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Grundwasser: Alle Nutzer müssen kürzer treten

Auskunft des Umweltministeriums sieht Einschränkungen vor - 07.09.2019 05:58 Uhr

Der Klimawandel sorgt auch in Deutschland bereits für wachsende Verteilungskämpfe ums Wasser. So machen die Bürger in Steudach bei Erlangen die Bewässerung der Gemüsefelder für das Versiegen ihrer privaten Brunnen mitverantwortlich. © Foto: Klaus-Dieter Schreiter


Die Debatte um die Firma Altmühltaler hat das Thema der Wasserversorgung in Zeiten des Klimawandels in den Blick der Öffentlichkeit gerückt – und das weit über Treuchtlingen hinaus. Nicht nur Bürger und benachbarte Kommunen, auch Wasserwirtschaftsamt, Regierung und Ministerium vertraten und vertreten teils unterschiedliche Auffassungen. In einem sind sich aber alle einig: Sauberes Wasser muss geschützt werden. Zwei Anfragen des Grünen-Landtagsabgeordneten Martin Stümpfig an das bayerische Umweltministerium liefern nun weitere Daten, wie das kostbare Gut derzeit verteilt wird und wohin die Reise gehen könnte. Wir haben die wichtigsten Antworten zusammengefasst:

Wie groß und wie beschaffen ist der Speicher des "Überdeckten Sandsteinkeupers", aus dem derzeit rund zwei Dutzend mittelfränkische (und einige bayerische) Kommunen, Zweckverbände, Bäder und Unternehmen Tiefengrundwasser entnehmen?

Das Grundwassersystem erstreckt sich über rund 10 000 Quadratkilometer von Amberg im Norden über den Brombachsee im Westen, Pfaffenhofen im Süden bis Regensburg im Osten. Es regeneriert sich nur langsam und ist sehr "alt". Teils wurde das Wasser vor mehreren Jahrtausenden gebildet, während oberflächennahes Grundwasser höchstens einige Jahrzehnte alt ist.

Wegen der schützenden Deckschicht ist Tiefenwasser zudem oft fast völlig frei von menschengemachten Schadstoffen wie Nitrat aus der Landwirtschaft oder Einsickerungen aus verschmutzten Gewässern. Viele Tiefenwasservorkommen enthalten allerdings natürliche Problemstoffe wie Uran oder Arsen. Im Überdeckten Sandsteinkeuper sind diese Verunreinigungen jedoch ebenfalls atypisch gering.

Wie stark tragen (zusätzliche) Entnahmen öffentlicher Wasserversorger und gewerblicher Nutzer zu einer Grundwasserabsenkung bei und wie wird dies überwacht?

Grundsätzlich senkt jede Nutzung den Grundwasserspiegel ab, bis sich je nach geologischen Verhältnissen und Wechselwirkungen irgendwann ein Gleichgewicht zwischen Zustrom und Entnahme einstellt. Basis für die Vorhersage solcher Veränderungen in dem teils sehr komplexen "gespanntem", also unter Druck stehendem Grundwassersystem ist das "Regionale Grundwassermodell für den Sandsteinkeuper im südlichen Mittelfranken".

Darin sind laut Umweltministerium "die Auswirkungen jahrzehntelanger Entnahmesteigerungen sowie seit etwa dem Jahr 2003 leicht rückläufiger Entnahmen gut erkennbar". Im nordwestlichen Bereich sei das System derzeit stabil, im Südosten gebe es ein Ungleichgewicht. Um die dortigen Entnahmen zu kompensieren, ströme Tiefenwasser aus dem Norden nach, aber auch oberflächennahes Grundwasser und Uferfiltrat aus Altmühl und Kleiner Roth.

"Insgesamt bedingen die Entnahmen eine maßgebliche und fortschreitende Speicherentleerung durch großräumige Druckabsenkungen", so das Ministerium – bei den aktuellen Fördermengen um jährlich etwa 2,2 Millionen Kubikmeter, wobei sich ein Gleichgewicht voraussichtlich erst "in ferner Zukunft" einstellen werde (die Rede ist von mehreren hundert Jahren).

Die Grafik zeigt die genehmigten jährlichen Tiefenwasser-Entnahmemengen aus dem überdeckten Sandsteinkeuper, die in der aktuellsten wasserwirtschaftlichen Studie zum Grundwassermodell berücksichtigt wurden. Rot markiert sind die Nutzer im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. © NN-Infografik/Bayerisches Umweltministerium


Wie hat sich der Grundwasserpegel in Mittelfranken in den letzten Jahren entwickelt?

Wegen der häufigeren Trockenjahre ist die durchschnittliche Grundwasserneubildung dem Ministerium zufolge seit 2003 um rund 15 Prozent zurückgegangen. Aktuell seien die Pegelstände an einem Drittel der oberflächennahen Messstellen niedrig oder sehr niedrig, bei den tiefen Messungen sogar 70 Prozent.

Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen auf das Tiefenwassers?

Mögliche Folgen sind laut Umweltministerium "großräumige Verschiebungen von Grundwasserscheiden", "ein irreversibler Abbau des sehr alten Grundwassers" sowie "nachteilige Veränderungen der natürlichen Beschaffenheit". Wegen der extrem langen Fließzeiten sei bei einem Probebetrieb wie dem geplanten für die Firma Altmühltaler zwar "nicht von unmittelbaren Beeinträchtigungen auszugehen". Allerdings könnten "aufgrund der Summenwirkung mit bereits bestehenden Entnahmen (...) zeitverzögert anthropogene Schadstoffe wie zum Beispiel Nitrat und Pflanzenschutzmittel zuströmen".

