durstiger seien die Tomaten in Spanien mit 48 Liter pro Kilo, wo sie in großen Gewächshäusern das ganze Jahr über wachsen, in Konserven oder in Ketchup landen und dann noch den Weg nach Deutschland finden müssen. Frische Tomaten aus den Niederlanden dagegen verbrauchen nur zwei Liter pro Kilo. Allerdings werden sie in beheizten Gewächshäusern angebaut – was für zusätzlichen Energieverbrauch und Bodenversiegelung sorgt.

Doch nicht nur Lebensmittel haben einen virtuellen Wasserfußabdruck, auch Gebrauchsgegenstände werden taxiert. Für ein Blatt Papier werden zehn Liter angenommen, ein Baumwoll-T-Shirt benötigt etwa 2000 Liter, und bei einem Auto reicht die Spannweite, je nach Größe, von 20.000 bis 300.000 Liter.

Katastrophe am Aralsee

Wohin die Nutzung des Wassers für die übermäßige Produktion von Industriegütern führen kann, zeigt exemplarisch der Aralsee zwischen Kasachstan und Usbekistan. In den 1960er Jahren war der Binnensee von der Fläche her noch fast so groß wie Bayern (68.478 Quadratkilometer) und hatte ein Volumen von etwa 1093 Kubikkilometer.

Schiffwracks stehen dort, wo einst der Aralsee war. Das Gewässer ist durch übermäßige Wassernutzung für den Baumwollanbau zusammengeschrumpft. © Foto: Zhanat Kulenov/Unesco, CC BY-SA 3.0-igo


Den Hauptzuflüssen des Sees (Amudarja und Syrdarja) wurden große Wassermengen für die künstliche Bewässerung riesiger Anbauflächen für Baumwolle zur Kleidungsproduktion entnommen, der Wasserspiegel sank immer mehr. Im Jahr 2007 fasste der See nur noch 75 Kubikkilometer Wasser – der vorläufige Tiefstand. Durch einen neuen Staudamm wird nun versucht, das Volumen konstant bei etwa 105 Kubikkilometer Wasser zu halten. Das hat allerdings nicht verhindert, dass der Ostteil des Sees im Sommer 2016 wohl erstmals seit dem Mittelalter wieder vollständig ausgetrocknet ist. Die so entstandene Wüste hat den Namen Aralkum erhalten.

4000 Liter pro Tag

Zurück nach Deutschland: Nach der Bilanzierung des virtuellen Wassers verbraucht jeder Deutsche pro Tag etwa 4000 Liter. Zum Vergleich: der tägliche direkte Pro-Kopf-Wasserverbrauch für Essen, Trinken und Körperpflege liegt bei etwa 121 Liter. Doch da ein großer Teil der Waren aus dem Ausland kommt, fallen drei Viertel des virtuellen Wasserverbrauchs in anderen Ländern an, so der Bund für Umwelt und Naturschutz.

Das virtuelle Wasser wird in drei Kategorien unterteilt. Grünes virtuelles Wasser sind die natürlichen Niederschläge und die Bodenfeuchte. Blaues virtuelles Wasser ist die künstliche Bewässerung. Und graues virtuelles Wasser ist das Wasser, das während der Nutzung etwa durch Düngemittel, Pestizide oder Industrieabfälle beeinträchtigt und nur bedingt wiederverwendet wird.

Doch es gibt auch Kritik an dem Konzept. So werde nicht immer unterschieden, ob Wasser natürlich als Regen fällt oder von den Menschen aus Seen oder Reservoirs gepumpt wird. Bei der Rinderhaltung und dem Anbau des Futtermittels wird oft Regenwasser verwendet, was die Bilanz nicht trübt. Werden aber hingegen die Mandelbäume in trockenen Gegenden zur Ertragssteigerung künstlich bewässert, schlägt das negativ auf die Bilanz. Außerdem lässt sich Wasser, das an einem Ort eingespart wird, nicht einfach an einen anderen Ort verfrachten.

Testen Sie Ihr Wissen in unserem Nachhaltigkeits-Quiz

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Finden Sie heraus, wie gut Sie sich in Sachen Umweltschutz, Klimawandel oder Nachhaltigkeit auskennen. Wir haben acht Fragen aus unserem Alltag herausgepickt mit jeweils drei Antwortmöglichkeiten - aber nur eine davon stimmt. Am Ende sehen Sie, wie Sie abgeschnitten haben.

© Julius-Maximilians-Universität Würzburg (dpa)

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Frage 1/8:

Wie lange dauert es, bis ein Kaugummi verrottet?

