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Solnhofener Naturstein: Ein verkanntes "Bioprodukt"

Die Solnhofen Stone Group baut seit 150 Jahren Jurakalk ab. Wenig davon bleibt in der Region. - 09.07.2020 06:04 Uhr

Im großen SSG-Steinbruch in der Langenaltheimer Haardt werden die von der Natur geschaffenen Kalksteinplatten nach wie vor fast vollständig von Hand gebrochen – wie schon zu Zeiten der Römer, die ihre Bäder mit dem Material auskleideten. Für den Einsatz von Maschinen sind die dünnen Lagen zu empfindlich. Die sogenannten Hackstockmeister sind meist Kleinselbstständige, die die Abbauflächen gepachtet haben und den Stein an die SSG verkaufen. © Patrick Shaw


Manchen erscheinen die Kalksteinbrüche rund um Solnhofen wie Narben in der Landschaft, wie vom Menschen geschaffene Steinwüsten. Doch es sind Wüsten, in denen es grünt und blüht – anders als in den oft gar nicht so wahrgenommenen "grünen Wüsten" der landwirtschaftlichen Monokulturen. Seit 150 Jahren bricht hier unter wechselnden Namen die heutige Solnhofen Stone Group (SSG) Jurakalk und Solnhofener Naturstein. Nachhaltiger und regionaler geht kaum.

Umso mehr wundert sich Geschäftsführer Holger Weisel über die mangelnde Würdigung seines Produkts und das etlicher weiterer Jurastein-Produzenten vor Ort. Denn anders als es Gerüchte besagen und trotz Corona boomt das Geschäft – nur nicht in der Region. Rund 50 000 Tonnen Fensterbänke, Boden- und Fassadenplatten verlassen das SSG-Werk am Maxberg jährlich, gehen nach London, Moskau, New York und Tokio. Als Gewerbesteuerzahler ist die Steinindustrie in Altmühlfranken ganz vorn mit dabei.

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Die Firma SSG: Jurastein aus Solnhofen

Seit 150 Jahren bricht die heutige Solnhofen Stone Group (SSG) unter wechselnden Namen im Süden Altmühlfrankens Jurakalk und Solnhofener Naturstein.


"Aber die Mehrfachturnhalle in Weißenburg bekommt eine Alu-Fassade, die Bezirksklinik in Treuchtlingen wohl eine aus Glas und Holz, die Weißenburger Grundschule hat einen geschliffenen Estrichboden, und auch bei der Senefelder-Schule hat offenbar niemand über eine Natursteinfassade nachgedacht", bedauert Weisel. "Die Steinreichen 5"? "Der Starke Süden"? Alles scheinbar leere Worte, Regionalität ein Feigenblatt.

Zugegeben, auch bei den Solnhofenern ist nicht alles so umweltfreundlich wie der reine Steinabbau. Das ebenfalls zur Firmengruppe gehörende Portland-Zementwerk verbraucht deutlich mehr Energie – wenngleich es auch dort ein Einsparprogramm gibt. Und dann ist da noch der Transport der schweren Produkte in alle Welt. "Wir würden unseren Stein lieber in der Region an die Wand hängen", betont deshalb der SSG-Chef. Während Qualität und Nachhaltigkeit des Jurakalks im Ausland "hoch geschätzt" seien, gebe es hierzulande jedoch schon bei den Architekten viel Skepsis oder schlicht kaum Wissen über das Material.

Ein Eingriff, der verheilt

Dabei ist der Solnhofener Plattenkalk laut Weisel "das Bioprodukt schlechthin". Im Gegensatz zur katastrophalen Umweltbilanz bei der Herstellung von Aluminium benötige der Stein bei der Gewinnung von Hand weder Energie noch Chemie – von den Arbeitsbedingungen und Umweltschäden in Bauxit-Förderländern wie Brasilien oder Indien ganz zu schweigen. Die hiesigen Steinbrüche wachsen zudem nicht, sie "wandern" nur und werden nach dem Abbau renaturiert. Dann werden sie mit ihren schroffen Felsen und kleinen Tümpeln oft sogar zu Biotopen für seltene Arten. Fuchs und Hase sagen sich dort nicht nur gute Nacht, sie besuchen die Steinbrecher auch tagsüber. Der Abbau sei "natürlich ein gewisser Eingriff in die Natur, aber kein negativer", so Weisel, der selbst im Steinbruch Bienen hält.