Veränderte Druckverhältnisse könnten zudem auch natürliche Belastungen erhöhen, was unter Umständen eine Aufbereitung des Wassers nötig machen würde. Diese Unwägbarkeiten waren letztlich der Hauptgrund für die Ablehnung des Wasserrechtsantrags für die Firma Altmühltaler.

Welchen zusätzlichen Bedarf erwarten die öffentlichen Wasserversorger angesichts des Klimawandels und wie soll darauf reagiert werden?

Statistiken darüber gibt es laut Ministerium nicht, mit einem höheren Verbrauch durch Bürger und Landwirtschaft sei jedoch zu rechnen. Eine Umfrage zum Trockenjahr 2018 habe ergeben, dass die Mehrheit der Kommunen und Zweckverbände die Versorgung in einem einzelnen Trockenjahr sicherstellen könne, mehrere Dürrejahre in Folge jedoch zu einer "Verschärfung der Situation" führen würden. Bei knapp der Hälfte der Versorger seien im Zuge des Klimawandels zusätzliche Maßnahmen nötig, wie etwa die Verringerung von Wasserverlusten, die Bildung von Leitungsverbünden und der Ausbau der Gewinnungsanlagen.

"Für die Zukunft entsteht dadurch nicht nur die Notwendigkeit zum sparsamen Umgang mit Trinkwasser, sondern auch zur Sicherung von Trinkwasserreserven, insbesondere dort, wo sich die Wasserversorgung auf Tiefengrundwasser stützt", so das Umweltministerium. Zu diesem Zweck werde ein Bewirtschaftungsplan für den überdeckten Sandsteinkeuper erarbeitet "mit dem langfristigen Ziel, die Entnahmen dort zu reduzieren". Dies setze allerdings Alternativen wie oberflächennahe Grundwasserleiter und Verbundleitungen voraus. "Im Ergebnis soll dieser Tiefengrundwasserleiter möglichst schonend bewirtschaftet werden, um quantitative sowie qualitative Beeinträchtigungen im Sinne einer ,Eisernen Reserve‘ zu minimieren", heißt es aus München.

Wie hat sich die Nutzung von Tiefengrundwasser im Vergleich zu oberflächennahem Wasser sowie die Versorgung mit Fernwasser im Vergleich zu lokalen Versorgern in Mittelfranken zuletzt entwickelt?

In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil von Tiefenwasser lediglich in den Landkreisen Erlangen-Höchstadt und Fürth geringfügig um weniger als zwei Prozent gestiegen. Ansonsten ist er gleich geblieben. Auch ans Fernwasser wurden im zurückliegenden Jahrzehnt nur einige kleinere Ortsteile zusätzlich angeschlossen. Konkrete Zahlen dazu liegen dem Ministerium nicht vor.

Interessant ist diese Frage vor allem, weil auch die Fernwasserversorger den Klimawandel zu spüren bekommen und möglicherweise in Zukunft restriktiver haushalten müssen. Möchte man gleichzeitig nicht mehr Tiefenwasser entnehmen, müssten dann viele oberflächennahe Brunnen, die in der Vergangenheit aus Kostengründen stillgelegt wurden, für viel Geld reaktiviert werden.

Spielt der zu erwartende Mehrbedarf der öffentlichen Wasserversorger bei der Frage eine Rolle, ob gewerbliche Nutzer neue oder zusätzliche Wasserrechte erhalten?

Laut Umweltministerium besteht "durch den Vorrang der öffentlichen Wasserversorgung gegenüber sonstigen Nutzern bei Konkurrenzsituationen grundsätzlich keine Besorgnis, dass die Bedarfsdeckung der öffentlichen Wasserversorgung aufgrund von privaten Nutzungen beeinträchtigt wird". Dies sei im Wasserhaushaltsgesetz und im Landesentwicklungsprogramm festgeschrieben.

Anders als Trinkwasserversorger müssen gewerbliche Nutzer zwar keinen Bedarfsnachweis erbringen, da für sie ein konkreter "Versorgungsauftrag" schwerlich zu belegen sei. Grundsätzlich müsse ein solcher Betrieb aber ebenfalls "bedarfsbeeinflussende Rahmenbedingungen" wie beispielsweise unternehmerische Absichten, Marktsituation, Vermarktungsmöglichkeiten und Finanzierbarkeit "hinreichend konkret darlegen", so das Ministerium.

Dabei gehe es insbesondere auch um die Differenzierung zwischen Wasser, das als Getränk in der Flasche landet, und Wasser für sonstige Prozesse wie Spülung und Reinigung. Eine Bevorzugung gewerblicher Interessen gebe es nicht und eine Sonderstellung von Mineralwasserbetrieben "allenfalls dadurch, dass hierfür Wasser besonderer Reinheit erforderlich ist", wie sie oft nur Tiefengrundwasser aufweise.

Anders als nun bei der Firma Altmühltaler, sei in den vergangenen zehn Jahren auch kein einziger Antrag auf Neuerteilung oder Verlängerung wasserrechtlicher Genehmigungen für die öffentliche Versorgung abgewiesen worden. Einzelne Anträge wurden lediglich mangels Bedarf beschnitten, wie etwa jüngst beim Zweckverband Burgsalacher Juragruppe, der statt der beantragten 385 000 Kubikmeter nur 380 000 Kubikmeter pro Jahr erhalten hatte.

"Hinsichtlich des Bedarfsnachweises sind die verschiedenen Nutzungen grundsätzlich gleichgestellt", so das Fazit aus München. Weitere Anträge von Getränkeherstellern zur Förderung von Tiefenwasser aus dem Sandsteinkeuper liegen laut Umweltministerium aktuell nicht vor.

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