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Glosse: Ich sag "Servus", er sagt "Pace"

Wie ein Redakteur versucht, die Sprache junger Triathleten zu verstehen - 19.05.2019 05:58 Uhr

Jung, durchtrainiert, sprachbegabt - so sind die Triathleten von heute. © Johannes Alles


Dass jetzt allmählich wieder andere Saiten aufgezogen werden, merkte ich, als ich neulich etwas Gutes tun wollte und bei furchtbarem Wetter zum „Charity-Schwimmen“ ins Rother Freibad gepilgert bin. Großzügige Sponsoren spendeten für jede geschwommene 100 Meter 50 Cent, am Ende kamen immerhin 3400 Euro zusammen.

Außer mir waren allerdings fast nur Leute da, deren Sprache ich nur rudimentär verstand. Als sie sich in der bitter nötigen Wärmehalle über den Weg liefen, sagten sie nicht etwa „Hallo“ oder „Servus“. Sie hatten auch keine Zeit für ein „Wie geht’s“ oder „Schon lange nicht mehr gesehen“. Sie schmetterten vielmehr Wörter wie „Pace!“ oder „Schnitt!!“ oder Halbsätze wie „Dreifünfundvierzig auf Zehn!!!“.

Austrainiert und schnittig

In Windeseile hatten sie ihre bunten Laufschuhe, in denen sie kurz vorher wahrscheinlich die „Dreifünfundvierzig auf Zehn!!!“ absolviert hatten, ausgezogen und ihre austrainierten Körper in schnittige Neoprenanzüge gesteckt. In diesen Anzügen durchpflügten sie bei Dauerregen und böigem Wind in teils atemberaubender Geschwindigkeit das 23,5 Grad kalte (oder warme?) Wasser.

Als sie später Schwimmbrille und Badekappe abgelegt hatten, exerzierten sie das Geleistete noch einmal durch, ähnlich einem Schafkopf-Spieler, der seinem genervten Partner erklärt, dass er den „Alten“ doch besser gleich beim ersten Stich hätte einsetzen sollen. „Zehnmal Einsfünfzehn auf 100“ hörte ich also, aber auch „Drei-zwo nach Plan“ oder „Scheiß Intervalle“.

Von den Borg assimiliert

Manche debattierten noch über Ernährung und Nahrungsergänzungsmittel, andere über die Radbekleidung, die am nächsten Tag beim angebotenen „90er“ (einmal die legendäre Challenge-Runde) angesichts vorhergesagter zwei Grad plus angemessen erschien.

Ein bisschen kamen sie mir vor wie Aliens. Aber vielleicht bin auch ich der Außerirdische in diesem Volk von Triathleten. Möglicherweise haben sie mich sogar schon assimiliert wie seinerzeit die Borg den bedauernswerten Jean-Luc Picard, glatzköpfiger Kapitän der Enterprise.

Sag zum Abschied leise Servus

Meine Sportuhr hatte ich nämlich auch im Wasser mitlaufen lassen. Und die Kontrolle durfte in der Wärmehalle nicht fehlen. 106 Bahnen, 5300 Meter, 1:40 Stunden. Oder: „Einssiebenundfünfzig auf Hundert“, aber 53 Mal hintereinander. Für mein Alter und für diese frühe Saisonphase eine ordentliche „Pace!“, ein ordentlicher „Schnitt!!“.

Nur gesagt habe ich das natürlich keinem. Stattdessen sagte ich, als ich ging, ganz einfach: „Servus“.

 

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