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Auerbacher Advents-Tanzverbot vor 50 Jahren abgeschafft

Rückblick auf umstrittene Ratsentscheidung vor 50 Jahren. Heutige Empfehlung: ,Nicht durch Adventszeit durchhecheln‘. - 14.12.2019 17:55 Uhr

Ende der 1960er Jahre waren Tanzveranstaltungen – hier ein Tanzabend im Nürnberger „Carlton“-Hotel – sehr beliebt. In der Adventszeit waren sie bis 1969 aber verboten. Die Aufhebung des Verbotes brachte Auerbachs Pfarrer Ritter auf die Palme.

© Archivfoto: Hans Kammler


Dessen Abschaffung vor ziemlich genau 50 Jahren führte zu einem wochenlangen Kleinkrieg. Einer der Hauptakteure war der damals 72-jährige katholische Pfarrer Johann Ritter. Zu seinen Gegnern gehörte in der Frage des Tanzverbotes sogar der damalige Auerbacher Bürgermeister Emil Kreuzer: "Ich meine, wir können unsere Jugend nicht mehr so bevormunden."

Mit großer Gelassenheit begegnet sein aktueller Amtsnachfolger Joachim Neuß Journalisten-Fragen nach dem überkommenen Tanzverbot. Immerhin brachte diese Auseinandersetzung um das Tanzverbot sogar ungewünschte Auerbacher Präsenz in bundesweiten Blättern wie der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel-Magazin ein.

Auf aktuelle Anfrage der NN erklärte jetzt Bürgermeister Neuß: "Ich habe mich nie mit dem Tanzverbot beschäftigt." Außerdem gebe es ganz im Gegensatz zum Jahr 1969 heutzutage kein einziges Tanzlokal mehr in der Stadt. Laut Einschätzung des Rathauschefs hätten Tanz-Veranstaltungen inzwischen auch "nicht mehr diese Beliebtheit wie damals".

Kirchliches Gesetz

Der heutige stellvertretende katholische Dekan Marek Flasinski bringt fast so etwas wie Verständnis für seinen damaligen Amtsvorgänger und dessen Empörung beim Schleifen des Tanzverbotes auf. "In der Tradition der Kirche war Buße und Entsagung in der kirchlichen Gesetzgebung verankert." Ergebnis: Tanzvergnügungen waren strikt verboten. Ein halbes Jahrhundert später ist die katholische Kirche von dieser strikten Haltung längst abgerückt.

Ein Auerbacher Priester, der aus Verdruss über die Abschaffung des Tanzverbotes die Kirchenglocken schweigen lässt, gilt inzwischen komplett aus der Zeit gefallen. Zu den Sanktionen des damaligen katholischen Priesters Ritter gehörte auch das Schweigen der Orgel im Gottesdienst.

Pfarrer und Seelsorger Marek Flasinski sieht mittlerweile ganz andere Probleme. "In weltlicher Hinsicht wird der Weihnachtsgedanke in der heutigen Zeit vermarktet."

Dennoch rät der Pfarrer immer noch zur Besinnung in der Adventszeit. In einigen Nachbarländern würden in der Adventszeit nach wie vor Exerzitien abgehalten. "Früher war der Advent auch eine Fastenzeit."

Im Volksmund der damaligen Bevölkerung galt der Spruch: "Kathrein stellt den Tanz ein." Soll heißen: Ab dem Gedenktag der Heiligen Katharina, eine Woche vor dem ersten Advent, gilt das Tanzverbot bis zum Dreikönigstag. Der Katharinentag war der letzte Sonntag im Jahreskreis. Laut Beobachtung des Dekans praktizieren die Leute die Besinnung und das Gebet in der Vorweihnachtszeit.

Üblicherweise fänden kirchliche Hochzeiten mit anschließendem Tanz der Hochzeitsgesellschaft auch nur bis zum September oder Oktober statt. Flasinski ergänzt: "Die Leute haben ein Gespür und auch eine Sehnsucht nach Ruhe." Genau in diese Richtung habe auch der damalige Pfarrer Ritter gepredigt.

Flasinksi glaubt, dass Ritters ablehnende Haltung auch darin begründet war, dass der Auerbacher Pfarrsaal als größter Saal in der Stadt bestens für Tanz-Veranstaltungen geeignet gewesen sei.

"Frei in ihren Entscheidungen"

In der heutigen Zeit seien die Menschen selbstverständlich "frei in ihren Entscheidungen". Je nachdem, welche Haltung sie generell zu Ruhe und Besinnung im Advent einnähmen.

Den Gläubigen und Adventsgestressten empfiehlt Flasinski, "im Trubel vor Weihachten eine Oase der Stille" zu suchen.

Für seinen evangelischen Amtskollegen Moritz von Niedner spricht in der Adventszeit "nichts gegen das Tanzen". Er ergänzt: "Jeder muss selbst sehen, was er aus seiner Adventszeit macht, wie sie ihm taugt." Sein seelsorgerlicher Ratschlag: "Man muss nicht durch die Adventszeit durchhecheln und alles mitmachen, was es gibt."

Oft reiche es schon aus, sich eine Viertelstunde Zeit zu nehmen, eine Kerze anzuzünden "und im Adventskalender zu lesen."

FRANK HEIDLER

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