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"Free Tours": Kostenlose Stadtführungen erobern Nürnberg

Touren bieten Rundgänge für ein Trinkgeld - Stadtführer fürchten um ihre Kunden - 20.08.2019 05:53 Uhr

Je mehr Spaß die Teilnehmer haben, desto höher fällt das Trinkgeld für Fabian (r.) aus. Im Schnitt geben die Gäste zwischen fünf und zehn Euro, manchmal auch zwanzig oder dreißig. Unter dem Strich bezahlt man damit ähnlich viel Geld wie für Touren etablierter Anbieter. © Foto: Michael Matejka


Samstag, 11.15 Uhr: Rund um den Schönen Brunnen wird es immer voller. Dass Nürnberg eine Touristenhochburg geworden ist, merkt man schnell. Spanisch, Italienisch, Englisch, verschiedene deutsche Dialekte – die Nürnberger sind hier gerade in der Unterzahl. Für die Tour auf Englisch sind schon jede Menge Leute da. Auch bei Fabian – er führt heute auf Deutsch durch die Altstadt – tröpfeln die ersten Gäste ein.

Fabian ist optimistisch, dass es heute eine große Tour wird. Es ist nicht zu heiß, nicht zu kalt, schlimme Kittelwascher sind nicht angekündigt. Seit einem Jahr geht er mit Touristen spazieren, hat sich vorher in die Stadtgeschichte eingelesen, Touren mitgemacht und Test-Rundgänge geführt, bevor er das erste Mal allein Nürnberg-Fans durch die Stadt geführt hat. Zwei Touren in der Woche übernimmt er im Schnitt, normalerweise komponiert der 27-Jährige Musik – jetzt komponiert er eine Führung mit rund zwei Dutzend Nürnberg-Neugierigen.

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Lieblingsplätze und Tipps zum Einkehren

Was wäre eine Stadtführung ohne die Legende von Raubritter Eppelein? Der Blick von der Burgmauer nach unten ist imposant. © Foto: Michael Matejka


Einer davon ist Dirk. Er ist im Juni erst von Düsseldorf nach Nürnberg gezogen. "Ich habe mir gedacht, ich mach am besten gleich eine Führung mit", erzählt er. Nicht, dass er wieder in eine andere Stadt ziehen muss, und am Ende nichts von Nürnberg gesehen hat. Eine junge Frau aus Leipzig ist recht spontan nach Nürnberg gefahren – die Bahncard soll sich lohnen, Franken ist bequem zu erreichen. Was auffällt: Die Teilnehmer der "Free Tour" sind jünger als bei anderen Stadtführungen. "Es kommen aber auch immer mehr ältere Gäste", sagt Dorian Barbera, der das Konzept vor drei Jahren nach Nürnberg gebracht hat. Das Konzept: Einheimische führen durch die Stadt, transportieren ihre Leidenschaft für Nürnberg, zeigen ihre Lieblingsplätze, geben Tipps zum Einkehren. Dafür bekommen sie ein Trinkgeld, meist zwischen fünf und zehn Euro pro Gast. Freilich: Um Geschichte geht es bei den Vorträgen auch. Die steht jedoch nicht so sehr im Fokus wie bei anderen Tour-Anbietern.

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Einer, dem das überhaupt nicht passt, ist Bernd Krause. Er führt Nürnberger und Gäste als zertifizierter Stadtführer der Nürnberger Gästeführer durch die Stadt. Gerade bei Führungen auf Englisch und Spanisch machen die "Free Tours" den Gästeführern Konkurrenz. Krauses Tour am Morgen ist ausgefallen, zu wenig Teilnehmer. Die Gästeführer arbeiten solidarisch, jeder bekommt einen fixen Betrag für eine Tour. "Was aber, wenn wir das Honorar nicht mehr einnehmen?", sorgt sich Krause.

(Sollten Sie die Webreportage nicht sehen, dann klicken Sie bitte hier.)

Auffrischungskurs in Sachen Stadtgeschichte

Aber auch inhaltlich sind Krause die Touren ein Dorn im Auge, wie er bei der Führung am Samstag lautstark kundtut. "Wenn er etwas erzählt, dann muss es auch richtig sein", schimpft Krause, als Fabian Sebaldus nicht als Einsiedler, sondern als Bischof beschreibt. Ein kleiner Fehler – den Gästen aber gefällt die Tour trotzdem.

Zu Recht: Es geht locker zu, man ist per Du. Fabian erzählt sympathisch, spannend, gibt auf der Tour vom Hauptmarkt über die Sebalduskirche, Kaiserburg, Burggraben, Weißgerbergasse, Nägeleinsplatz und Lorenzkirche den einen oder anderen Restaurant-, Bier- und Eisdielentipp. Ein schöner Spaziergang mit einem Auffrischungskurs in Sachen Stadtgeschichte zu Orten, die man als Nürnberger vielleicht gar nicht mehr so zu schätzen weiß wie die Touristen, die extra dafür anreisen. Ein Gummibärchen-Quiz gibt es obendrein. Oder wie Barbera beschreibt: "Eher Entertainment als Geschichtstour."

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"Die ,Free Tours‘ gehören eben dazu"

Und das kommt an. "Das macht er super", sagt eine Wienerin auf dem Weg vom Henkersteg zum Trödelmarkt. Auch das Internet ist voller Lobeshymnen. Auf der Bewertungsplattform Tripadvisor sind die "Free Tours" unter den Top Drei der Stadtrundgänge mit der besten Bewertung. Und auch Neu-Nürnberger Dirk aus Düsseldorf gefällt die Tour. Und die Stadt sowieso, die will er sich bei anderen Touren anderer Anbieter noch viel genauer anschauen. Einen Gutschein für eine Tour in den Felsengängen hat er von seinen früheren Kollegen bekommen. Tipps für andere Stadtführungen hat er bei der "Free Tour" aufgeschnappt. Anders als der schimpfende Gästeführer sieht sich Fabian nicht als Konkurrenz der etablierten Anbieter, er wirbt sogar für deren Touren. Er legt den Teilnehmern eine Führung mit Agnes im Dürer-Haus ans Herz, wirbt für Rundgänge in den Felsengängen, lobt die Altstadtfreunde.

Ein möglichst breites Angebot, bei dem jeder etwas findet – das wünscht sich auch die Congress- und Tourismuszentrale für Gäste aus nah und fern. "Jeder Kunde kann für sich entscheiden, was er gerne haben möchte", sagt deren Chefin Yvonne Coulin. Ob ganz klassisch, im Kostüm oder doch lieber mit einem kulinarischen Schwerpunkt – für jeden sei etwas dabei. "Und die ,Free Tours‘ gehören eben dazu", sagt Coulin, "die Welt ist vielfältig und die Gästeführerwelt eben auch."

Weitere Infos gibt es unter nurembergfreetour.com. 

Julia Vogl E-Mail

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