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"Die App soll mitlernen"

Benno Bartels über den Traum, Mobilitätsangebote aus der Region an einer Stelle zu bündeln - 06.06.2019 15:48 Uhr

Benno Bartels ist Baujahr 78, hat Informatik studiert und lebt mit seinen Frau und zwei Töchtern in Nürnberg. © www.ulanka.net


Herr Bartels, Ihr Unternehmen insertEFFECT hat sich sehr auf den Bereich der Mobilitäts-Anwendungen spezialisiert und arbeitet in dem Bereich für bedeutende Auftraggeber. Wie haben Sie sich diese Rolle erarbeiten können?

Benno Bartels: Vor 17 Jahren habe ich das Unternehmen mit zwei Freunden gegründet. Wir hatten die Idee, dass man auf einem Handy mehr machen kann als nur  zu telefonieren und haben angefangen Webseiten zu bauen, die auf den einfachen Handys damals funktioniert haben. Als dann das iPhone rauskam, haben plötzlich die Telefone bei uns geklingelt. Einer der Anrufe war von der Deutschen Bahn. Deren Auskunfts-Webseite haben wir für Smartphones optimiert. Danach haben wir gleich die erste deutsche Ticketing-App entwickelt. 

Anfangs hatten Sie auch noch andere Auftraggeber. Mittlerweile konzentrieren Sie sich komplett auf den Bereich Mobilität. Wie schwierig ist es, sich auf diesem Markt zu behaupten?

Bartels: Unser Unternehmen ist kontinuierlich gewachsen und hat jetzt 25 Mitarbeiter. Sehr viele Carsharing-Apps stammen von uns, zum Beispiel von Mazda, Volvo oder Tesla. Auch Bikesharing ist ein wichtiges Thema geworden. Letztlich wollen wir die beste User-Schnittstelle für alles, was mit nachhaltiger Mobilität zu tun hat, entwickeln. Die Erfahrungen, die wir in Projekten mit Banken oder Telefonanbietern gesammelt haben, können wir jetzt in der Mobilitätsbranche einbringen. Damit treten wir anders an als unsere Mitbewerber, weil wir aus einem viel schnelleren und innovativeren Umfeld kommen.

Auch wenn die Apps cool, frisch und innovativ wirken sollen: Viel Arbeit steckt dennoch in ihnen. Wie "cool" kann die Arbeit da wirklich sein, und wie viel ist "langweiliges" Programmieren?

Bartels: Langweilig ist Programmieren sowieso nie, wenn man nicht bei einem Unternehmen gelandet ist, das den Programmierer im dunklen Keller sitzen und Codezeilen reinhacken und in den oberen Etagen die schillernden Projektmanager sitzen lässt. Wir designen und entwickeln für die Zukunft unserer Städte. Und das in WG-Atmosphäre. 

Trotzdem müssen Sie auch sichergehen, dass jeder etwas leistet und abliefert.

Bartels: Der Trick dabei nennt sich "agile Organisation". Wir haben keine so hierarchische Struktur, in der wir nur von oben herab Aufgaben vergeben. Wir gehen davon aus, dass jeder Mitarbeiter seinen Spezialbereich in Teams einbringt und so die besten Ideen entstehen. Unsere Aufgabe als Chefs ist es, den Mitarbeitern den Freiraum zu geben, ihre Ideen entwickeln zu können. Das brauchen wir aber auch. Denn der Markt entwickelt sich so wahnsinnig schnell, dass wir immer alle die Augen ganz weit offen halten müssen und nicht nur mit Scheuklappen programmieren können. Wir müssen ganz genau beobachten, was die Kunden und deren Nutzer sich wünschen und was die globalen Trends sind. 

Ihr Unternehmen sitzt in Nürnberg. Für den städtischen Verkehrsbetrieb, die VAG, haben Sie eine Mitfahrer-App entwickelt. Wollen Sie sich noch weiter in der Region engagieren?

Bartels: Die VAG in Nürnberg hat derzeit eine große Mobilitätsplattform ausgeschrieben. Da sind wir einer von mehreren Bewerbern. Die VAG möchte zentraler Anbieter von verschiedenen Mobilitätsformen sein. Neben dem Kerngeschäft mit U-Bahnen, Straßenbahnen und Bussen gehören auch ein Fahrrad-Verleihsystem, Carsharing und Taxis dazu. Idealerweise kann man da mit einem einzigen Log-in die gesamte Strecke durchbuchen, also zum Beispiel auch ein Fahrrad leihen, mit dem man dann von der U-Bahnstation weiterfährt. Man hat also nicht getrennte Apps für VAG oder für den Gesamtraum des VGN, Carsharing und den Fahrradverleih, sondern es ist alles in einer App gebündelt.

Warum wird es dadurch attraktiver für die Menschen, die öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen?

Bartels: Momentan gibt es noch ein ziemliches Stückwerk von Mobilitäts-Einzelbausteinen. Das Problem des öffentlichen Nahverkehrs ist, dass er mich von einer Haltestelle, die nicht direkt auf meiner Strecke liegt, zu einer anderen Haltestelle bringt, die nicht genau mit meinem eigentlichen Ziel identisch ist. Am Ende muss ich noch ein Stück laufen, um wirklich anzukommen. Das Taxi fährt die Strecke direkt, ist aber sehr teuer und kein Massentransportmittel. Es geht darum, mit Mitteln der Digitalisierung Taxi, Fahrrad oder Carsharing so gut wie möglich mit den Massentransportmitteln zu kombinieren. Für den Kunden soll es sich anfühlen wie aus einem Guss.

Aber das tatsächliche Mobilitätsangebot ist dadurch ja nicht unbedingt größer. Reicht da eine gemeinsame App, um die Menschen zum Umsteigen zu bewegen?

