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Montag, 27.01.2020

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"Wir brauchen mehr professionelle Lehrkräfte"

Gluck-Direktor Bernhard Schiffer nennt Gründe für schlechtere Abschneiden deutscher Schüler - 09.12.2019 16:00 Uhr

Die deutschen Schüler landeten bei der Pisa-Studie wieder nur im oberen Mittelfeld. Die Gründe dafür sind vielfältig. © Foto: Felix Kästle/dpa


Wir fragten Bernhard Schiffer, Leiter des Willibald-Gluck-Gymnasiums (WGG) in Neumarkt sowie Bezirksvorsitzender Oberpfalz der Vereinigung der Direktorinnen und Direktoren der Bayerischen Gymnasien, nach den Gründen.

Bernhard Schiffer (60) leitet seit 2006 das Willibald-Gluck-Gymnasium in Neumarkt und Bezirksvorsitzender Oberpfalz der Vereinigung der Direktorinnen und Direktoren der Bayerischen Gymnasien. © Foto: Albert Thumann


Deutsche Schüler haben bei der aktuellen Pisa-Studie abermals schlechter abgeschnitten als beim letzten Mal. Wie erklären Sie sich das?

Ich stimme hier jenen Experten zu, die der Meinung sind, dass es wohl vor allem drei Faktoren sind, die diese Entwicklung mit verursacht haben, nämlich dem teilweise eklatanten Lehrermangel, der gestiegenen Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund und der nach wie vor bestehenden Koppelung zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in der Bundesrepublik.

 

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Integration von Schülern mit Migrationshintergrund?

Wie ausgeführt, spielt die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine große Rolle, und zwar nicht, weil diese nicht willens oder nicht fähig wären, sondern weil wir weitaus mehr professionelle Lehrkräfte brauchen, um diese Herausforderung, die eine große Bereicherung für unser Land sein könnte, zu bewältigen. In Zeiten des Lehrermangels fast ein Ding der Unmöglichkeit.

 

Die Mädchen schneiden – außer in Mathematik – besser ab als die Jungs. Spiegelt sich das auch im WGG wieder? Brauchen die Jungs mehr Förderung?

Ja, diese Diskrepanz ist auch am WGG zu beobachten. Jungs sind oftmals so sozialisiert, dass sie mehr Risiken eingehen, stärker Grenzen ausloten – und das bis weit in die Oberstufe hinein. Was sie brauchen, sind vor allem stets klare Rahmenbedingungen und Grenzen, mehr Zeit – von daher hat das G8 diese Schere zwischen Mädchen und Jungs noch weiter geöffnet – und insbesondere in den sprachlichen Fächern mehr Unterstützung.

 

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die föderalen Strukturen im deutschen Bildungssystem? Sollten nicht besser alle Bundesländer an einem Strang ziehen?

Das ist ein außerordentlich weites Feld: Im Zusammenhang mit der Pisa-Studie würde ich meinen, dass wir mit dem bayerischen Schulsystem bislang recht weit gekommen sind und dass eine Angleichung von Standards sich an jenen Bundesländern ausrichten sollte, die hier erfolgreicher waren als andere. Von daher kann ich jene verstehen, die im Hinblick auf Bildungsstandards eine "Angleichung nach unten" ablehnen.

 

Wie weit ist es mit der Digitalisierung? Kommt die voran?

Das wiederum ist ein weiter Sprung. Und ja – natürlich kommt die Digitalisierung in den Schulen voran. Mit gutem Grund ist das System "Schule" ein träges – wir tun gut daran, neuere Entwicklungen kritisch zu begleiten und das herauszufiltern, von dem wir glauben, dass es den Schülerinnen und Schülern das bestmögliche Rüstzeug für das Leben nach der Schule bietet.

Dazu kommt, dass sowohl im Bereich der Ausstattung, der Entwicklung von Mediencurricula und bei der Fortbildung der Lehrkräfte alles seine Zeit braucht. Hier ist mir eine nachhaltige, besonnene Entwicklung lieber als ein hektisches Herumexperimentieren, ohne den Sinn der einzelnen Schritte zu hinterfragen.

Grundsätzlich jedoch sehe ich eine eindeutige Entwicklung hin zu mehr Umgang mit digitalen Medien und einen reflektierteren Umgang mit ihnen, sodass mir um eine Vorbereitung unserer jungen Leute auch auf die digitale Welt von morgen nicht bang ist.

 

INTERVIEW: CHRISTINE ANNESER

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