Die neue Schleifstraße der SSG am Maxberg sorgt für den matten oder strahlenden Glanz der Boden- oder Fassadenplatten, die aus den Solnhofener Naturstein entstehen. Vor allem international boomt das Geschäft mit dem regionalen Rohstoff, weshalb die SSG erst jüngst im siebenstelligen Euro-Bereich investiert hat. © Patrick Shaw


Das fürs Schleifen der Platten nötige Wasser wird dem Geschäftsführer zufolge mehrfach aufbereitet, den Strom liefern am Maxberg große Photovoltaikanlagen. Und anders als zum Beispiel bei Lärchenholz aus Sibirien wären auch die Transportwege sehr kurz und die Wertschöpfung bleibe vor Ort, wenn der Stein mehr in der Region verwendet würde.

So aber folgt die SSG dem Trend und beliefert mit ihren 150 Mitarbeitern, vier Werken und acht Steinbrüchen (darunter auch das Gundelsheimer Marmorwerk bei Treuchtlingen) mittlerweile Großbaustellen in den USA, Russland oder dem Mittleren Osten. Dafür kauft die Firma inzwischen auch andere Steine wie Schiefer oder Granit zu und baut seit 2019 eine eigene Keramik-Linie auf. Deren Lieferanten sitzen zwar nicht in Franken, zumindest aber in der EU. "International gibt es kaum noch Kunden, die ausschließlich Naturstein machen", erklärt Vertriebsleiter Andreas Renner.

Ins internationale Geschäft investiert

Mehr als fünf Millionen Euro sind in den vergangenen zwei Jahren überdies in eine neue Schleifstraße, Spaltanlage und Steinsäge geflossen, demnächst soll eine erweiterte Ausstellung mit fast 1000 Quadratmetern Fläche eröffnen. Und auch die Belegschaft hat zuletzt eine Verjüngungskur durchlaufen.

Gewaltig wirkt der brachliegende Steinbruch westlich des SSG-Geländes im Vergleich zu den winzigen, tatsächlich aber ebenfalls riesigen Türmen des Zementwerks links im Hintergrund. Die tiefe „Narbe“ im Gelände wächst aber rasant wieder zu und schafft ungeahnte neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere. © Patrick Shaw


Durch die Corona-Zeit ist die SSG laut Pressesprecherin Magdalena Schönwetter "erstaunlich gut gekommen". Die Auftragsbücher seien gut gefüllt, die Projekte hätten sich meist nur verschoben. Die Absatzsteigerung von etwa 20 Prozent in den beiden Vorjahren habe die SSG zwar nicht fortsetzen, das Niveau aber trotz der Pandemie halten können.

Ein großes regionales Projekt gab es für die SSG immerhin vor vier Jahren: Beim Bau der Fach- und Berufsoberschule in Regensburg war die Firmengruppe einer der Lieferanten für mehr als 11 000 Quadratmeter Bodenplatten. Früher lag der Solnhofener Stein in Franken vielerorts in Schulen, Behörden und Bibliotheken, heute musste dafür erst ein Architekturbüro aus Leipzig kommen. Auch die Planer von "Schulz und Schulz" mussten sich laut Holger Weisel im Regensburger Stadtrat einer Debatte über Kosten und Langlebigkeit stellen – bis sie die Ratsmitglieder darauf hingewiesen hätten, dass diese in ihrem eigenen Rathaus Solnhofener Naturstein unter den Füßen haben. . .

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