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Mit Altbewährtem Neues wagen

Von Aussaat bis Abfüllung: Tobias Kreiselmeyer stellt hochwertige Speiseöle selbst her - 29.01.2019 11:16 Uhr

Familie Kreiselmeyer hat seit jeher Raps angebaut – nun verwertet man die Pflanze einfach auf eine andere Art. © privat/Scheuenstuhl


Es ist schon erstaunlich, in welch kurzer Zeit, der 25-Jährige dieses zusätzliche wirtschaftliche Standbein für den seit mindestens fünf Generationen bestehenden Betrieb mit Ackerbau und Milchvieh aufgebaut hat. Von der tatsächlichen Entscheidung, sich auf dieses Neuland zu wagen bis zur ersten Flasche mit selbstgepresstem Öl, verging noch nicht einmal ein Jahr.
Anfang 2018 besuchte der junge Landwirt die Grüne Woche in Berlin. An einem Stand wurde er auf Produkte aus Hanf aufmerksam. Mit einer Dame, die nach seiner Schätzung „gut über 80 Jahre alt war“, kam er ins Gespräch. Von ihr erfuhr er, dass Hanf auch hierzulande bis zum Ersten Weltkrieg eine gängige Feldfrucht war. Während der Samen als Nahrungsmittel diente, wurden die Fasern zur Textilherstellung verwendet.
Selbst einst angebaut

Auch Leinsamen waren einst als „Arme-Leute-Essen“ gefragt und der Flachs wichtiger Rohstoff für die Herstellung von Kleidung. Bis 1953, so erzählte es ihm sein Opa, wurde es auch auf den Kreiselmeyerschen Feldern angebaut. Das erste Mal selbst mit Leinanbau zu tun, hatte Tobias Kreiselmeyer in Kanada. Das Land in Nordamerika war eine Station seines Praxisjahrs, das er zwischen dem Ende seiner landwirtschaftlichen Ausbildung und dem Start der Technikerschule in Triesdorf eingeschoben hatte.
An diesem Aufenthalt ist auch seine große Neugier für Neues zu erkennen. Denn aus den anfänglich geplanten vier Monaten wurden letztlich 13, in denen es ihn von den Vereinigten Staaten aus über Neuseeland, Australien, Indonesien – wo er Einblicke in den Reisanbau erlangte –  über Österreich zurück nach Deutschland führte.
Er sei fasziniert von dem Potenzial kaltgepresster Speiseöle aus diesen alten Sorten, erklärt der 25-Jährige. Gesunde, ausgewogene Ernährung war der Familie schon immer wichtig, nicht zuletzt dank Mutter Karin, die als Hauswirtschafterin das entsprechende Wissen hat. Ein weiteres Argument sich auf dieses Gebiet zu wagen: Derartige Produkte aus der Region gab es bislang nicht. Nach seiner eindrücklichen Begegnung auf der Grünen Woche nahm der 25-Jährige schließlich das Heft in die Hand: Er schaute sich Pressen an, bestellte Saatgut – und erzählte dann seinen Eltern von der Idee. Diese waren zum Glück von diesem Vorhaben ebenfalls überzeugt. So war es kein Problem, ein Stück der Anbauflächen für Weizen und Mais, mit denen man einen sicheren Absatz generieren kann, für das neue, aber zunächst recht unsichere Projekt zu verwenden.

Raps wird seit jeher von der Familie angebaut. Nun kamen noch Lein  und Hanf (jeweils auf zwei Hektar) sowie Leindotter (fünf Hektar) hinzu. Letzteres überzeugt vor allem im gemeinsamen Anbau mit Erbsen. Die starken Stängel des Leindotters stützen die Erbsen, während diese den Boden abdecken, wodurch Unkraut keine Chance zum Wachsen hat.
Die Vorstellung, als Landwirt wisse man per se wie man jegliche Pflanzen anbaut, stimmt so nicht. Denn gerade wenn man solche alten Sorten wieder   aufleben lässt, stößt man durchaus  auf den einen oder anderen bürokratischen und biologischen Stolperstein. Und auch Tobias Kreiselmeyer musste sich in die verschiedenen Bestimmungen erst „reinfuchsen“. Denn gerade beim Hanf wird nichts dem Zufall überlassen.

Nur zugelassene Sorten

Und das, obwohl beim Nutzhanf die Rauschwirkung aufgrund eines THC-Gehalts von maximal 0,2 Prozent fehlt. Dennoch darf man den Nutzhanf nur als Landwirt anbauen. Dafür muss man sich bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Bonn registrieren. Zudem darf man nur die in Europa zugelassenen Sorten anbauen. Zwischen Aussaat und Ernte wird mehrmals kontrolliert, ob der THC-Wert auch stimmt und ob zwischen den Reihen nicht doch der rauschfördernde Verwandte angepflanzt wird.
Anbau und Wachstum des Hanfs seien sehr gut gewesen, erinnert sich Tobias Kreiselmeyer. Und zumindest von der Menge her war die Ernte sehr zufriedenstellend – vom Arbeitsprozess hingegen eher eine „Katas-trophe“. Denn aufgrund der extrem faserhaltigen Stängel war es „ein hartes Stück Arbeit“ dem Hanf mit dem Mähdrescher beizukommen.

