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Notruf der Notärzte: Belegschaft dramatisch ausgedünnt

Der Rettungsdienst kann personell nur noch mit Mühe aufrecht erhalten werden - 26.04.2019 06:00 Uhr

Im Notfall muss es schnell gehen. Doch was, wenn nicht genug Personal da ist? © News5 / Herse


Eine hiesige Notärztin berichtet, warum immer mehr Mediziner den Dienst quittieren oder erst gar nicht auf die Idee kommen, unter Blaulicht zu fahren. Eine Rolle spielt dabei, dass Notärzte, die Leben retten sollen, bei Einsätzen immer öfter selbst um ihr eigenes bangen müssen.

"Liegt jemand nach einer Schlägerei verletzt am Boden, wird einem schon mal mit Prügeln gedroht, wenn man den 'Kumpel' nicht schnell wieder auf die Beine bekommt", erzählt sie. Wie ernst das tatsächlich werden kann, zeigt ein Blick ins Jahr 2018: Ende April wollten Rettungskräfte der Johanniter im Nürnberger Pegnitzgrund Hilfe leisten – und mussten Schläge einstecken. Der Notarzt erlitt dabei Blessuren. Das Team konnte sich gerade noch in den Rettungswagen flüchten und die Polizei rufen.

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Rettungskräfte in Nürnberg angegriffen: Einsatz eskaliert

Nach einer Alarmierung trafen am Freitagabend gegen 21 Uhr Einsatzkräfte am Pegnitzgrund unter der Theodor-Heuss-Brücke ein. Die Johanniter wurden dort von mehreren Jugendlichen angegriffen. Polizei und USK mussten die Situation entschärfen und nahmen fünf Personen vorläufig fest. Verletzt wurde nach ersten Erkenntnissen niemand.


Weniger glimpflich ging ein Einsatz für eine Notärztin in Ottobrunn bei München Ende Juni aus. Ein junger Mann schleuderte eine Flasche durch die Scheibe eines Rettungswagens, die Medizinerin wurde von dem Geschoss getroffen und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, einen Kieferbruch und Schnittverletzungen im Gesicht. Im Jahr 2017 hat alleine das Bayerische Rote Kreuz 110 Angriffe registriert, im Jahr 2018 waren es bis Mitte November 86 Fälle. Dabei ging die Gewalt meist von den Patienten aus, weniger von Angehörigen oder Schaulustigen.

Der Grund ist in der seit längerem beklagten und wachsenden Respektlosigkeit gegenüber Einsatzkräften wie Polizei, Feuerwehr und ärztlichen Rettern zu suchen. Mit den Terroranschlägen der vergangenen Monate und Jahre in Europa, kommt nun noch eine weitere, beunruhigende Variante hinzu, erzählt die Notärztin, die im Großraum Nürnberg Einsätze fährt. Denn Rettungskräfte zählen bei islamistischen Terroristen zu den sogenannten weichen Zielen. Um darauf vorbereitet zu sein, habe die Polizei schon Kurse für Notärzte gegeben. "Uns wurde erklärt, dass es Pläne gebe, wie sich Terroristen mit Sprengsätzen am Leib bei Großveranstaltungen als Verletzte ausgeben, um dann die Ladung zu zünden."

Es drohen eklatante Lücken

Dr. Jürgen Beck, Sprecher der Nürnberger Notärzte


Einen Mangel an Notärzten auf dem Land gibt es schon länger. Greding, Weißenburg und Hilpoltstein etwa haben keine eigenen Notfalldienst, sondern werden aus Nürnberg unterstützt. Die Standorte Altdorf, Lauf und Hersbruck sind auch schon seit geraumer Zeit nur schwer zu besetzen, berichtet Dr. Jürgen Beck, Sprecher der Notärzte in Mittelfranken und Mediziner am Klinikum Nürnberg. Doch jetzt hapert es auch in der Stadt. "Es drohen oft eklatante Lücken, da muss zehnmal unter den Ärzten hin und her gemailt werden, um dann gerade noch so die Versorgung zu sichern", sagt er.

Die angespannte Situation wird auch noch dadurch verstärkt, dass sich laut Beck Mediziner häufiger gegen den Notfalldienst und für den ruhigeren ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) entscheiden. "Die Krankheitsbilder der Patienten sind nicht so schwer, der Job ist überschaubar, nicht so stressig und besser bezahlt", so Jürgen Beck.

Bereitschaftsdienst ist lukrativer

Ausstieg aus dem Drehkorb in schwindelnder Höhe: Das kostet Nerven, muss aber von Notärzten trainiert werden. Unser Bild entstand bei einer Übung auf dem Gelände der Nürnberger Bereitschaftspolizei.


Ein Notarzt verdient 22,50 Euro pro Stunde und 80 Euro pro Einsatz. Das wird mit dem Stundensatz verrechnet: Hat etwa ein Notarzt während einer Acht-Stunden-Schicht vier Einsätze, erhält er die Pauschale für vier Einsätze und den Lohn für vier Stunden. Im KV-Dienst bekommt ein Arzt 130 Euro pro Patient. "Das ist lukrativer", sagt Beck.

Einen Hilferuf hat die AG mittelfränkischer Notärzte im vergangenen Jahr in Richtung Landesregierung gesendet. Die Reaktion war ernüchternd: "Wir sprechen von unbesetzten Diensten und bekommen als Antwort aus München, dass es keinen Grund zur Aufregung gebe, weil es die geschilderten Probleme nicht gibt." Die Antwort sei deprimierend. Die Hilfsfrist, also die Zeit, die Retter höchstens brauchen dürfen, um am Einsatzort zu sein, wird in der Regel zwar eingehalten. Doch die Ersten sind die Rettungswagen, der Notarzt kommt später. Immer öfter braucht er deutlich länger, bis er an Ort und Stelle ist. Diese Zeit wird statistisch nicht erfasst. Dr. Jürgen Beck: "Eine Gefährdung von Patienten, deren notärztliche Versorgung nicht zeitgerecht gesichert ist, scheint mir nicht mehr ausgeschlossen."

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Alexander Brock E-Mail

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