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Betzenstein: "Ein Projekt mit Strahlkraft"

Beim Fest zur Wiedereröffnung des Tiefen Brunnens in Betzenstein gab es viel Lob - 20.05.2019 11:55 Uhr

Der Tiefe Brunnen sei das bedeutendste Bauwerk und Denkmal in Betzenstein, sagte Bürgermeister Claus Meyer (FW) und finde sich seit den 1960er Jahren in fast jedem Prospekt der Fränkischen Schweiz. Allerdings zeigte sich das Brunnenhaus mit seinem Fachwerk stark sanierungsbedürftig. Man setzte es als Maßnahme auf die Agenda der 2003 startenden Dorferneuerung, als deren Abschluss es präsentiert werden sollte. "Die Zeit hat uns aber überholt", erklärte Meyer. Denn am Schmidberg unterhalb des Aussichtsturms und bei den Resten der alten Stadtmauer stehen noch Dorferneuerungsmaßnahmen an.

Investition von 178 000 Euro

Mit einem Fest hat die Stadt am Samstag das Baudenkmal Tiefer Brunnen aus der Mitte des 16. Jahrhundert wieder eröffnet. Unter anderem gab es Gesang und ein Theaterstück. © Klaus Trenz


Zunächst waren die Sanierungskosten auf rund 130 000 Euro taxiert worden. Eine Ausschreibung habe aber wesentlich höhere Kosten ergeben. Man habe sie aufgehoben und neu ausgeschrieben, nachdem das Amt für ländliche Entwicklung (ALE) als Zuschussgeber grünes Licht für eine Nachfinanzierung signalisiert hatte. Die Schätzung von 175 000 Euro Kosten sind nur geringfügig überschritten worden. Abgerechnet wurde jetzt, so Meyer, mit rund 178 000 Euro.

Zusammen mit den Geldern des ALE und des bayerischen Denkmalschutzes komme man auf eine Förderung von 90 Prozent. Damit verbleiben bei der Stadt Betzenstein nur Kosten von rund 18 000 Euro an der Denkmalsanierung. Von Vornherein sei klar gewesen, dass man den Tiefen Brunnen nicht "kosmetisch sanieren" wolle, sondern umfassend, erläuterte Thomas Müller vom ALE, der auch Vorstandsvorsitzender der Teilnehmergemeinschaft an der Betzensteiner Dorferneuerung ist. Man habe somit ein "Projekt mit Strahlkraft" geschaffen. Der Pegnitzer Bürgermeister Uwe Raab (SPD) stellte als Stellvertreter von Landrat Hermann Hübner (CSU) "die konstruktive Zusammenarbeit mit dem ALE" heraus.

Blick durch Glaswand

Uuiii, geht es da weit runter: Bei der Einweihung des Tiefen Brunnens in Betzenstein staunten nicht nur die Kinder über die aufwändig sanierte Anlage. Es sei klar gewesen, dass das historische Bauwerk nicht kosmetisch, sondern umfassend erneuert werden sollte, erläuterte das Amt für Ländliche Entwicklung. © Klaus Trenz


Im Anschluss an die Ansprachen wurde eine Informationstafel enthüllt, die die Leiterin des Tourismusbüros Betzenstein, Margit Dippold, zusammen mit dem Wasserwirtschaftsamt in Hof entwickelt hat. Eine Glaswand, die in das Mauerwerk des Brunnenhauses eingelassen worden ist, gibt indes jederzeit den Blick auf den Brunnen frei. Führungen mit Hans Thummert, Karl Heinz Fietta oder Christa Plischka können bei der Stadt Betzenstein oder im Tourismusbüro im Maasenhaus erfragt werden.

Wie tief ist der "Tiefe Brunnen" nun eigentlich? Bürgermeister Claus Meyer (FW) gab sich in seiner Ansprache diplomatisch und vermied eine Tiefenangabe. Hat man von 1543 bis 1549 wirklich 92 Meter hinuter in die Erde gegraben oder reicht der Brunnen nur 76 Meter in die Tiefe, so weit wie gemauert worden ist? Das entspräche in etwa dem niedrigsten je gemessenen Grundwasserspiegel.

Darauf kommt auch Heimatforscher Karl Heinz Fietta, der mittelalterliche Maße aus historischen Dokumenten rauf und runter rechnet. Allerdings maß man damals mit dem Klafter und Fietta erklärte, dass nun mal unterschiedliche Klafter-Maße im Gebrauch waren und es regionale Unterschiede gab. Erst 1809 sind die Maße in Bayern vereinheitlicht worden und erst 1872 ist das jetzt gebräuchliche metrische System eingeführt worden. Mit dem wir viel mehr anfangen können als mit dem "Nürnberger Schuh" oder "Nürnberger Klafter".

Allerdings misst ein gewisser Baumeister Bartel Grolock im Jahr 1548 ganze 49,5 Klafter, das könnten, wenn man rund 1,7 Meter für ein Nürnberger Klafter zugrunde legt, dann 84 Meter gewesen sein. Man sei aber nur auf Sickerwasser gestoßen und habe weitergegraben. Also doch 92 Meter? Dass dies heute gut 18 Meter unter dem Grundwasserspiegel liegt, wäre das nächste Rätsel, aber kein Mensch kann sagen, wo sich vor 470 Jahren der Grundwasserpegel befand. Zumal es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder große Trockenheiten gab und sogar katastrophale Dürren, wie aus dem Jahr 1540 aus ganz Mitteleuropa überliefert.

Zudem nimmt das Wasser im Karst oft geheimnisvolle Wege, kann verschwinden und wieder auftauchen. Das Wasserwirtschaftsamt in Hof gibt die Tiefe der jetzigen Brunnensohle mit 74 Metern an, sagt aber auch, dass man 1964 den Brunnen von Unrat und Schutt gesäubert und 1965 aufgefüllt habe. Dazu wurde auf rund 73 Meter ein Betonring eingezogen, zur Sicherung der Sanierungsarbeiten. Ursprünglich sei der Brunnen 92 Meter tief gewesen und somit: "Alle haben Recht."

Befahrung mit der Kamera

Schwindelerregender Blick in 76, 84 oder 92 Meter Tiefe. Wie weit der Tiefe Brunnen wirklich in die Erde hinabreicht, weiß niemand so genau. © Klaus Trenz


Im vergangenen Jahr machte der Geograph Matthias Petri mit einer Kamera – der Film ist auf der Homepage der Stadt Betzenstein zu sehen – eine Brunnenbefahrung und stößt auf 82 Meter Tiefe ein Stück unter Wasser auf Geröll und Schutt. Somit wären alle Klarheiten beseitigt.

Die Betzensteiner könnten sich in Zukunft diplomatisch geben und von einer variablen Brunnentiefe sprechen, wenn mal jemand danach fragt: "Der Tiefe Brunnen ist zwischen 76 und 92 Meter tief."

Insgesamt gesehen kommt es nicht auf die Tiefe des Brunnens an. Er besitzt einen der längsten gemauerten Brunnenschächte in Deutschland und lässt einen schwindeln, wenn man hinabsieht. Da kommt es auf ein paar Meter nicht an. Der Tiefe Brunnen ist – egal wie tief er war, ist oder sein wird – eine touristische Attraktion für Betzenstein und die Fränkische Schweiz sowie ein imposantes Baudenkmal, das den meisterlichen Brunnenbau im 16. Jahrhundert dokumentiert.

 

KLAUS TRENZ

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