Donnerstag, 24.10.2019

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"Ideologie der Vernichtung"

Zum Holocaust-Gedenktag Ausstellung: NS-Euthanasie - 31.01.2019 06:00 Uhr

Fassungslos stehen die Gäste vor den Tafeln, die eine unglaubliche Gesetzgebung dokumentieren. © Foto: Irene Heckel


Bürgermeister Ben Schwarz, Pfarrerin Meinhard und Dekan Ottenwälder vertraten die Gemeinde und die beiden Konfessionen als Veranstalter. Der ökumenische Kirchenchor gab den würdigen Rahmen für die sehr gut besuchte Gedenkfeier. Die in der katholischen Kirchengemeinde aktive Gmünderin Susanne Dittrich hatte 2017 die Gedenkstätte Pirna- Sonnenstein besucht und versuchte seitdem "hartnäckig", die sehr informative Ausstellung nach Gmünd zu bekommen. Mit dem anschließenden Vortrag zur NS-Euthanasie beeindruckte Hagen Markwardt von der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein die Zuhörer im evangelischen Gemeindehaus.

Das Böse ist ein Gemisch

Pfarrerin Meinhard sprach in der Andacht von einer "Ideologie der Vernichtung als einem mächtig um sich fressenden Wundbrand", der nicht einmal vor Kindern zurückgeschreckt sei. Sie erinnerte in ihrer geistlichen Besinnung an den im Matthäusevangelium bezeugten Kindermord in Bethlehem. "Das Böse ist nicht eindeutig zu identifizieren, sondern ein Gemisch aus Abhängigkeiten, Vereinfachungen, Ängsten."

Dekan Ottenwälder bekannte sich in seinem Eröffnungswort zum gemeinsamen Gedenken. "Wir sind es uns, den Opfern und deren Nachkommen schuldig." In seinem stillen Erinnern spannte er den weiten Bogen von den Angehörigen des jüdischen Volkes über Sinti und Roma, psychisch und physisch behinderte Menschen, Künstler, Intellektuelle und Politiker bis zu Angehörigen des Widerstands und Priestern. Dazu kamen die Menschen, die ihrem Leben ein Ende setzten, weil sie das Überleben nicht ertrugen.

Wie konnte diese perfide Tötungsmaschinerie überhaupt funktionieren? Wer waren die Ärzte und Schwestern, die, statt Leben zu erhalten, Männer, Frauen und Kinder in die Gaskammern schickten, verhungern ließen oder mit Medikamenten zu Tode brachten? Wie war die juristische Aufarbeitung in den beiden deutschen Staaten?

Die Ausstellung vermittelt auf 15 Tafeln mit dem Prozess einen Gesamteindruck von den Folgen der unglaublichen Gesetzgebung im Sinne einer verbrecherischen Ideologie. Von Juni 1940 bis August 1941 fielen in Pirna 13 720 Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen der nationalsozialistischen Ideologie zum Opfer. Sie kamen aus Einrichtungen in Sachsen, Thüringen, Franken und Gebieten im heutigen Polen und Tschechien. Nach Ende der T4-Aktion ging das Morden dezentral weiter bis 1945.

Todesstrafen und Freisprüche

Vor dem Landgericht Dresden mussten sich vom 16. Juni bis 7. Juli 1947 insgesamt 19 Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern der Anstalten Großschweidnitz und Pirna-Sonnenstein wegen Krankenmordes in der NS-Zeit verantworten. Von elf beantragten Todesstrafen wurden vier tatsächlich ausgesprochen und im März 1948 vollstreckt. Andere erhielten Zuchthausstrafen wie Dr. Robert Herzer, der nach seiner Amnestierung 1956 in die Bundesrepublik ging und dort beim TÜV Baden Karriere als Arzt machte, oder sie wurden mangels Beweisen freigesprochen.

Beim Vortrag im evangelischen Gemeindehaus beeindruckte Hagen Markwardt von der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein neben seinem umfassenden Wissen mit spürbarem Engagement für das "schwierige Thema", wie es Bürgermeister Ben Schwarz nannte. Der Referent beschrieb als direkte Verbindung zwischen Franken und Sachsen das Schicksal von Auguste Warmuth aus Werneck, die am 2. Februar 1941 in Pirna-Sonnenstein ermordet wurde. Es ist in einem der sehr gut dokumentierten Biografie-Heftchen dargestellt und gibt die tragische Lebensgeschichte der Fränkin mit Texten, Dokumenten und Fotos wieder. In Würzburg ist ihr ein Stolperstein gewidmet. Es sei wichtig, den Opfern einen Namen zu geben, betonte der Referent.

Bürgermeister Ben Schwarz bedankte sich bei Hagen Markwardt als "gutem Botschafter seiner Sache" für die Ausleihe der Wanderausstellung, den engagierten Vortrag und die kompetente Beantwortung der Fragen während der Diskussion. Zumal sich Markwardt an diesem Tag für Georgensgmünd entschieden hatte, trotz zweier weiterer Einladungen. Der Bürgermeister bedauerte die unbefriedigende juristische Aufarbeitung der Verfahren in Ost und West sowie die Tatsache, dass viele der Täter und Helfer einem Urteil entgehen konnten.

Die Ausstellung in der ehemaligen Synagoge in Georgensgmünd ist an den folgenden Wochenenden geöffnet. 2./3. und 9./10. Februar, jeweils 14 bis 17 Uhr.

IRENE HECKEL

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