16°

Dienstag, 15.10.2019

|

Ehepaar Brendel hält Ziegenherde hoch über Pottenstein

Auszeit zwischen Horn und Bart - Tiere einst vor der Schlachtbank gerettet - Warnung: Kein Streichelzoo - 19.04.2019 20:06 Uhr

Ilse Brendel inmitten ihrer Ziegen hoch über Pottenstein. „Ich genieße die Stunden mit den Tieren, dann gehe ich erholt heim." Jeden zweiten Tag kommt sie her, um zu schauen, wie es ihnen geht.


Eine bildhübsche Ziege erscheint und neun adrett gezeichnete Artgenossen folgen brav in einer scheinbar vorgegebenen Laufspur hinterher. "Die afrikanischen Bergziegen sind, wie andere Ziegen auch, Herdentiere und bleiben immer zusammen", erklärt die ehemalige Sparkassenangestellte. Vor elf Jahren kaufte sie mit ihrem Mann Rainer die Ziegen vom Vorbesitzer ab. Sie sollten geschlachtet werden.

"Jeden zweiten Tag komme ich hier hoch und schaue mich um, wie es ihnen geht. Brauchen sie Wasser? Sind alle gesund? Wenn ich nicht kann, dann kommt ein befreundetes Ehepaar aus Pegnitz. Hildegard und Fritz schauen sich um und genießen die Zeit, wie ich eben auch", schwärmt Ilse Brendel.

Inzwischen ist die kleine Herde bei der "Ziegenmama" angelangt. Gierig mustern sie den Schüsselinhalt, der mit gelben Karotten überquillt. Geduldig warten die Letzten, bis sie an der Reihe sind und die ersten Ziegen suchen sich um Ilse Brendel herum einen sonnigen Platz auf der zum Leben erwachenden Frühlingswiese. "Sie lieben die angenehme Wärme der Sonne. Im Winter gehen sie erst gegen Mittag aus ihrem Quartier, unten in der Dohlenlochhöhle. Da bringe ich Heu, gelbe Rüben und Wasser auch mal nach unten in die Höhle, wenn das Wetter sehr schlecht ist.

Ein Schild bittet die vorbeigehenden Besucher, die Tiere nicht zu füttern


Keine Angst vor Wölfen

Vor Wölfen hat sie noch keine Angst, obwohl im Veldensteiner Forst ein Rudel lebt. Vergangenem Sommer kam Ilse Brendel einmal hoch und merkte: Es passt etwas nicht. Zwei der anspruchslosen Tiere befanden sich nicht in der Herde. Sie suchte sie.

Erst nach zwei Tagen trauten sich die zwei vermissten Ziegen, anfangs verstört, dann wieder zutraulich, zur Herde zurückzukehren. Hunde hatten die Ziegen gejagt. "Die meisten Hundebesitzer sind verantwortungsvoll und nehmen ihre Tiere an die Leine. Da haben wir auch schon sehr gute Erfahrungen machen dürfen", schätzt die Tierliebhaberin. "Ich habe nur Angst, dass sie sich verletzten, wenn sie panisch gemacht werden."

Ilse Brendel kennt sie alle, von klein auf: Emely, Lilly, Pauline, Casimir, Moritz, Leonie, Flocke, Flecki, Romina und Ronja. Sie sind inzwischen acht und neun Jahre alt. Die Böcke wurden kastriert. Nachwuchs gibt es keinen, damit in der Herde keine Inzucht vorkommt. "Es ist eine kleine, überschaubare Herde."

Die Tiere werden entwurmt und bekommen vom ansässigen Tierarzt eine Milbenkur. Sie sind registriert, jede hat Ohrmarken und ist haftpflichtversichert. Das flauschige Fell ist derzeit noch dick, doch die Ziegen streifen den Winterpelz nach und nach ab. Brendel holt die Bürste hervor, und Ronja kommt aus ihrer Liegekuhle und stellt sich zum Bürsten an. "Jede hat eine andere Fellzeichnung. Manches Mal bräuchte ich zwei Bürsten, weil mehrere zeitgleich zum Streicheleinheiten abholen kommen."

Ilse Brendel warnt allerdings die vorbeikommenden Besucher. Die Ziegen sind kein Streichelzoo. Sie können auch mit den Hörnern verletzen oder treten. Es ist immer Vorsicht geboten. Nur, die Zaungäste dürfen nicht füttern. Schilder wurden vom Ehepaar Brendel aufgestellt und sie hoffen auch auf das Verantwortungsbewusstsein der Wanderer.

Einmal war Lilly krank und hatte Schaum vor dem Mund. Der Tierarzt vermutete, dass sie etwas Unverträgliches zum Fressen bekommen hatte. Sie ist inzwischen wieder putzmunter. "Und riechen tun sie im Freien auch nicht. Ziegen stinken nur im Stall, aber nicht an der frischen Luft. Und sie sind immer an der frischen Luft", weiß Brendel

Emily ist die Chefin

Sie ist vom Sozialverhalten ihrer Schützlinge angetan. Jeder der Ziegen hat eine Rolle in der Herdenfamilie. Emely ist die Chefin. Alle marschieren hinter ihr her. Ihr Gebiet geht immer links vom Weg bis vor zur Wetterfahne, nach oben bis zur Hofmannkapelle und zum Sängerhäuschen, hoch über der historischen Touristenstadt. Oft schaut Ilse Brendel den flinken Tieren zu. "Sie sind so trittsicher, es ist noch nie eine abgestürzt. Wenn sie sich auf den Klippen der Felsen bewegen und von einem Stein zum anderen springen, ist es schon etwas Besonderes. Sie halten den Wildwuchs niedrig. Es würde alles verbuschen, weil es nicht zugänglich ist."

Einmal vor Jahren kam Brendel zufällig bei der Dohlenlochhöhle vorbei. Etwas "nasses Kleines" lag im Stroh und wurde liebevoll abgeleckt. Es war die Geburt von Moritz. "Ich ließ Mutter und Kind in Ruhe und ging wieder. Als ich erneut kam, war das Zicklein blank geschleckt und stand fürstlich auf allen vier Beinen. "Ziegen können 18 Jahre alt werden und haben eine Tragzeit von fünf Monaten und können zweimal im Jahr Nachwuchs bekommen."

Anführerin Emely steht auf, und wie durch eine Abmachung folgen ihr alle nach und nach. Ilse Brendel schmunzelt und sagt: "Das heißt Abmarsch." "Hier oben vergisst man die Zeit und geht erholt heim", erklärt sie.

 

VON ROSI THIEM

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Pottenstein