Freitag, 15.11.2019

|

Aktionstag: Bekannter Pflegekritiker gastierte in Neustadt

"NeaWiS"-Präsentation über "eine mögliche gute und finanzierbare Pflege" - 23.10.2019 19:45 Uhr

Claus Fussek (r.) einer der bekanntesten Pflegekritiker Deutschlands, im Gespräch mit Besuchern des Aktionstages. Bei dem wünschte er sich "eine Greta für die Pflege". © Harald Munzinger


Vermittelt wurde diese an einem großen Aktionstag des Freiwilligenzentrums "mach mit" mit seinem Netzwerk "über Zaun und Grenze" in Kooperation mit der "Katholischen Erwachsenenbildung Ansbach/Neustadt/Fürth" im Evangelischen Gemeindezentrum. In dessen Eingangsbereich empfing die Besucher ein "Marktplatz der Helferkreise". Über ihr Wirken informierten die Nachbarschaftshilfen aus Neustadt, Diespeck, Neuhof/Zenn, Scheinfeld und Uffenheim, wobei sich in Gesprächen abzeichnete, dass diese wohl auch noch in weiteren Orten entstehen werden. Ferner waren die "Dorflinde Langenfeld" und der "Aurachtreff Emskirchen" sowie die Flüchtlingshilfe Obernzenn vertreten. Ebenfalls beeindrucken sollte im Saal, was unter dem "bunten Schirm Freiwilligenzentrum" an Projekten von Bürgern für Bürger von der Büchertauschbörse über das Freiwillige Soziale Schuljahr, die Leihgroßeltern oder den interkulturellen "NeuStadtGarten" bis zum Wunschsternebaum für Kinder am Rand der Wohlstandgesellschaft alles angeboten wird.

Und an einem seidenen Faden hängt, wenn es nicht gelingt, daraus ein tragfähiges Finanzierungsnetz zu knüpfen. Doch das sollte an dem Aktionstag rund um das soziale Netzwerk im Landkreis kein Thema sein, in dem sich das Bundesprojekt "NeaWiS" - eine internetbasierte Informationsplattform zu Versorgungsstrukturen im ländlichen Raum - vorstellte. Initiiert wurde dieses Modellprojekt von der Gerontologin Josefine Mühlroth und dem Chefarzt der Akutgeriatrie, Dr. Wolfgang Anderer. Projektträger ist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, mit der Umsetzung die Hochschule für angewandte Wissenschaften Ansbach betraut.

Rudi Lechner begeisterte mit seinem Percussions-Ensemble der Camphill-Dorfgemeinschaft "Hausenhof". © Harald Munzinger


Die Projektpartner sind der Landkreis, die Stadt Bad Windsheim und die Kliniken des Landkreises. Die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen der Hochschule, Leonie Hugo und Dunja Zöller, stellten "NeaWiS" vor, das älteren Menschen und den pflegenden Angehörigen die Wege zu Gesundheits- und Sozialdienstleistungen in der Region ebnen und einen Beitrag zu einer realistischeren Einschätzung des Unterstützungsbedarfs leisten will. Dazu wird Unterstützung bei der Suche nach relevanten Angeboten und die Hilfestellung bei der Planung des weiteren Vorgehens gewährt. Und dies alles in einem übersichtlichen Portal mit simpler Handhabung, wovon neben mittelbar Betroffenen und Angehörigen, auch Beratungsstellen, regionale Anbieter von Dienstleistungen sowie ehrenamtlich Tätige und Nachbarschaftshilfen profitieren.

