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"Herr Maly, lassen Sie sich bitte wieder einwechseln"

Bestsellerautor Timur Vermes schreibt offenen Brief an Ulrich Maly - 13.03.2019 14:58 Uhr

Outet sich als Maly-Fan: Timur Vermes. © Roland Fengler


Lieber Herr Maly,

mit großem Bedauern habe ich von Ihrem Abschied aus der Berufspolitik gelesen. Erst dachte ich: Hey, wie Philipp Lahm. Manche wissen einfach, wann man das Spielfeld verlässt. Aber dann fiel mir ein: Bei Lahm geht’s nur um Fußball. Bei Ihnen geht’s, leider, um Demokratie.

Demokratie ist, ehrlich gesagt, unattraktiv. Wir Deutschen etwa haben uns so lang gegen sie gewehrt, bis keine Städte mehr da waren. Und auch wir haben uns erst mit ihr angefreundet, als sich zeigte, dass sie wohlhabend macht.

"Maly muss weg" funktioniert nicht

Leider scheint der Wohlstand europaweit derzeit begrenzt. Es ist sogar möglich, dass wir was abgeben müssen. Was macht das mit der Demokratie? Plötzlich werden Orbans wählbar und mehrheitsfähig, Erdogans, Trumps, Straches, Höckes, Salvinis. Sie alle versprechen allen alles auf Kosten der anderen, und sie alle eint, dass sie am Zahltag eines nicht brauchen können: Demokratie. Ihre Zauberformel lautet also: Das System ist schuld, und weil "System" zu kompliziert klingt, sagen sie "Merkel muss weg", "Juncker muss weg", "Macron muss weg".

Allerdings: Mit manchen Politikern klappt das nicht. "Maly muss weg" funktioniert nicht. Weil ein Großteil der Menschen sofort sagen würde: "Naa, der bassd scho."

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Aber es geht hier eben nicht um Fußball

Und genau solche Politiker braucht Demokratie als Gegengewicht zu den Allesversprechern. Aber Demokratie produziert solche Politiker nicht oft. Die meisten sind merkelig, gabrielhaft, hofreiternd, lindnerös. Sie müssen es sein, weil Demokratie mehr Fähigkeiten verlangt als Allesversprechen. Richtig hohe Zustimmungswerte über alle Parteigrenzen hinweg sind eine kostbare Rarität. Wer sich mit diesen Zustimmungswerten zurückzieht, ist kaum ersetzbar.

Muss man deshalb als Oberbürgermeister arbeiten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag? Nein. Aber der Berufspolitik erhalten bleiben sollte man schon. Es kann natürlich sein, dass man dadurch den richtigen Moment verpasst. Den Moment, in dem alle den Abschied bedauern. Den Philipp-Lahm-Moment. Aber es geht hier eben nicht um Fußball.

Lassen Sie sich also bitte wieder einwechseln.

Herzlich, Timur Vermes

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