Mittwoch, 23.10.2019

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Ludwig Bäuerlein ist "der Macher von Aufseß"

Seit 1994 als Bürgermeister im Amt - 70-Jähriger hat Franz-Josef Strauß und Leonardo da Vinci als Vorbilder - 02.04.2019 09:15 Uhr

Fast ein Drittel seines Lebens ist Ludwig Bäuerlein der Bürgermeister für Aufseß. Am heutigen 2. April feiert er zum letzten Mal im Amt Geburtstag. © Foto: NN


Das eine Vorbild ist Franz Josef Strauß, der 1988 verstorbene, langjährige CSU-Chef. Das zweite Vorbild ist Leonardo da Vinci, der italienische Maler und Gelehrte, Architekt, Ingenieur – ein Mann, der als eines der größten Universalgenies der Geschichte gilt.

Wenn man sich mit den beiden Vorbildern befasst und auf die Zeit von Ludwig Bäuerlein als Bürgermeister der etwa 1300 Menschen starken Gemeinde Aufseß zurückblickt, dann wird die Wahl dieser beiden Vorbilder schlüssig: Das soll nun nicht heißen, dass Ludwig Bäuerlein sich als Genie betrachtet. Es heißt nur eines: Das hervorstechende Merkmal dieses Bürgermeisters ist die Tatkraft und die Improvisationskunst – beides zeichnete sowohl Strauß als auch da Vinci aus. Bäuerlein ist ein Macher, der Ideen auf unkonventionelle Weise umsetzt. Tag und Nacht im Einsatz für seine Gemeinde, und das, obwohl er "nur" ehrenamtlicher Bürgermeister ist.

Staunende Bauarbeiter

Ein Beispiel für Bäuerleins Art berichtet Dietmar Stadter, von Bäuerlein einst ehrenhalber zum Lokalhistoriker ernannt: Vor einigen Jahren, als in Aufseß der Breitbandausbau begann, rückte ein Bautrupp an, der zielsicher mit einer der ersten Bewegungen der Baggerschaufel ein Hauptstromkabel kappte. Stadter erinnert sich: "Die Bauarbeiter standen staunend da, nachdem Ludwig Bäuerlein in die Baugrube gesprungen war und das Kabel eigenhändig repariert hat."

Bäuerlein kann das, denn Strom ist sein Berufsmetier: Er ist gelernter Starkstromelektriker und arbeitete nach seiner Wahl zum Bürgermeister im Jahr 1994 noch einige Jahre bei der Eon. Und wenn, wie bei allen Bürgerversammlungen zum Ende des vergangenen Jahres geschehen, einer oder eine aus dem meist ziemlich vollzählig erschienenen Gemeinderäten aufsteht und zum Ende des Bäuerlein’schen Rechenschaftsberichts sagt: "Ludwig, ich danke dir im Namen des Gemeinderats und im Namen der Bürger, dass du das machst", dann freut der Bürgermeister sich über die Anerkennung. Aber grundsätzlich sagt er über sein nun zu Ende gehendes Amt: "Ich habe einen Eid abgelegt, zum Wohl der Gemeinde zu arbeiten. Ich will mich nicht herausheben. Ich will keinen Gedenkstein."

Und doch sagt seine engste Mitarbeiterin Petra Huber, die als Angestellte der Verwaltungsgemeinschaft Hollfeld seit dem Jahr 2001 im Aufseßer Rathaus als rechte Hand des Bürgermeisters arbeitet, über ihn: "Er ist ein super Chef. Ich werde ihn vermissen."

Noch ist es nicht soweit, doch Bäuerlein wagt eine kleine Bilanz: Mit das wichtigste, was in seiner Zeit als Bürgermeister gemacht werden konnte, sei die Schaffung des zweiten Standbeins für die Wasserversorgung gewesen. Das Gemeindegebiet Aufseß hat einen Anschluss bekommen an die Wasserversorgung der Aufseßgruppe. Zusätzlich zur gemeindeeigenen Wasserversorgung, die aus einem Tiefbrunnen im Aufseßtal sprudelt.

Bürger droht am Telefon

Dieser Tiefbrunnen sorgte im Herbst 2017 für erheblichen Ärger: Im Wasser wurden Keime festgestellt. Die Bürger mussten abkochen, eine Brauerei stellte ihre Produktion ein. Es gab Anfeindungen und eine davon ging sogar vor Gericht: Ein Bürger hatte ihn am Telefon bedroht und der Bürgermeister erstattete Anzeige. Bäuerlein, der sagt, er gehe keinem Streit aus dem Weg und könne viel wegstecken, war das zu viel. Der Bürger, der am Telefon davon sprach, dass "der Zünder schon auf dem Teller" liege und Bäuerlein mit "abschießen" drohte, kam mit einer Geldstrafe davon. Die Wasserkrise lösten die Aufseßer mit der Installation einer UV-Bestrahlungsanlage im Brunnen. Doch die Krise gab dem Bürgermeister auch Recht in dem Ansinnen, die Wasserversorgung mit dem Anschluss an die Aufseßgruppe sicherer zu machen.