Bartels: Das müsste mit einigen unpopulären politischen Entscheidungen einhergehen, die den Autoverkehr betreffen, wie etwa die Erhöhung der Parkgebühren in den Innenstädten. Außerdem muss deutlich mehr Platz für Busse und Bahnen und vor allem für den Radverkehr geschaffen werden. Die ÖPNV-Servicequalität muss sich aber schon verbessern. Die öffentlichen Verkehrsmittel haben ein schlechtes Image: Sie kommen zu spät, sind dreckig, vielleicht sogar gefährlich, und werden immer teurer. Im freien Markt würde es Systeme mit solchen Zuschreibungen nicht mehr lange geben. Die Kosten für die digitalen Entwicklungen sollten dabei kein Problem sein. Was sind schon die Kosten für eine App im Vergleich zu Investitionen in die Infrastruktur?


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Welche Rolle kann eine App dabei spielen?

Bartels: Die Leute messen Services zunehmend daran, was sie in der Hand haben. Wenn man sieht, wie viel Wert Google oder Uber auf die User Experience und die Besonderheit dieser Nutzerschnittstelle legen, dann ist das ein himmelweiter Unterschied zu dem, was wir in Deutschland bei den ÖPNV-Apps haben. Es gibt keine ÖPNV-App in Deutschland, die auch nur annähernd an GoogleMaps herankommt. 

Wer ist da denn in Deutschland besonders weit?

Bartels: In Berlin wird viel getan und mit einem anderen Spirit an die Sache herangegangen. Die machen vieles cool und neu. Im Moment tun sie aber noch viele coole einzelne Dinge, zum Beispiel gibt es den "BerlKönig", eine Art Shuttle-Service-App. Diese Dinge laufen aber noch nicht zusammen. Es gibt noch acht oder neun verschiedene Apps. Die Berliner haben angekündigt, das in der App "Jelbi" zusammenzufassen. Wir arbeiten an einem ähnlichen System in Mainz.

Wie soll das in Mainz aussehen?

Bartels: Die App ist aufgebaut wie ein virtueller Kartenstapel, bei dem immer die für mich und meine Situation relevanteste Karte oben liegt. Natürlich gibt es da die klassische Verbindungssuche und den Ticket-Kauf. Aber es kann auch weitere Karten für den Fahrradverleih oder Carsharing geben. Wenn der Nutzer aber praktisch nie Carsharing nutzt, kann man die Karte auch beiseite legen, so dass sie nicht mehr auftaucht. Mit so einem Kartenstapel ist sehr viel möglich. Da könnte man auch die Schwimmbäder anzeigen oder Theaterkarten bestellen. Wer sich nicht für Theater interessiert, legt die Karte eben weg. Wer gerne ins Theater geht, für den ist das ein guter Service. Wir nennen das den "mobilityStack". 

Die App kann man also sehr gut individualisieren.

Bartels: Genau. Und sie soll auch mitlernen, wie man sich als Nutzer verhält. Bis jetzt ging es bei Mobilitäts-Apps vor allem darum, die Fahrkarte irgendwie ins Handy zu bekommen. Und selbst für den Kauf waren viel zu viele einzelne Klicks nötig. Künftig "weiß" die App dann zum Beispiel, dass ich als Nutzer bei schlechtem Wetter nicht mit dem Fahrrad fahre und schlägt mir das dann auch gar nicht als Alternative vor, sondern zeigt mir an, wie ich möglichst schnell mit Regenschirm irgendwo hinkomme. Ich bin überzeugt davon, dass man den Kunden schon auch ein paar coole Ideen liefern muss. 

In der Stadt sind "coole Ideen" für den ÖPNV noch sehr viel einfacher, auf dem Land sind die meisten Menschen von ihrem Auto abhängig. Kann die Digitalisierung etwas daran ändern?

Bartels: Man kann Angebote wie Anruf-Sammeltaxis gut an digitale Auskunftssysteme, also zum Beispiel eine App, anbinden. Wenn man das gut macht, könnten einige Familien zumindest auf ihren Zweitwagen verzichten. Lokale Angebote könnte man rund um einen gemeinsamen Kern gut in so einen virtuellen Kartenstapel einbinden, das wäre gerade auch für große Verkehrsverbünde wie den VGN attraktiv. Die App erkennt, wo man sich gerade befindet, und zeigt dann zum Beispiel dem Bayreuther die VAG-Rad-Karte an, wenn er nach Nürnberg fährt. Wenn er anderswo unterwegs ist, wird diese Karte ausgeblendet. Und wenn in Fürth der Stadtverkehr an den Adventssamstagen kostenlos ist, könnte eine Info-Karte aufploppen, wenn ich in der Nähe bin. 

Wir haben hier in Nürnberg und der ganzen Region Nordbayern eine sehr gute Grundlage, um Vorreiter für neue Ideen in der digitalen Mobilität zu werden: Die Städte sind nicht zu groß und nicht zu klein, die Verkehrsbetriebe haben die neue Zeit erkannt, und mit #nuedigital verfügt die Region über eine lebhafte digitale Community. Packen wir’s an!

Benno Bartels hat 2002 in Nürnberg das Software- und Beratungsunternehmen insertEFFECT gegründet, das sich auf die Verbesserung der Schnittstelle zwischen Anwendern und neuen Mobilitätssystemen spezialisiert hat.

Seine Erfahrungen und Ideen für den digitalisierten Mobilitätsmarkt teilt er zum Beispiel bei den Events des Mobility Tracks des Nürnberg Digital Festivals: www.nue.link/mobil 

Interview: Martin Müller

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