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Dienstag, 21.01.2020

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Neumarkt: Lieferengpässe bei Arzneien an der Tagesordnung

Auch am hiesigen Klinikum und in den Apotheken des Landkreises fehlen Medikamente - 13.12.2019 06:30 Uhr

Immer öfter greifen auch die Apotheker im Landkreis Neumarkt in ihren Arzneischränken ins Leere, weil aufgrund von Lieferengpässen viele Medikamente fehlen. Das bedeutet einen erheblichen Mehraufwand, der nicht vergütet wird. © Friso Gentsch/dpa


Die Freystädter Apothekerin Ingrid Popp, Sprecherin der Apotheken im Landkreis Neumarkt, unterscheidet zwischen eher seltenen Versorgungsengpässen, bei denen ein Medikament und auch dessen Generika, also der selbe Wirkstoff von anderen Herstellern, auf längere Zeit überhaupt nicht lieferbar sind, und Lieferengpässen, bei denen eine Firma gerade nicht liefern kann, das Medikament aber in absehbarer Zeit wieder zu haben sein wird.

"Lieferengpässe sind an der Tagesordnung", sagt Popp, etwa bei Blutdrucksenkern, Antidepressiva, dem Schmerzmittel Ibuprofen in höheren, verschreibungspflichtigen Dosierungen, Schilddrüsenhormonen, oder Magensäureblockern.

"Für uns Apotheker bedeutet das einen erheblichen Mehraufwand, der nicht vergütet wird", sagt Popp. Zuerst gebe es Diskussionen mit dem Patienten, dem man erklären müsse, warum er sein gewohntes Medikament gerade nicht bekommt. Dann muss die Apothekerin oder der Apotheker Rücksprache mit den Ärzten halten, ob eine andere Arznei oder gar eine ganze andere Therapie in Frage kommen. Popp: "Das betrifft fast jedes zweite Rezept."

Seit Jahren ein Thema

Auch in den Kliniken seien Lieferengpässe seit vielen Jahren ein ständiges Thema, sagt der Neumarkter Klinikumssprecher Oliver Schwindl. Derzeit sei das hiesige Klinikum bei 109 Artikeln von einem Lieferengpasse betroffen. Das entspreche bei 1540 lagernden Artikeln circa sieben Prozent des Arzneibestandes. Wichtige betroffene Medikamentengruppen seien Anästhetika, Analgetika, Antibiotika oder Antihypertonika, aber auch Zytostatika. Aktuell betroffene Wirkstoffe seien Xipamid, Venlafaxin, die "Sartane" Candesartan, Irbesartan und Losartan sowie Propofol.

Um den Mangel auszugleichen, hat das Klinikum ein Management von Lieferdefekten eingeführt. Es erfolgt die schnelle Erfassung einer Lieferengpass-Meldung mit Bestandsprüfung und Dokumentation des weiteren Vorgehens. Darauf folgt die Analyse der Wichtigkeit und Dringlichkeit. Eine wirkstoffgleiche Ersatzbeschaffung wird zeitnah angestrebt. Es werden Absprachen mit Ärzten über mögliche Alternativen getroffen. Die Bevorratung muss dann daran angepasst werden.

"Bei einem gewissen Anteil der betroffenen Artikel beziehen wir in einer anderen Packungsgröße oder wirkstoffgleich über eine andere Firma", erläutert Schwindl. Lieferunfähigkeiten hätten bisher relativ unwichtige Arzneimittel betroffen oder konnten bei wichtigen Arzneimitteln in Zusammenarbeit mit den Ärzten über eine adäquate Alternative kompensiert werden. Aber: "Dies ist sehr zeitaufwändig, bei uns bearbeitet im Schnitt ein Mitarbeiter ausschließlich aktuelle Lieferengpässe."

Die Patienten im Klinikum müssten sich trotzdem keine Sorgen machen, beteuert der Klinikumssprecher: "Eine Gefährdung der Patienten hatten wir aufgrund der guten interdisziplinären Zusammenarbeit zu keinem Zeitpunkt – und wir setzen alles daran, dass dies so bleibt."

Hoffnung, dass sich die Situation bald bessert, hat Apothekerin Ingrid Popp nicht. "Das ist alles eine Folge der Globalisierung. Die Medikamente werden halt überwiegend nicht mehr in Deutschland und Europa hergestellt. Wenn dann ein ausländischer Hersteller – aus welchen Gründen auch immer – ausfällt, dann haben wir hier den Engpass."

Ein weiteres Problem seien die Rabattverträge der Krankenkassen mit den Herstellern. "Made in Germany" ist auf dem Arzneimittelmarkt offenbar zu teuer geworden. Wer am billigsten liefert, bekommt den Rabattvertrag von den Krankenkassen. Da können oft nur noch einige wenige Wirkstoffhersteller in Niedriglohnländern wie China oder Indien mithalten. Und wenn die nicht genug liefern, haben deutsche Ärzte und Apotheker mehr Arbeit und die Patienten das Nachsehen.

Ingrid Popp hofft deshalb auf die Politik: "Es muss sich möglichst bald was ändern."

CHRISTINE ANNESER

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