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Ihrer Zeit voraus: Diese Nürnbergerin fing 1992 mit Carsharing an

In ihrer Nachbarschaft galt das als sozialer Abstieg - 20.11.2019 06:27 Uhr

1992 stießen Annelie Matthiesen, Sohn Stephan (Mi.) und Ehemann Hannes (re.) auf „stattauto“ – aber Nürnbergs erstes Carsharing wurde kein wirtschaftlicher Erfolg. © Foto: Wilhelm Bauer


Es war ein Berg an Zweifeln, der sich nach und nach in ihrem Inneren aufgetürmt hatte und im Jahr 1992 – nach einem Gang zum Briefkasten – damit endete, dass sie endgültig dem eigenen Auto abschwor. "Dieses blöde Ding, es steht nur in der Garage und verursacht Kosten", denkt sie. Annelie Matthiesen ist damals 50 Jahre alt, soeben ist eine Rechnung angekommen, die ihr obendrauf noch Reparaturkosten von 800 Mark bescheinigt. Für dieses Auto, das sie, ihr Mann und ihr Sohn sowieso kaum noch nutzten. Ihr platzte der Kragen.

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Zu dieser Zeit waren die drei fast gänzlich aufs Fahrrad umgestiegen, aus eigenem Antrieb und Freude an der körperlichen Bewegung. Der Großeinkauf fiel weg, man diskutierte stattdessen darüber, wer etwas auf dem Heimweg zu besorgen hatte. Annelie Matthiesen beschreibt es heute als sehr "intensive und aktive Zeit", in der die Familie zusammengewachsen ist.

Reservierung per Mailbox

Als in der Nachbarschaft die meisten ein Zweitauto anschafften, verkauften sie ihren weißen Golf. Und stießen zeitgleich auf "stattauto", das sich als erstes Carsharing in Nürnberg damals in einer Testphase befand und Teilnehmer suchte. Das Konzept war recht aufwendig: 1000 Mark als Kaution und 10 Mark monatlich zahlten sie, um Zugang zu den vier Autos zu erhalten. Der Opel Astra, den die Familie von da an gelegentlich nutzte, parkte am Plärrer; Dort mussten sie also, mit dem Fahrrad oder der U-Bahn, erst einmal hinkommen.

"Man musste anrufen und auf eine Mailbox sprechen, wann und wie lange man ein Auto haben wollte", erklärt Matthiesen. Die Bestätigung, dass das Auto verfügbar ist, kam dann per Rückruf. Am Stellplatz des Autos gab es einen kleinen Tresor, zu dem jedes Mitglied einen Schlüssel hatte. Darin lag der Autoschlüssel, im Fahrzeug ein Fahrtenbuch. Das Auto musste vollgetankt zurückgegeben, der Tankbeleg an das Unternehmen geschickt werden.

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Zu seinen besten Zeiten hatte "stattauto" etwa 40 Mitglieder, nach zwei Jahren wurde das Unternehmen aufgelöst. Der verwaltungstechnische Aufwand war schlicht zu hoch, die Resonanz ziemlich gering. "Die Idee war wohl noch nicht reif für Nürnberg", so Matthiesen. "Damals war die Stadt hauptsächlich darum bemüht, das Leben autogerecht zu gestalten."

An ähnlichen Hürden scheiterte auch das Folgeprojekt "Nachbarschaftsauto". Es versuchte, Privatpersonen zu gewinnen, die ihr Auto gegen Gebühr verleihen wollten – doch es fand sich fast keiner. Für Annelie Matthiesen war das schade, aber nicht verwunderlich.

Sozialer Abstieg?

Familie Matthiesen nutzte das Carsharing-Auto damals circa einmal pro Monat: für Tagestouren, einen Wochentrip oder auch, "wenn man etwas Großes zu transportieren hatte".

Für ihre bewusste Entscheidung gegen ein eigenes Auto gab es in der Nachbarschaft überhaupt kein Verständnis. Ein Kollege stellte ihrem Mann einmal die Frage: "Was ist denn nun, für welches Auto entscheidet ihr euch jetzt?" und klang dabei recht ungehalten. Annelie Matthiesen wurde hingegen gefragt, ob ihr Mann seinen Job verloren hätte. "Sie haben das wohl als eine Art sozialen Abstieg empfunden", für die Familie eine schmerzliche Erfahrung. Vermeintlich klärende Gespräche brachten nichts, bei einer Gelegenheit stellte eine Freundin, die auch in Röthenbach wohnte, fest, sie seien "doch nicht frei ohne Auto". Woraufhin der Sohn aufbrauste und erklärte, dass sich Freiheit nicht am Besitz messen lässt. Sie fühlten sich frei, gerade weil sie kein Auto besitzen und vermeintlich "brauchten".

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Annelie Matthiesen betont, es habe sich für sie nie wie ein Verzicht angefühlt. "Ohne Auto zu leben, war eine Bereicherung", erklärt sie. Letztendlich stellten sie einer Nachbarin die Garage zur Verfügung, die bei ihnen schon lange leer stand. "Wenn du willst, kannst du das Auto dann auch einfach einmal nehmen", sagte die Frau damals. Annelie Matthiesen machte das nur ein-, zweimal und besuchte eine Freundin in der Nähe von Cadolzburg.

Heute fährt Annelie Matthiesen nur noch mit dem Rad. © Foto: Lidia Piechulek


"Mir ist damals aufgefallen, dass ich vom Autofahren komplett entwöhnt war", erklärt sie. Seit vier Jahren steigt sie in kein Auto mehr, heute fährt sie jede Strecke mit dem Fahrrad. 200 bis 300 Kilometer kommen so monatlich zusammen. Aus Kostengründen mache sie das aber sicher nicht: "Ich schaffe mir so oft etwas für mein Fahrrad an, dass es keine große Ersparnis ist." Vielmehr gehe es ihr um die Naturliebe, die eigene Gesundheit – und dass sie das ganze Getue rund um das "Statussymbol Auto" nie ganz nachvollziehen konnte.

Aktueller Trend lässt sie kalt

Mit dem "neuen" Carsharing hat sich Matthiesen kaum auseinandergesetzt. "Ich bin heute vielmehr Rad-Aktivistin als Anti-Auto-Aktivistin", sagt sie. Da gäbe es genug Baustellen, zum Beispiel seien viele Radwege "für die Anzahl an Fahrradfahrern viel zu schmal". Beliebte Strecken seien heute überlastet.

Mehr Carsharing, mehr Radfahrer – eigentlich ein paar positive Tendenzen, oder nicht? Dem stimmt Annelie Matthiesen durchaus zu. Aber zugleich bereiten ihr andere Entwicklungen Sorgen: Etwa die Geschichten von Anwohnern, die ihre geparkten Autos nicht mehr nutzen – aufgrund der Angst, dann keinen Stellplatz mehr zu finden. Sie hofft, dass noch viel mehr Stadtbewohner erkennen, dass es möglich ist, ohne Auto zu leben.

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