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Dienstag, 21.01.2020

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Auerbacherin verrät, wie man 100 Jahre alt wird

Franziska Heinzl liest noch die Tageszeitung und kann Gedichte ohne Fehler auswendig aufsagen. - 07.12.2019 09:55 Uhr

Franziska Heinzl feiert heute ihren einhundertsten Geburtstag. Sie ist die älteste Auerbacherin und geistig und körperlich noch fit. Nur ihre Knie bereiten der gebürtigen Schlaggenwalderin Probleme. Ihr Enkel Manfred Henfling (li.) kümmert sich um seine Oma.


Heinzl ist die älteste Auerbacherin und ein Phänomen: Sie hat Beschwerden mit ihren Knien, ansonsten geht es ihr gesundheitlich gut. Sie habe fast nie Tabletten genommen, oft nur die Hälfte, verrät sie. "Das hilft genauso."

Sie hat keine Probleme mit dem Sehen, dem Hören, dem Essen und ist geistig fit. Sie löst leidenschaftlich gern Kreuzworträtsel und liest regelmäßig die Tageszeitung und verschiedene Zeitschriften, die ihr Enkel Manfred Henfling vorbeibringt.

Jeden Abend wird gespielt

Der 60-Jährige kümmert sich um seine Oma, hält Haus und Garten in Schuss und kommt jeden Tag nach der Arbeit zu ihr, um mit der Großmutter ein paar Runden "Mensch-ärgere-dich-nicht" zu spielen. Darauf freut sie sich wie ein Kind: "Einmal gewinnt er, einmal ich." Es macht ihr Freude, auch wenn sie verliert.

Denn Heinzl, deren Ehemann Walter schon vor fast 40 Jahren gestorben ist, ist ein Mensch, der nicht klagt. "Sie hat eine positive Lebenseinstellung", sagt Henfling. Ein zur Hälfte mit Wasser gefülltes Glas ist für sie nicht halbleer, sondern halbvoll. Er nennt als Beispiel ihre Knie, die ihr zu schaffen machen. "Sie sagt, es wird schon besser." Der Enkel hebt den Willen seiner Oma hervor. Die sagt wie zur Bestätigung: "Ich gehe manchmal auf allen Vieren die Stiege zum Schlafzimmer rauf, aber ich gehe."

Dorthin zieht sie sich abends gegen 21 Uhr zurück ("An‘jeden Schmarrn schaue ich mir nicht im Fernsehen an"), nicht ohne sich noch einmal zu vergewissern, dass alle Lichter aus, der Herd abgeschaltet und die Haustür geschlossen ist. Darauf weist Henfling sie stets hin.

Macht jeden Tag ihr Bett

Morgens steht die Hundertjährige so zwischen 7.15 und 7.30 Uhr auf, wäscht sich alleine und macht das Bett – wie sie es gewohnt ist mit einer Tagesdecke darüber. Dann geht sie vorsichtig die Treppe herunter und stellt die Kaffeemaschine an. Der Kaffee darf nicht zu stark sein. "Es gibt dir auftrieb, wenn du weißt, was du noch alles machen kannst", sagt Heinzl. Nachdem sie sich zwei Rippen gebrochen hatte, schlug ihr Enkel vor, ihr Bett ins Erdgeschoss zu stellen. "Nein, ich geh wieder rauf", bremste sie ihn.

Henfling bringt ihr samstags frische Brötchen und Kuchen; vor allem Mohnsemmeln mag sie. "Auch Süßigkeiten isst sie gerne", weiß Manfred Henfling, der sie mit warmen Essen versorgt.

Deshalb kocht Heinzl nur noch selten und wenn, dann Kleinigkeiten wie Spiegeleier mit ein paar Wurststücken. Sie hat immer viel Knoblauch, Zwiebeln und Honig gegessen. Auch Kartoffeln schmecken ihr. "Und viel Bewegung ist wichtig", sagt Franziska Heinzl. "Vor zehn, zwölf Jahren war sie mit uns noch im Wald und hat Holz gemacht", bestätigt ihr Enkel.

Sie interessiert sich für das Weltgeschehen, beantwortet Fragen spontan und kann in der Kinder- und Jugendzeit gelernte Gedicht auswendig aufsagen. Das Gedicht "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" von Theodor Fontane spricht sie mit perfekter Betonung ohne einen einzigen Fehler. Ohne Fehl und Tadel sagt sie auch das Gedicht "Der Faule" von Robert Reinick auf. Sie könnte noch mehr, so wie an einem Heiligabend in der Familie, wo Heinzl eine Reihe von Gedichten rezitierte.

Diese lernte sie in der vierten und fünften Klasse in der Schule ihrer Heimatstadt Schlaggenwald auswendig. Schlaggenwald liegt etwa 15 Kilometer südwestlich von Karlsbad. Als sie am 7. Dezember 1919 geboren wurde, war Schlaggenwald überwiegend von Deutschen bewohnt. Heinzl erinnert sich an ihre Kindheit, wo sie im Sommer zu zwei großen Teichen zum Baden gegangen ist. "Das war schön, das hat nichts gekostet."

Aus dem Sudetenland vertrieben

Nach der Schule arbeitete sie in einer Porzellan- und einer Rasierklingenfabrik. Ende der dreißiger Jahre heiratete sie. Dann die Vertreibung aus dem Sudetenland. Mit ihrer Mutter, ihrer sechs Jahre jüngeren Schwester kam sie 1946 nach Auerbach. Mit ihrem Mann Walter, einem gelernten Maler, kam sie von 1948 bis 1950 beim Stadtförster Wallner unter; von 1950 bis 1956 wohnten sie im Lager Bernreuth.

1956 kauften sie von der St.-Josef-Stiftung das Eckhaus, in dem sie heute noch lebt. Ihr Sohn und ihre Tochter sind schon gestorben; zur Nachkommenschaft gehören fünf Enkel, acht Urenkel und ein Ururenkel. Heute werden sie alle kommen, um ihr zu gratulieren.

Auch Bürgermeister Joachim Neuß wird unter den Gratulanten sein. Über ihn sagt Franziska Heinzl: "Der Bürgermeister ist sehr angenehm." Und sie fügt hinzu: "Aufgeregt bin ich nicht."

 

HANS-JOCHEN SCHAUER

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