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Nürnberg leidet immer noch unter Rechenfehlern im Zensus

Kommunaler Finanzausgleich hängt von der Anzahl der Bürger ab - 05.06.2015 06:11 Uhr

Er sorgte vor allem für Verwirrung: In Deutschland lebten laut Zensus 1,5 Millionen Menschen weniger als angenommen.

© dpa


In der Frage, wie viele Einwohner Deutschland hat, wird immer noch zäh gestritten. Nach Informationen der Nürnberger Zeitung klagen 349 Städte und Gemeinden vor Verwaltungsgerichten gegen die Ergebnisse der Volkszählung. Auch Nürnberg zählt dazu. Eine Tendenz der Verfahren lässt sich noch nicht ausmachen, auch der Streitwert ist völlig unwägbar. Doch für Ärger sorgt der Zensus 2011 solange jedes Mal, wenn das Statistische Bundesamt wieder Einzelheiten daraus veröffentlicht. „Für Nürnberg können wir sagen: Die Einwohnerzahl ist falsch, die Bevölkerungsstrukturdaten sind falsch, und die Einzeldaten sind unplausibel verzerrt“, sagt der Leiter des Nürnberg-Fürther Amts für Stadtforschung und Statistik, Wolf Schäfer. Dabei wären solche Daten für die Stadtplanung von höchstem Interesse.

Es geht nicht nur ums Recht, sondern auch ums Geld. Stadtkämmerer Harald Riedel beziffert den Einnahmeverlust durch den Zensus nun erstmals genauer. Elf Millionen Euro hätte Nürnberg im vergangenen Jahr kassieren können, wenn die frühere Einwohnerstatistik weiter gegolten hätte. Doch die wurde im Mai 2013 nichtig, als die ersten Ergebnisse des Zensus herauskamen. Laut bayerischem Landesamt für Statistik hatte Nürnberg von Amts wegen plötzlich 20.000 Einwohner weniger, nur noch gut 486.000. Damit sanken die Schlüsselzuweisungen des Landes Bayern an die Stadt. Denn der kommunale Finanzausgleich hängt von der Anzahl der Bürger ab. Auch bei der sogenannten Konzessionsabgabe für die Verlegung von Leitungen hatte die Stadt Einbußen, weil sie unter die Halbmillionengrenze fiel.

Kosten des Zensus bleiben im Dunkeln

Eigentlich sollte der Zensus erfassen, wie sich die Deutschen zusammensetzen, wie sie wohnen und arbeiten, in einer Momentaufnahme vom 9. Mai 2011. Das Statistische Bundesamt wandte dafür ein neuartiges Verfahren an, das Verwaltungsdaten mit Haushaltsbefragungen und einer Gebäudezählung verrechnete. 700 Millionen Euro wurden dafür veranschlagt. Wie viel der Zensus wirklich kostete, gibt das Bundesamt bis heute nicht bekannt.

Die Volkszählung stiftete dann vor allem Verwirrung: In Deutschland lebten demnach 1,5 Millionen Menschen weniger als angenommen. Die meisten Städte waren mit einem Schlag kleiner gerechnet. Ihre eigenen Melderegister aber weisen bis heute teils deutlich höhere Einwohnerzahlen aus. Beispielsweise beträgt die jüngste amtliche Einwohnerzahl für Nürnberg vom 30. September 2014 gemäß Zensus 500.096. Das Einwohnerregister verzeichnete an diesem Tag jedoch 515.526 Bürger.

Das Statistische Bundesamt begründet die Kluft damit, dass die Meldebehörden Fortzüge ins Ausland nur sehr schlecht erfassen könnten. Amtsleiter Schäfer räumt das zwar ein, beteuert aber: „Unsere Register sind in den letzten zehn Jahren sehr viel zuverlässiger geworden.“ Als Schätzverfahren, das auf Hochrechnungen beruht, sei das Zensus-Projekt „grandios gescheitert“. Um Schulen, Wohngebiete und Altersheime zu planen, sagt Schäfer, müsse sich Nürnberg weiter auf seine eigenen Zählungen verlassen.

Isabel Lauer

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