Montag, 16.12.2019

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Homophobe Beleidigung gegen Promi-Friseur: Kripo ermittelt

Marcel Schneider wehrt sich gegen Beleidigungen in Briefen und Facebook-Posts - 20.07.2019 05:54 Uhr

"Nicht das erste Mal“: Promi-Friseur Marcel Schneider mit einem Brief, in dem er bedroht und diffamiert wird. © Alexander Brock


"Das ist nicht das erste Mal, dass ich bedroht werde", sagt er gegenüber der Redaktion und zitiert aus einem weiteren Brief: "Pass auf, wenn du mit deinem Hund weiterhin an der Rednitz spazieren gehst!" Aus Angst geht der 50-Jährige aus Rednitzhembach, der in Nürnberg-Altenfurt seinen Salon betreibt, dort jetzt nicht mehr Gassi.

Im Netz hat er schon offene Morddrohungen erhalten, nachdem er sich klar gegen die AfD gestellt hatte. Das war 2016. Damals organisierten die Rechtspopulisten ein Treffen in der Lederer-Kulturbrauerei in Gostenhof. Schneider zog die Konsequenz. Einen Monat später sollte er dort bei einer Dirndl-Party Teilnehmerinnen stylen. Doch er kündigte den Vertrag.

Das Maß ist voll

"Ich kann nicht in einem Lokal arbeiten, in dem sich eine homophobe Partei trifft", sagt Schneider, der auch stellvertretender SPD-Bezirksvorsitzender in Mittelfranken ist. Doch dann sei die Hetze erst richtig losgegangen. "Mein Ehemann und ich haben üble Kommentare im Netz gelöscht und Briefe zerrissen."

Zur Polizei wollte er bisher nicht gehen. Mit dem aktuellen Pamphlet sei das Maß aber voll. "Bekannte und Freunde aus der SPD rieten mir, Anzeige zu erstatten." Das hat Schneider getan. Zuständig für den Rednitzhembacher ist die Kripo in Schwabach. Der Friseur und sein Mann gaben ihre Fingerabdrücke ab, um diese von den fremden Spuren auf dem Brief unterscheiden zu können.

Ermittelt wird jetzt wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Bedrohung. Klar ist: Ein Brief desselben Inhalts landete in einem anderen Briefkasten. Auch dieser Empfänger ging zur Polizei. "Aktuell läuft die spurentechnische Untersuchung", so Elke Schönwald, Leiterin der Polizeipressestelle, auf Anfrage.

Hohe Dunkelziffer

Wenige haben wie Schneider den Mut, zur Polizei zu gehen. Schwule, Lesben und Transgender scheuen den Weg dorthin. "Viele stecken die Anfeindungen ganz einfach so weg. Die Dunkelziffer dürfte daher sehr hoch sein, besonders auf Plattformen wie Facebook", vermutet Michael Glas, Geschäftsführer des Schwul-Lesbischen Zentrums Fliederlich. Wer offenen Hass nicht auf sich sitzenlassen will, wendet sich an Fliederlich. "Im vergangenen Jahr sind uns insgesamt 30 Fälle von verbaler Gewalt in Form von Beleidigungen bekanntgeworden", berichtet der Geschäftsführer.

Glücklicherweise, so Glas, sei es seiner Kenntnis nach in Nürnberg im vorigen und im laufenden Jahr noch zu keinen körperlichen Angriffen gekommen. Fliederlich, aber auch der Verein "Christopher-Street-Day" fordern, dass in der jährlichen Kriminalstatistik der Polizei Übergriffe auf Schwule, Lesben oder Transgender extra aufgeführt werden. Bisher werden sie unter allgemeine Straftatbestände wie Körperverletzung, Beleidigung oder Bedrohung subsumiert.

Prügel-Attacke in U-Bahn

Ob das Motiv dahinter Homophobie ist, bleibt unklar. "Doch nur mit solch einer statistischen Erfassung kann man erkennen, was da wirklich passiert und ob wir da ein Problem haben", ist Glas überzeugt.

Dass es nicht nur bei verbaler Gewalt bleibt, zeigt ein Fall vom Dezember 2018 in München. Fans des 1.FCN beleidigten in der U-Bahn der Landeshauptstadt einen 21-Jährigen zunächst als "Transe". Dann prügelten sie ihn mit einer Glasflasche krankenhausreif. Die Täter flüchteten unerkannt. Zunächst. Denn das Opfer konnte die Angreifer mit dem Handy fotografieren.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft München 1 wurde am 7. Juli 2019 mit den Bildern schließlich eine Fahndung ausgelöst. Die Ermittler gehen von einem LGBT-feindlichen (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) Motiv aus. Zwei Tage später stellten sich drei der vier Tatverdächtigen bei der Polizei. Der vierte wurde mittlerweile auch identifiziert. Die Männer im Alter zwischen 20 und 22 Jahren stammen aus dem Großraum Nürnberg.

Daniel Hofmann von den "Norisbengeln", dem ersten schwul-lesbischen Fanclub des 1. FCN, hat Kontakt zum Opfer aufgenommen. "Als schwuler Club-Fan fühlte ich mich dazu verpflichtet." Das 21-jährige Opfer hat sich ihm gegenüber darüber beschwert, dass sich die Club-Vereinsspitze noch nicht bei ihm entschuldigt habe. Hofmann nimmt hier den Club in Schutz: "Der Verein kann nicht für das Verhalten dieser Fans verantwortlich gemacht werden."

Arena in Regenbogenfarben

Doch Schwule und Lesben werden gerade in der Fußballszene immer noch angefeindet. Der FC Bayern hat anlässlich des Christopher-Street-Days am vergangenen Wochenende die Allianz-Arena in Regenbogenfarben leuchten lassen. Die Reaktionen waren heftig, wie Hofmann sagt: "In sozialen Netzwerken kamen viele sehr hasserfüllte Kommentare."

Der Club-Fan hofft, dass es in Nürnberg keine solchen Ausmaße annimmt. Denn die "Norisbengel" planen in der nächsten Saison zusammen mit dem 1. FCN eine ähnliche Aktion. Daniel Hofmann: "Bei einem regulären Spiel sollen unter anderem die Eckfahnen in Regenbogenfarben flattern."

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