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Montag, 27.01.2020

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Nach Tod der Frau im Türkeiurlaub: Ehemann im Interview

Mann wendet sich mit zwei Herzensangelegenheiten an die Öffentlichkeit - 23.11.2019 05:43 Uhr

Herr Mackenstein, wie geht es Ihnen?

Ich fühle mich so stabil, ich weiß aber nicht warum. Man kommt durch den Alltag. Die erste Woche kann ich kaum beschreiben, was ich da gefühlt habe, möchte ich niemandem zumuten. Man will sich einfach 24 Stunden wegsperren und weinen, aber das geht mit drei kleinen Kindern nicht. Es ist die Frage nach dem Warum, auf die einfach keine Antwort kommt. Nach der Beerdigung habe ich weitergemacht. Ich bin ein sehr strukturierter Mensch. Wichtig ist, dass man einen Plan hat, wie es weitergeht.

Im Internet läuft eine Spendenaktion, die auf überwältigende Resonanz stößt. Wie fühlt sich diese Anteilnahme von fremden Menschen an?

Ich bin mega, mega dankbar für all die Unterstützung die ich bekomme. Über die sozialen Netzwerke haben sich unfassbar viele Leute bei mir gemeldet, viele davon Muttis, deren Partner ebenfalls verstorben ist. Sie haben wir Kraft gewünscht, das hat mir viel bedeutet. Auf viele Nachrichten habe ich nicht geantwortet, das konnte ich auch nicht. Ein einfaches "Danke" würde man ja eher schreiben, wenn einem zum Geburtstag gratuliert wurde. Und wegen dem Finanziellen muss ich sagen: Es ist unfassbar, welche Beträge da gespendet werden. Sie verschaffen mir ein Polster, denn Vollzeit kann ich nicht mehr arbeiten, zumindest nicht in nächster Zeit.

Jessica Mackenstein hinterlässt Ehemann Michael, die Zwillinge Lenny und Levy sowie Sohn Liam. Das Foto zeigt die Familie an der Eremitage in Bayreuth, ihrem Lieblingsplatz. © privat


Wie geht es Ihren Kindern?

Meine Zwillinge Lenny und Levi (1,5 Jahre alt, Anmerkung der Redaktion) haben in den ersten zwei Wochen viel gequengelt und waren immer bei mir. Aber momentan ist es normal. Sie sind noch viel zu jung um mitzukriegen, was gerade passiert. Meine Eltern wohnen in der Wohnung über uns und kümmern sich abends um einen Levi, meine Schwiegermutter um Lenny, bis sie im Dezember wieder arbeiten geht. Mein Großer Liam (fünf Jahre alt, Anmerkung der Redaktion) wird nach dem Kindergarten von meinem Bruder und meiner Schwägerin betreut. Ich erfahre auch viel Unterstützung von meinem Freund Lamy.

Wie geht Liam mit dem Verlust der Mutter um?

Wie Kinder es eben machen: Direkt und ehrlich. Er hat noch im Krankenhaus von mir erfahren, dass seine Mutter gestorben ist. Im Taxi sagte er zu mir: Jetzt brauchen wir weniger Milch, weil Mama nicht mehr da ist. Meine Frau hat sehr gerne Milch getrunken. Solche Sprüche haut er manchmal raus, ich kann ihm da nicht böse sein. Begriffe wie "nie wieder" oder für immer" haben in diesem Alter keine Bedeutung. Fußball ist sein Ein und Alles. Ich muss ihm nur einen Ball hinwerfen, dann ist er glücklich. Abends mag er kuscheln. Er gibt mir die Stärke, die ich brauche.

Ihre Schwägerin hat gegenüber den Medien erzählt, dass es Ihnen am Herzen liegt, zwei Botschaften an die Öffentlichkeit zu bringen.

Allerdings. Mir ist es nicht nur wichtig, für die phänomenale Unterstützung danke zu sagen. Durch die Spendenaktion haben sich mir Türen geöffnet, auch wenn ich nicht durch alle gegangen bin. Eine Hose von Marco Reus hätte ich nie bekommen. Das hört sich nach einer Kleinigkeit an, sie hat aber Liam sehr glücklich gemacht. Ich möchte aber auch über zwei Themen sprechen, von denen ich jetzt weiß, dass sie enorm wichtig sind und in unserer Gesellschaft zu kleine Rollen spielen. Familien sollten immer daran denken, dass beide Partner finanziell abgesichert sind. Bei mir haben wir an alles gedacht, weil ich der Hauptverdiener war. Lebensversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung und so weiter. Aber was ist, wenn die Frau ausfällt? Das hatten wir doch nie auf dem Schirm, ich denke viele andere Familien auch nicht. Das zweite Thema, auf das ich aufmerksam machen will: Was Frauen in ihren Familien leisten.

Sie wissen es jetzt, weil Sie die Aufgaben auffangen müssen.

Genau, ich kann das sagen, weil ich jetzt auch teilweise Mutti bin. Es geht doch vielen Paaren ähnlich: Man streitet sich, weil man glaubt, im Vergleich mit dem Partner den stressigeren Alltag zu haben. Ich verstehe jetzt Frauen, die sagen, dass sie nicht mehr ruhig schlafen können, seitdem sie Kinder haben. Frauen spüren die Verantwortung in der Familie ganz anders. Was wir Männer dagegen leisten, kommt nicht annähernd ran. Das sollte allen Vätern bewusst sein.

Sie sagen, dass es wichtig ist, einen Plan zu haben. Wie geht es jetzt weiter?

Wir werden es schaffen, aber es wird ein anderes Leben sein. Mir war es immer sehr unangenehm, wenn Jessica und ich jemanden fragen mussten, ob sie auf unsere Kinder aufpassen können, weil wir mal zu zweit Essen gehen wollten. Jetzt muss ich bei jeder kleinen Entscheidung fragen, ob mir jemand helfen kann. Eines von beiden wird immer da sein: Das zeitliche oder das finanzielle Problem. Wenn ich mehr Zeit mit meinen Kindern verbringe, kann ich weniger arbeiten. Und wenn ich mehr arbeite, habe ich dafür weniger Zeit für meine Kinder. Das wird jetzt immer so sein. Aber wir werden es meistern.

Hier können Sie sich an der Spendenaktion beteiligen: Spendenkonto Mackenstein: IBAN DE29 7526 1700 0002 5362 00

Interview: Marcel Staudt

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