Donnerstag, 24.10.2019

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Am 1. Mai wird in Treuchtlingen demonstriert

Gewerkschaften rufen wegen Krise der Autobranche erstmals seit Jahrzehnten zu Protestzug auf - 25.04.2019 06:04 Uhr

Die letzte Demonstration in Treuchtlingen ist schon einige Jahre her und wandte sich gegen die damaligen Schließungspläne bei Krauss Maffei (Bild). Am Maifeiertag gehen heuer Gewerkschaften und Arbeitnehmer für Jobs in der Region und ein gerechteres Europa auf die Straße. © TK-Archiv/Hubert Stanka


Bei den Autombilzulieferern in der Region wird es ungemütlich. Ist die Werkschließung mit 130 Entlassungen bei Alfmeier Präzision in Gunzenhausen nur der Anfang? "Der Landkreis wird in nächster Zeit massiv bluten", prognostizieren die Gewerkschafter Andreas Hein von der IG BCE und Agnes Mendel von Verdi. Für den "Tag der Arbeit", 1. Mai, rufen sie deshalb im Namen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zu einem Novum auf: einer waschechten Mai-Demonstration für den gesamten Landkreis in der Treuchtlinger Stadtmitte.

Seit vielen Jahren ist die Altmühlstadt Ort der zentralen Maikundgebung des DGB im Landkreis. Diese beschränkte sich aber in der jüngeren Vergangenheit stets auf eine Versammlung mit Reden in der Fischergasse. Der letzte wirkliche Demonstrationszug liegt Jahrzehnte zurück. Umso größer erscheint die Bedeutung des jetzigen Aufrufs.

"Der Landkreis wird massiv bluten", prognostizieren Agnes Mendel von Verdi und Andreas Hein von der IG BCE am Ort der Maidemo in der Treuchtlinger Fischergasse - passenderweise genau neben der dortigen Autostrom-Tankstelle. Die Beschäftigten der Automobilzulieferer seien sehr besorgt über die Zukunft ihrer Jobs. © Patrick Shaw


"Die Beschäftigten sind in hohem Maße verunsichert über die Zukunft ihrer Arbeitsplätze", schreibt DGB-Kreisvorsitzender Willi Ruppert in einer Pressemeldung. "Und sie gehen dafür auf die Straße." Zu der Demo rufen nicht nur die Gewerkschaften IG BCE, Verdi, NGG, GdP, GEW, IG BAU, EVG und IG Metall auf, sondern auch die Vertrauensleute der Firmen Alfmeier Präzision in Treuchtlingen und Gunzenhausen sowie Oechsler, Plastic Omnium und Nifco KTW in Weißenburg und Pappenheim.

Hintergrund ist laut DGB die "dramatische Zuspitzung" der Situation bei den Automobilzulieferern in Folge von "Diesel-Gate", Brexit, Zollstreitigkeiten und Handelskonflikten. Als Teil global agierender Konzerne sei die Branche im Landkreis einem erheblichen Preis- und Konkurrenzdruck ausgesetzt – von Wettbewerbern ebenso wie von den eigenen Niederlassungen innerhalb der EU sowie in Billiglohnländern wie China oder Mexiko. Zur Diskussion stünden Verlagerungen nicht nur der Produktion, sondern auch der Entwicklung, Arbeitszeitreduzierungen, Kurzarbeit und Entlassungen.

"Politik muss sich warm anziehen"

"Der Druck auf die Arbeitsplätze ist immens und die Entwicklung absehbar", sagt der Treuchtlinger Andreas Hein von der IG BCE. Im Landkreis gebe es "etliche sehr große Unternehmen, die alle zu kämpfen haben". Der Abbau von Arbeitsplätzen in Südeuropa werde sich nun im Norden fortsetzen. Das betreffe nicht mehr nur angelernte Arbeiter, sondern auch Fachkräfte wie zum Beispiel Technische Zeichner. "Trump verschiebt mit seiner aggressiven Handelspolitik ganze Lieferketten, und auch China versteht genau, wie der Hase läuft", so Hein.

Die Folgen seien gerade für den Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen massiv, ergänzt Agnes Mendel von Verdi: Arbeitsplatzverlust, sinkende Kaufkraft und zunehmende Landflucht. "Das sind Existenzen, die auf dem Spiel stehen. Da wird sich die Politik warm anziehen müssen."

Aus diesem Grund demonstrieren die Gewerkschaften am 1. Mai "für den Erhalt von Arbeitsplätzen in der Region und ein starkes Europa als Gegengewicht zu wirtschaftspolitisch aggressiv auftretenden Ländern wie USA oder China". Außerdem fordert der DGB "eine Politik, die Rahmenbedingungen schafft, damit es sich weiterhin lohnt, Arbeitsplätze im Landkreis, Deutschland und Europa zu erhalten und zu schaffen". Auch die Automobilhersteller müssten "umdenken und ihren Lieferanten mehr Geld zum Leben lassen". Nicht zuletzt brauche es statt der nicht zu Ende gedachten Förderung der Elektromobilität "einen Umweltschutz mit Hirn und Verstand".

Bundesweit stehen die Maikundgebungen dieses Jahr unter dem Motto "Europa. Jetzt aber richtig! Auf die Straße für ein solidarisches und gerechtes Europa". Zwölf Veranstaltungen gibt es in Mittelfranken. Der DGB erinnert mit ihnen nicht zuletzt "an die Bedeutung der Wahlen zum Europäischen Parlament in wenigen Wochen". Das Motto sei Bekenntnis zu Europa und zugleich Mahnung, längst fällige Reformen anzugehen.

Europa soll Vorbild werden

"Steuerflucht, verantwortungsloses Spekulieren, Ausbeutung der Natur, Klimazerstörung und egoistischer Nationalismus spalten die Gesellschaft und zerstören Demokratie und Frieden in Europa und der Welt", konkretisiert Willi Ruppert. Ein gerechtes Europa bedeute, dass "die Menschen im Mittelpunkt der Politik stehen und soziale Interessen Vorrang vor den Interessen der Unternehmen haben müssen".

Dafür brauche es europaweite Standards für Steuern und Soziales, Umwelt- und Verbraucherschutz, Arbeitsbedingungen, Tarifbindung, Chancengleichheit und Mindestlöhne sowie "ambitionierte Zukunftsinvestitionen, die Wachstum, Arbeitsplätze, Bildung, Infrastruktur und Wohlstand für alle sichern und fördern". Die EU müsse "zum Vorbild für eine faire Globalisierung werden".

Die Demonstration in Treuchtlingen startet am 1. Mai um 9 Uhr vor dem Bahnhof. Die Auftaktrede hält Gewerkschaftssekretär Christian Vossenkaul von der IG BCE Nürnberg. Anschließend geht es mit Bannern und Plakaten gemeinsam mit den Bürgern in die Fischergasse, wo um 9.30 Uhr die gewohnte Kundgebung beginnt.

Dort sprechen der DGB-Kreisvorsitzende Willi Ruppert und Verdi-Landesfachbereichsleiterin Susanne Becker sowie Bürgermeister Werner Baum als Zeichen der Solidarität der Stadt. Weiter geht es gegen 12 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst, bevor die Maidemo um 13 Uhr in das "Fest der Kulturen" mündet.

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