Lokalhistoriker Dietmar Stadter sagt, Bäuerlein habe sich "sehr, sehr eingesetzt. Er war immer und überall unterwegs. Er hat den Posten gelebt. Es gab bei ihm keine Sprechstunde, denn er ist immer ansprechbar."

Doch der Bürgermeister hat nicht nur Freunde: Mit der Juragruppe hat er sich angelegt, die gerne die Aufseßer Wasserversorgung übernommen hätte. Bäuerlein wollte von dieser mächtigen Gruppe nicht abhängig werden. Mit den Brauereien gab es Ärger, weil die sich weigerten, eine geringe Gebühr für die Bierwander-Urkunden einzutreiben, damit auch die Gemeinde etwas vom Bierwanderer-Tourismus profitieren könne. Und zuletzt tobte er wegen des Staatlichen Bauamtes in Bayreuth, das vom heiß ersehnten Ausbau der Staatsstraße 2188 im Osten des Aufseßer Gemeindegebietes nur eine Schmalspurversion übrig ließ. Geladen sagte er, er wäre am liebsten im Landkreis Bamberg. Seine CSU-Parteifreundin, die Landtagsabgeordnete Gudrun Brendel-Fischer, sagt über Bäuerleins Art, geradeheraus zu sagen, was er denkt: "Er macht manchmal gern den Larry."

Verein für besseren TV-Empfang

Vor Jahren, als Bäuerlein noch nicht Bürgermeister war, da gab es in Aufseß einen mageren Fernsehempfang: Man kriegte entweder das erste Programm oder das zweite – je nachdem, in welche Richtung ein Haushalt seine Antenne ausrichtete.

Das besondere an den Antennen: Vielfach mussten die Bürger ihre Antennen oben an den Anhöhen über dem im Aufseßtal liegenden Ort aufstellen.

Starkstromelektriker Bäuerlein schuf Abhilfe: Auf seine Initiative gründete sich ein Verein zum besseren Fernsehempfang, man holte sich die Genehmigung einen zentralen Behördenmast benutzen zu dürfen, im Ort wurden die Haushalte zusammengespannt und die Gemeinschaftsverkabelung auf die Gemeinschaftsantenne des zentralen Mastes geführt.

Die Episode zeigt das, was Bäuerlein über sich und seine Arbeit denkt: Immer versuchen, innovativ zu sein. Alle Bürger mitnehmen. Kein Stillstand, die Rädchen müssen in Bewegung bleiben.

Seine eigenen Rädchen im Kopf und im Körper laufen noch reibungslos. Und doch hat er nicht lange darüber grübeln müssen, als er den Entschluss fasst, bei der Kommunalwahl im März 2020 nicht wieder zu kandidieren: "Es reicht, jetzt soll die jüngere Generation ran."

Auch deshalb, weil die Arbeit eines Bürgermeisters immer mehr von Verwaltungskram, von juristischem Spezialwissen, vom Kampf gegen und durch Vorschriften und Untervorschriften bestimmt wird. Etwas, was gegen seinen Macher-Trieb steht. Und er sagt auch, seine Ehefrau Josefine habe es verdient, dass er nun auch mal Zeit für sie habe.

1970 haben er und seine aus Eichenhül stammende Frau geheiratet, sie haben drei Söhne und vier Enkel. Die 68-jährige Josefine Bäuerlein lässt anklingen, dass die lange Zeit als Ehefrau des Bürgermeisters nicht immer einfach war: Sie habe durchaus mit Anfeindungen leben müssen.

Ein gutes Jahr noch, dann geht der Macher von Aufseß. Eine Herzensangelegenheit wird er "leider" nicht mehr schaffen, nämlich den Neubau des Kindergartens und die Verlegung des Standorts hinauf zum Rathaus. Auf die Frage, ob jemand, der so lange Zeit tagtäglich in Aktion war, nicht in Gefahr gerät, in ein Loch des Frusts und der Untätigkeit zu fallen, sagt er nur: "Das wird kein Problem." Er werde noch genug zu tun haben als Funktionär im ein oder anderen Verein oder Verband.

Falls es ihm doch langweilig werden sollte, geht er auf seine Ranch oberhalb des Ortes. Auf dem alten Familiengrund hat der Technikfreund sich verwirklicht, im Hühnerstall eine vollautomatische Öffnung für die Hühner eingebaut. Hier oben steht sein Holzspalter Marke Eigenbau, der 40 Tonnen Druck aufbaut – behördlich genehmigt. Hier oben steht eine alte gelbe Telefonzelle, die Ludwig Bäuerlein zur Außendusche umfunktioniert hat, beheizt von Solarstrom. Hier oben wird er Oldtimer-Traktoren restaurieren, Kartoffeln und Gemüse ernten, als Kleinbauer Bäuerlein.

MANFRED SCHERER

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