Hausenhof-Trommler begeisterten

Für den nahtlosen Übergang von der "NeaWiS"-Präsentation zum Referat über "eine mögliche gute und finanzierbare Pflege" sorgten die Ehrenamtlichen der Nachbarschafts- und Flüchtlingshelferkreise sowie Rudi Lechner mit seinem Percussions-Ensemble der Camphill-Dorfgemeinschaft "Hausenhof". Dieses übertrug seine Begeisterung an der Musik schnell auf die stetig steigende Besucherzahl, brachte mit rhythmischen Klatschen eine tolle Stimmung in den Gemeindesaal und kam nicht ohne Zugabe von der Bühne. Für die geistige Kost war ein großer Büchertisch mit Literatur rund um das Thema des Tages aufgebaut, für das leibliche Wohl vom Freiwilligenzentrum mit allerlei Köstlichkeiten an der Snackbar gesorgt. Wären alle alten und kranken Menschen im ganzen Land gut betreut, hätte sich der Diplom-Sozial-Pädagoge FH Claus Fussek von der "Pflegeethikinitiative Deutschland" die Fahrt von München nach Neustadt ersparen können. Doch über 50.000 Klagen sind in seinem Büro über die tiefe Kluft von "Wunsch und Realität in den Pflegeeinrichtungen, aber auch in der häuslichen Pflege" schon aufgelaufen. Eine Diskrepanz, die er auch aus eigenen Beobachtungen in Einrichtungen mit musikalischem Dämmerschoppen im Gegensatz zu Leichenhallenatmosphären, oder individuell erfüllter Speisewünsche zum "Massenfraß" aufzeigte.

"Juwele, die man klonen müsste"

Er hätte nur zu gerne Unrecht, meinte einer der bekanntesten Pflegekritiker in Deutschland, der mit Gottlob Schober ein Buch über die Rechte alter Menschen und deren Missachtung als ein "Aufschrei gegen ein System des Schweigens" mit dem Titel "Es ist genug" herausgab. Bei seinem engagierten Vortrag in Neustadt nahm Claus Fussek betont all jener Häuser aus, in denen man sich der Verantwortung gegenüber Personal und "Gästen" bewusst sei, die Menschenwürde achte und Kritik ernst nehme. Vielleicht ja gerade jene Häuser, aus denen Pflegekräfte im Publikum waren und ihre "Schutzengelfunktion" ausüben, "Juwele, die man klonen müsste". Diese erschienen ihm allerdings eher als Ausnahme und das Positive eigentlich als das Normale.

Der Widerspruch jedoch von Zertifizierungen und täglicher Praxis nach "Leidlinien" ist die Grundlage seiner harschen Kritik an Missständen, Mängeln in der ethischen Haltung und "hausgemachten Problemen, die man nicht wahrhaben will". Wobei sich Fussek "die Pflegekräfte als mächtigste Berufsgruppe in Deutschland mit der schlechtesten Organisation" nicht erklären konnte. Und "fassungslos" macht es ihn, wenn Pflegekräfte nur aus Angst vor Mobbing gegen das eigene Berufsethos handelten, wenn sie massenweise den Dienst quittierten und der Nachwuchs die Ausbildungen abbreche, man dafür Personal aus dem Ausland rekrutiere. Oder gar über den Einsatz von Pflegeroboter rede, die er als Milliardengeschäft geißelt.

Aufstand der Anständigen ist nötig

Claus Fussek hielt einen Perspektivenwechsel für dringend nötig – ",man kann nicht nur 30 Jahre über 5 vor 12 beim Pflegenotstand reden" – wollte "das Altern als Schicksalsfrage der Gesellschaft bewusst gemacht" wissen und rief zum "Aufstand der Anständigen in der Pflege" auf. Der müsse nicht in großen Demonstrationen, sondern vor Ort an der Basis erfolgen, Selbstbewusstsein und Selbstachtung wieder geschärft und für Heime als "Schutzräume" gesorgt werden. Der Referent ermutigte im temperamentvollen Plädoyer für "alle, die keine Stimme haben" zum verantwortungsbewussten Miteinander in den lokalen Einrichtungen und zu einem parteiübergreifenden Miteinander für die würdevolle Pflege.

Die müsse daran ausgerichtet sein, wie man selbst gepflegt werden wolle. Im Publikum spürte Claus Fussek wohltuende Empathie. Die Leiterin des Freiwilligenzentrums, Dorothea Hübner, konnte sich mit den Koordinatorinnen Agatha Ludwig und Veronika Polok über viel Anerkennung für Aktionstag freuen, damit immense Vorbereitungs- und Organisationsarbeit belohnt sehen.

Harald J. Munzinger

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Neustadt