Donnerstag, 19.09.2019

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Die Rother Stadtgärtnerei bekommt Liebesbriefe an einen Traktor

Klassiker im Alltag: Warum ein alter Eicher immer noch unentbehrlich ist. - 17.08.2019 18:00 Uhr

Gehört seit 1996 fest zum Rother Stadtbild: Der orange lackierte Eicher 656 VAC der Stadtgärtnerei, der mit zwei knuffigen Rundscheinwerfern in die Welt blickt. © Martin Regner


Die große Leidenschaft von Horst Hirschl ist orange: Es handelt sich um einen Traktor der längst verblichenen Marke Eicher, dessen Typbezeichnung "656 VAC" lautet. Schon allein die Lackierung macht den betagten Schlepper selten, denn zu Traktoren der Marke Eicher gehört normalerweise ein kräftiges Hellblau untrennbar dazu.

Der Grund, warum dieses Exemplar aus Roth einst orange lackiert wurde, liegt auf der Hand: Es leistet seit mehr als zwei Jahrzehnten treue Dienste für die Stadtgärtnerei Roth. Der Farbton RAL 2000 ist auch als "Kommunalorange" bekannt.

15.000 Liter täglich

Seit 1996 gehört der Eicher fest zum Rother Straßenbild. Im Sommer zieht er häufig ein Wasserfass mit 2500 Litern Fassungsvermögen hinter sich her, zum Gießen von Bäumen und Blumen. "Diesen Sommer hat er sogar für seinen modernen Nachfolger einspringen müssen", erklärt Hirschl. Der Grund: Das Haupteinsatzfahrzeug zum Gießen hatte einen Kabelbrand erlitten und verschwand für ein Vierteljahr in einer Werkstatt. Ausgerechnet mitten im Hochsommer! Also rückte der alte Eicher wieder in die erste Reihe vor und transportierte täglich rund 15.000 Liter Wasser quer durch die Stadt zu durstigen Grünpflanzen.

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Jetzt könnte man einwenden, dass ein Traktor aus dem Baujahr 1996 ja noch gar kein "richtiger" Oldtimer ist. Nüchtern betrachtet mag das stimmen: Die Marke von 30 Jahren seit Erstzulassung – das Kriterium für ein H-Kennzeichen – ist noch nicht erreicht. Auf der anderen Seite ist der alte Eicher bei Oldtimerliebhabern schon jetzt "heiß begehrt", wie Hirschl erzählt: "Ich bekomme jedes Jahr mehrere Anfragen von Leuten, die den haben wollen. Den hätte ich schon hundert Mal verkaufen können." Und so landen mitunter sogar von Hand geschriebene "Liebesbriefe" auf Hirschls Schreibtisch in der Stadtgärtnerei. Voller Lobeshymnen auf den alten Trekker.

Ein Stück mit "Patina"

Es ist halt ein Eicher und dieser Hersteller avancierte seit seinem Untergang zum Kult: Das Unternehmen wurde 1936 gegründet und erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er Jahren seine Blütezeit. Exportaufträge aus Südamerika und dem Orient füllten die Auftragsbücher und auch in Deutschland und Europa waren die charakteristischen blauen Traktoren beliebt. In den 1970ern begann der bayerische Hersteller zu kriseln; nach mehreren Eigentümerwechseln und einer überstandenen Insolvenz anno 1984 war Ende der 1990er Jahre endgültig Schluss mit der Traktorproduktion.

Heute genießt die Marke unter Fans historischer Landtechnik einen legendären Ruf – und die noch vorhandenen Exemplare der rund 162 000 insgesamt gebauten Fahrzeuge sind gefragt bei Sammlern. Große Hoffnungen, dass die Stadtgärtnerei ihren Eicher bald ausmustert, sollten sich die Anhänger der Marke aber nicht machen: "Der ist uns ans Herz gewachsen, den behalten wir für immer", sagt Horst Hirschl. Den Charme des Traktors machen viele kleine Details aus. Etwa ein kleiner gelber Aufkleber auf der Motorhaube, der verrät, dass er einst vom Landmaschinenhändler Sommer geliefert worden ist. "Der war so etwas wie eine Institution in Roth", erinnert sich Hirschl.


Das "Lieblings-Baby" von Georg Stich heißt LP 813.


Auch die typischen Gebrauchsspuren der Jahre wie kleinere Kratzer und ein schon leicht matter Lack machen den Schlepper heute zu einem einmaligen Stück. "Patina" sagen Oldtimerfans liebevoll dazu. Nicht zuletzt die konstruktiven Qualitäten sprechen für eine noch lange Einsatzzeit in Roth: Das Fahrzeug mit 65 PS aus einem Dreizylinder-Dieselmotor sei "sehr wartungsfreundlich", meint Hirschl, und in den seltenen Fällen, in denen bis jetzt etwas kaputt ging, seien Ersatzteile noch jedes Mal gut zu bekommen gewesen. 

MARTIN REGNER E-Mail

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