Mehrere Jahre - wenn überhaupt. Denn damit Kaugummi so schön gummiartig ist, braucht es sogenannte Polymere - und die basieren auf Erdölbasis. Zusammen mit Zucker oder Zuckerersatzstoffen, künstlichen Farbstoffen, Verdickungsmitteln und Geschmacksverstärkern kauen wir am Ende auf einer Substanz, die biologisch nur schwer abbaubar ist. Die ökologisch bessere Alternative sind also Lutschpastillen.

© Lukas Schulze, NZ

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Frage 2/8:

In welche Mülltonne gehören leere Tiefkühl-Verpackungen?

In den Gelben Sack - wenn nichts anderes auf dem Karton steht. Denn oft ist die Verpackung mit Kunststoff beschichtet.

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Frage 3/8:

Und wohin gehören Kassenbons?

Kassenbons (wie auch Lotteriezettel, Automatenbelege oder manche Kontoauszüge) bestehen aus sogenanntem Thermopapier, bei dem die Farbe durch Hitze erzeugt wird. Für die dafür nötige Beschichtung wird meistens Bisphenol A (BPA) verwendet, ein Weichmacher, der als krebserregend gilt. Deshalb dürfen Kassenbons nicht in den Recycling-Kreislauf gelangen.

© Colourbox.de

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Frage 4/8:

Ein Vollbad verbraucht ungefähr 140 Liter Wasser. Und eine Dusche?

Es sind im Schnitt 15 Liter. Inzwischen gibt es aber energiesparende Duschköpfe, bei denen z.B. Luft beigemischt wird. In der Anschaffung sind sie zwar teurer als herkömmliche Duschköpfe. Je nachdem, wie oft und wie viele Menschen in einem Haushalt duschen, kann sich so ein Kauf aber schnell rechnen.

© Ina Fassbender/dpa

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Frage 5/8:

Wie viele Einweg-PET-Flaschen werden in Deutschland pro Stunde verbraucht?

Fast zwei Millionen! Laut Deutscher Umwelthilfe sind Einweg-Flaschen aus Plastik immer noch das am häufigsten verwendete Material bei Getränken. Weil für die Herstellung oft neuer Kunststoff verwendet wird, ist so viel Rohöl nötig, wie fast 400.000 Einfamilienhäusern genügen würde, um ein Jahr lang beheizt zu werden.

© Britta Pedersen/Archiv (dpa)

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Frage 6/8:

Wo ist die Umweltbilanz beim Smartphone am schlechtesten?

In der Herstellung liegt der Verbrauch an Energie und CO2 immer noch 5 bis 10 Mal so hoch wie in der Nutzung. Das liegt vor allem an Rohstoffen (Erze, Gold oder seltene Erden), die energieintensiv abgebaut werden müssen. Laut Greenpeace verschlang die Smartphone-Produktion in den letzten zehn Jahren so viel, wie ganz Indien pro Jahr für die Energieversorgung braucht.

© Bodo Marks/Archiv (dpa)

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Frage 7/8:

Wir bestellen immer öfter Kleidung online. Wie viele Pakete gehen im Schnitt zurück?

Fast jedes Zweite! Laut Verbraucherzentrale macht das rund 800.000 Pakete - jeden Tag. Der Kohlendioxid, der dadurch entsteht, entspricht 255 Autofahrten von Frankfurt nach Peking.

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Frage 8/8:

Ein Flug nach Teneriffa ist so schädlich wie ??? Autofahren.

Etwa ein Jahr lang. Diese Angabe stammt von der Umweltorganisation Germanwatch und beruft sich auf eine Studie internationaler Forscher (The carbon footprint of global tourism).

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Lust auf ein weiteres Quiz?

Dann hier entlang!

In manchen Gegenden nutzen die Menschen das viele Wasser, das ihnen die Natur zur Verfügung stellt. So werden für ein Kilogramm Reis zwar 3000 bis 5000 Liter verwendet, jedoch wächst das Getreide in Asien oft auf Flächen, über denen sich der Regen als Monsun ergießt.

Wer dennoch seinen virtuellen Wasserverbrauch reduzieren möchte, für den hat das Umweltbundesamt folgende Tipps, die nicht jedem schmecken werden: So sollen weniger Fleischprodukte gegessen werden und wenn, dann sollen sie aus der Region stammen. Ebenso wie Obst und Gemüse, das nur saisonal gekauft werden sollte. Und wer beim Kauf von Kleidung auf Biobaumwolle achte, könne den Verbrauch in anderen Ländern ebenfalls reduzieren.

Der Geograph Dieter Gerten befasst sich in seinem Buch "Wasser – Knappheit, Klimawandel, Welternährung", erschienen beim Verlag C. H. Beck Nördlingen, auch mit diesem Thema. Weitere Informationen zum Konzept unter www.virtuelles-wasser.de 

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