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Donnerstag, 13.08.2020

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Ist das Klinikum Neumarkt ein Sanierungsfall?

Internes Gutachten deckt Finanzlücke von neun Millionen Euro auf - 01.07.2020 17:00 Uhr

Ein Krankenhaus mit bestem Ruf, aber strukturellen und wirtschaftlichen Problemen: Das Klinikum Neumarkt befindet sich im Umbruch. Der Stabwechsel an der Spitze geht nicht reibungslos über die Bühne. Werden Vorschläge zur Restrukturierung umgesetzt?

© Foto: Andre De Geare


Auf dem Tisch des aufsichtführenden Verwaltungsrates lag aber ein "Restrukturierungsgrobkonzept" des Hamburger Beratungsunternehmens Lohfert & Lohfert, das der Landkreis in Auftrag gegeben hat.

In dem bisher nicht veröffentlichten Papier geht es nicht um einzelne Missstände: Die Kliniken des Landkreises werden schlicht als "Restrukturierungs- und Sanierungsprojekt" bezeichnet. Das in der Bevölkerung so beliebte Klinikum also ein Sanierungsfall?

Die Neumarkter Nachrichten hatten bereits Anfang 2019 über ein Millionendefizit im Etat des kommunalen Krankenhauses mit über 25 000 Patienten pro Jahr berichtet. In der Lohfert-Expertise ist für 2018 ein "Deckungsverlust" von 1,34 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr dokumentiert. Wichtigste Zahl in dem Gutachten: Auf rund neun Millionen Euro belaufe sich der "Ergebnisverbesserungsbedarf", sofern bis 2022 ein ausgeglichenes Betriebsergebnis erreicht werden solle.

Nach wochenlangen Recherchen in der Klinik an der Nürnberger Straße hatten die Experten unter anderem festgestellt, dass die Auslastung der Stationen besser gesteuert werden müsse. Das "Entlassmanagement" sei verbesserungsfähig. Die Zentrale Patientenaufnahme 2 weise eine geringe Auslastung bei hohem Personaleinsatz auf. Die Lohfert-Gutachter schlagen deshalb eine Umstrukturierung oder sogar die Schließung der Patientenaufnahme 2 vor.

Arztbriefe in Papierform

Auf Kritik stieß auch der Sozialdienst: "Die Produktivität zeigt Optimierungspotenziale." Die Berater nahmen sich zudem den Schreibdienst vor: In der Zusammenarbeit mit einem externen Dienstleister seien die Kosten zu hoch; es gebe keine einheitliche Aufgabendefinition. Während viele Praxen und Krankenhäuser längst digital kommunizieren, wurde im Neumarkter Klinikum der "papierbasierte Workflow für Arztbriefe" bemängelt.

Gravierend waren auch die Beanstandungen zum ärztlichen Sektor: Die ärztlichen Faktorkosten seien in den meisten Fachbereichen im Vergleich mit anderen Kliniken "auffällig". Diese hohen Kosten erklären die Experten mit den kleinen Fachabteilungsgrößen und einem "hohen Qualifikationsmix". Im Bereich der Anästhesie und Intensivmedizin schlagen die Gutachter die "Anpassung der Bettenzahl" vor. Die Hälfte der Intemediate-Care-Betten solle zeitweise geschlossen werden.

Bei der ärztlichen Rufbereitschaft sehen die Berater ein Einsparpotenzial von 500 000 Euro.

Der bisherige Klinik-Vorstand Peter Weymeyr verlängert seinen im Herbst auslaufenden Vertrag nicht, aus privaten Gründen, wie es heißt. Deshalb hat der Landkreis einen externen Dienstleister mit der Betriebsführung des Klinikums beauftragt. Nach einer europaweiten Ausschreibung war auch die Beratungsfirma Lohfert & Lohfert unter den sieben Bewerbern. Warum diese dann bei der Vergabe nicht zum Zuge gekommen ist, bezeichnete Landrat Willibald Gailler gestern als "Interna".

Den Zuschlag erhielt schließlich die Sozialstiftung Bamberg. Und die präsentierte den Krankenhausmanager Dr. Ralf-Michael Schmitz, der am 1. Oktober die Weymeyr-Nachfolge antreten sollte. Diversen Medienberichten zufolge hatten an Schmitz‘ früherem Wirkungsort, dem Klinikum Stuttgart, angebliche Unregelmäßigkeiten bei der Vermittlung von wohlhabenden Privatpatienten aus dem Ausland zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und Anklagen anderer Personen geführt (wir berichteten).

Danach teilte das Landratsamt mit, dass Schmitz als Neumarkter Klinik-Vorstand "nicht mehr zur Verfügung" stehe. Landrat Gailler betonte gestern auf NN-Anfrage, dass die Berichte über die Stuttgarter Vorgänge "keine ursächliche Auswirkung" auf die neuerliche Personalentscheidung gehabt hätten. Die Vorgeschichte des designierten Klinikvorstandes sei im Verwaltungsrat ohnehin "besprochen" worden. Der Landkreis habe weiter "uneingeschränktes Vertrauen" in die Sozialstiftung Bamberg. Dem Klinik-Verwaltungsrat werde am 21. Juli ein neuer Vorschlag für die Weymeyr-Nachfolge vorgelegt werden, so Landrat Gailler.

Haben die Sanierungsvorschläge von Lohfert Konsequenzen? Hier äußerte sich der Landkreischef sehr zurückhaltend: Einige Punkte seien umgesetzt, aber die Vorschläge müssten "verifiziert" werden. Es gebe "Handlungsmöglichkeiten", die mit dem neuen Management besprochen werden müssten.

WOLF-DIETRICH NAHR

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