Nur wer wagt, gewinnt: Tobias Kreiselmeyer hat sich mit der Ölherstellung auf Neuland begeben. © privat/Scheuenstuhl


Ist die Ernte eingefahren wird nicht von Zauberhand Öl daraus. Tobias Kreiselmeyer hatte sich im Vorfeld vor allem in Österreich informiert, da man dort in der Ölherstellung schon ein ganzes Stück weiter ist. Ebenso war er im engen Austausch mit dem Gesundheitsamt, um die Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten.   Der Jungunternehmer jagt mit seinen Produkten nicht mal schnell einem Trend hinterher. Vielmehr legt er großen Wert darauf, dass er qualitativ hochwertiges Öl anbietet, das auch hält, was es verspricht. Etwa beim Stichwort Regionalität: So wachsen alle dafür verwendeten Pflanzen zwischen Lohr und Diebach. In der eigenen Scheune wird das Öl gepresst und jede Flasche von Hand abgefüllt und etikettiert.
 Und auch was das Pressen betrifft, folgt der 25-Jährige seiner Überzeugung, wie man das Beste aus den Pflanzen herausholt: In den Supermarktregalen verbirgt sich hinter dem Prädikat „kaltgepresst“ so manche Mogelpackung. Tobias Kreiselmeyer hingegen achtet genau darauf, dass seine Öle bei unter 37 Grad gepresst werden – auch wenn der Vorgang bei höheren Temperaturen einen größeren Ertrag bringt. Dafür bleiben dann aber der Geschmack sowie viele der wertvollen Inhaltsstoffe, wie etwa die Omega-3-Fettsäuren und Vitamine, auf der Strecke.

Mehrere Tage ohne Pause

Tobias Kreiselmeyer hat deshalb bei der Auswahl seiner Presse extra genau darauf geachtet, dass die Geschwindigkeit einstellbar ist, um da-rüber die Temperatur zu regulieren. Je nach Pflanze – etwa wenn Hanf gepresst wird – läuft dann die Maschine auch schon mal mehrere Tage ohne Pause. 4,5 Kilogramm Hanfnüsse (die Früchte des Nutzhanfs) benötigt er mit seiner jetzigen Ausrüstung für einen Liter Öl.
Da Hanf an sich einen geringen Ölgehalt hat, bekommt man nach einer Stunde pressen lediglich einen dreiviertel Liter Öl heraus. Bei den anderen Sorten gilt: 3,3 Kilogramm Raps, 3,5 Kilogramm Leindotter und 4 Kilogramm Lein benötig man für jeweils einen Liter Öl. Innerhalb von einer Stunde können drei bis vier Liter Raps- und Leindotter-Öl beziehungsweise an die zwei Liter Leinöl hergestellt werden.

Zwar haben die Öle eine gewisse Haltbarkeitszeit. Dennoch wird alle zwei Wochen eine neue Charge gepresst, da vor allem das Leinöl schnell ranzig werden kann. „Es ist eine Kunst abzuschätzen, wer wieviele Flaschen braucht“ sagt Tobias Kreiselmeyer. Denn der ambitionierte Landwirt verkauft seine Produkte nicht nur jeden Freitag von 14 bis 17 Uhr direkt am Hof. Er konnte sie auch bei einigen Supermärkten in Rothenburg (Rewe, E-Center), beim Reformhaus Reingruber, bei Eisen-Keitel, dem Dorfladen Wettringen, bei Volkers Imkerlädle  sowie beim Kellerhof Reusch, der auf dem Rothenburger Wochenmarkt präsent ist, im Sortiment unterbringen. Mit den jeweiligen Verantwortlichen sei es eine „gute Zusammenarbeit“, findet er.

Auf Gastronomie zugehen

Innerhalb dieses einen Jahres hat er schon bemerkenswert viel erreicht. Doch von Stillstand keine Spur: Nicht nur, dass er von einem Schreiner wertige Aufsteller aus Holz für eine ansprechende Präsentation seiner Produkte anfertigen ließ. Als nächstes möchte er gezielt die hiesige Gastronomie ansprechen und dort seine Öle vorstellen. Mit Mutter Karin tüftelt Tobias Kreiselmeyer bereits an einer Erweiterung der Produktpalette. In ihrer „Experimentier-Küche“ backen, probieren und feilen sie, ob Hanf und Lein nicht auch in Form von Mehl verwendet werden könne. Die vier Öl-Sorten der Kreiselmeyers passen perfekt zum Salat und verleihen auch einem Pesto einen ganz besonderen Geschmack. Raps-Öl eignet sich darüber hinaus auch zum Erhitzen.
Und für Lein-Öl sind Milchprodukte die besten kulinarischen Begleiter, um den Eigengeschmack auszugleichen. Tobias Kreiselmeyer etwa deckt fast seinen kompletten Tagesbedarf an Fettsäuren mit einem Löffel Hanf- oder Lein-Öl, den er morgens über eine Schüssel Müsli mit Naturjoghurt und Früchten gibt. Doch egal wozu man sie verwenden möchte, für jeden Geschmack gibt es das passende Öl aus dem „Rothenburger Land“.   

mes

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