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Pilotprojekt: Erste Philippinin am Pegnitzer Brigittenheim

Das Seniorenheim will mit ausländischen Pflegekräften dem Pflegenotstand ein Schnippchen schlagen - 19.07.2019 10:09 Uhr

Die 28-jährige philippinische Pflegerin Ella Aguinaido (re.) arbeitet ab sofort als Pflegehelferin im Pegnitzer Brigittenheim. Hier wird sie von Pflegerin Sandra Hagemann (li.) beim Umsetzen einer Bewohnerin unterstützt. © FRANK HEIDLER


Den nächsten Einsatz auf ihrer aktuellen Stammstation 4 findet die Asiatin auf Anhieb. Beim „Umsetzen“ der Zimmerbewohnerin aus dem Bett auf einen „Multifunktionsstuhl“ wird die Asiatin von ihrer Brigittenheim- erfahrenen Kollegin Sandra Hagemann tatkräftig unterstützt.

Die Philippinin ist keine Berufsanfängerin. Die ausbildete Krankenschwester verfügt schon über sieben Berufsjahre. Davon war sie drei Jahre in Singapur tätig. „Auf den Philippinen sind die Pflegekräfte arbeitslos“, erläutert der evangelische Dekan Gerhard Schoenauer. Ein Jahr lang dauerten die Vorbereitungen, bevor Ella nach Deutschland kommen durfte.

Voraussetzung war neben der fachlichen Qualifikation eine Sprachprüfung auf dem B2-Niveau. Die schafft nicht jede Arbeitswillige auf Anhieb. Und tatsächlich: Im Reportergespräch muss die neue Pflegerin nur ganz selten das Englische zu Hilfe nehmen. „Schwierig sind die Dialekte, wir haben ja auch Bewohner aus Oberbayern und der Oberpfalz“, weiß Pflegedienstleiterin Roswitha Schecklmann. Manche Älteren der 115 Bewohner würden auch nicht (mehr) sauber artikulieren.

Nach ihrer 40-stündigen Anreise war Ella trotz völliger Übermüdung vor lauter Tatendrang kaum zu bremsen. Bereits am nächsten Tag war sie im Brigittenheim einsatzbereit. „Im Brigittenheim Duzen sich alle“, plaudert die Pflegedienstleiterin aus dem Nähkästchen. Außerdem wären wohl die meisten Bewohner beim fremdländisch klingenden Familiennamen von Ella heillos überfordert.

Regenzeit und Stürme

Anpassungsprobleme hat der Pflegekraft- Neuzugang bisher keine. Obwohl die Klimaunterschiede zwischen dem Inselstaat im Pazifik und Deutschland kaum größer sein könnten. „Auf den Philippinen ist jetzt Regenzeit“, schildert Ella die dortige Wetterlage. Tropenstürme sind an der Tagesordnung.

An Unterschiede bei der Speisezubereitung wird sie sich erst noch gewöhnen. „Auf den Philippinen gibt es Reis zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendessen.“ Eine Vielfalt an Reissorten wie daheim? In Deutschland glatte Fehlanzeige. Für 104 Millionen Philippinen ist das der Normalfall.

Keineswegs normal ist für Ella der Umgang mit modernster Technik im Pflegealltag. Von ihrer Kollegin Sandra Hagemann lässt sich die Philippinin in wenigen Sekunden die Fernbedienung für den maschinellen Lifter erläutern. „Das kannte ich bisher noch nicht.“ Erst danach wird die Bewohnerin unter leisem metallischen Surren mit Hilfe eines Spanntuchs aus dem Bett gehoben.

Dann werden noch von beiden Pflegerinnen die Stützen am Multifunktionsstuhl montiert. Und schon schieben sie den Stuhl zur Begegnungsecke auf dem Stockwerk.

Dekan Gerhard Schoenauer ist überzeugt, dass nur mit dem Anwerben von ausländischen Pflegekräften in Zukunft dem drohenden Pflegenotstand entgegen gewirkt werden könne.

Wie zum Beweis präsentiert Pflegedienstleiterin Schecklmann zwei Din A 4-Ordner. „Das sind alles Vormerkungen für das Brigittenheim.“. Praktisch an jedem Tag erhält sie „zehn neue Anfragen“. Sie ist überzeugt: „Ohne die Anwerbung zusätzlicher Pflegekräfte aus dem Ausland müssten wir im Brigittenheim Zimmer leer stehen lassen.“

Unterricht in Hof

Über dem Einsatz der philippinischen Pflegekräfte schwebt noch ein Damoklesschwert. „Sie müssen laut Bescheid der Regierung von Oberfranken in einem halben Jahr noch eine zusätzliche fachliche Prüfung absolvieren.“ Erst dann werden sie als volle Pflegekräfte anerkannt. Außerdem muss sie den entsprechenden Zusatzunterricht in Hof absolvieren.

Bis dahin arbeitet Ella ausschließlich als Pflegehelferin. Mit Einschränkungen bei der Verteilung von Tabletten und Insulin.

Dass Ella schon eine abgeschlossene, mehr medizinisch orientierte Krankenpflegeausbildung hat, bleibt dabei völlig unberücksichtigt. Diese Ausbildung war mit vier Jahren außerdem um ein Jahr länger als Pflegeausbildungen hierzulande. Dekan Schoenauer bedauert diese zusätzlichen bürokratischen Hürden.

Bisher ist der Einsatz der Philippinin auf zwei Jahre befristet. Der Dekan und die Pflegedienstleiterin hoffen aber, dass sie danach dauerhaft bleibt. 

FRANK HEIDLER

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