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Freitag, 24.05.2019

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Erziehung 4.0: Professor Ute Schmid spricht über digitale Medien und Kinder

Informatik-Professorin Ute Schmid - 09.03.2019 10:24 Uhr

Kinder sollten beim Umgang mit digitalen Medien nicht alleine gelassen werden. Doch Tablets in der Grundschule hält Ute Schmid für verfehlt. © Foto:KNA


Nachdem die Neumarkter Nachrichten im Vorjahr zu Martin Korte und seinem Vortrag "Wie Kinder heute lernen" in die Säle der Residenz geladen hatten – ein Ruf, dem so viele folgten, dass der Saal proppevoll war – folgt heuer das "was": Was sollen Kinder heute lernen? Dazu forscht Professor Ute Schmid seit Jahren. Mit Erfolg.

Wie definiert sich die Zielgruppe, um die es in Ihrem Vortrag geht?

Professorin Ute Schmid: Es geht um Grundschüler, denn heute werden die Kinder, die mit digitalen Medien zu tun haben, immer jünger. Häufig wird schon Zweijährigen das Tablet in die Hand gegeben. Die Kinder nehmen als digital natives die Geräte als gegeben an und beschäftigen sich äußerst gerne damit, allerdings nur als oberflächliche Konsumenten. Computer sind ein Unterhaltungsmedium, das den Fernseher abgelöst hat. Meiner Meinung nach sind Bildungsinstitutionen dazu verpflichtet, Kinder beim Umgang mit digitalen Medien nicht alleine zu lassen. Für einen reflektierten und produktiven Umgang ist es notwendig, die Informatik-Konzepte, auf dem Computer und Anwendungsprogramme basieren, aufzuzeigen und die digitale Welt mit analogen Materialien begreifbar zu machen.

Sie haben dazu ein Modell ausgearbeitet, das jetzt auch von den NN für Grundschulen angeboten wird.

Schmid: Wir haben die Experimentierkiste Informatik entwickelt, die aus einer Menge von Lernbausteinen für grundlegende Konzepte der Informatik besteht. Ausgewählte Bausteine haben wir für die NN angepasst, um Kindern im Kontext des Mediums Zeitung anschaulich zu vermitteln, wie digitale Medien funktionieren. Beispielsweise kann das Konzept der digitalen Repräsentation sehr gut am Beispiel von digitalen Fotos vermittelt werden, die aus Pixeln aufgebaut sind. Kinder können Pixelbilder in vielen Varianten betrachten und auch selbst gestalten: Pixel können durch Zoomen sichtbar gemacht werden, aus einem Gitter aus Nullen und Einsen kann ein Bild entstehen, wenn alle Kästchen, in denen eine 1 steht, ausgemalt werden, mit Post-Its können Fensterbilder gestaltet werden. So kann man Kindern veranschaulichen, wie Bilder digital repräsentiert werden und schließlich auch, wie ein Bild vom Fotoapparat in die Online-Zeitung kommt.

Es geht sicher nicht nur um technische Details…

Professorin Ute Schmid stellt die Experimentierkiste Informatik vor. © F.: J. Schabel


Schmid: Unser Schwerpunkt ist tatsächlich die Vermittlung von Informatikkonzepten. Diese liefern aber auch die Grundlage für einen reflektierten Umgang mit Medien. So kann man etwa das Thema Fake News dadurch vermitteln, dass man bei einem Bild jeweils gezielt nur bestimmte Ausschnitte zeigt und damit auch nur ausgewählte Information präsentiert. Fake News sind natürlich kein Phänomen der digitalen Medien, das gab es schon immer, aber durch die digitalen Medien lassen sie sich sehr viel schneller verbreiten. Wir zeigen Kindern, wie ein und dasselbe Bild mit einem anderen Bildzuschnitt völlig verschiedene Aussagen hat. Die Kinder erarbeiten sich dann selbst, wie man auch mit Bildern lügen kann. Sie können zum Beispiel bei verschiedenen Bildern gezielt Teile abdecken und dann jeweils die passende Schlagzeile dazu texten.

Ein strittiger Punkt ist nun aber doch, ab welchem Alter man seinen Kindern ein Tablet oder Smartphone überlassen darf. Es gibt auch die Meinung, in der Grundschule sei das noch zu früh.

Schmid: Familien, in denen Kinder schon in jungen Jahren mit Tablet oder Smartphone ruhig gestellt werden, sind genauso problematisch wie Familien, die ihren Kindern diese Geräte komplett vorenthalten. Das war aber schon mit dem Fernseher so: Man kann einen Zweijährigen nicht einfach davor setzen, damit er unterhalten wird. Für die naturwissenschaftliche Frühbildung gibt es bereits sehr gut ausgearbeitetes Material, das Kinder anregt, physikalische Phänomene genau zu beobachten und Warum-Fragen zu stellen. Für den Bereich der digitalen Medien müssen dazu vergleichbar Konzepte und Materialien entwickelt werden, die Kinder anregen zu hinterfragen, wie etwas funktioniert. Zudem sollte Kindern immer wieder verdeutlicht werden, dass Computer und Software – anders als physikalische Phänomene – von Menschen erdacht und gemacht sind.

Das Berufsbild Informatiker ist aber wohl noch nicht so in den Köpfen präsent?

Schmid: Das stimmt. Wenn sie Kinder heute fragen, da können ihnen die sagen, was ein Arzt, eine Apothekerin oder ein Richter macht. Aber Informatikerin oder Informatiker? Da fehlt das Wissen. Wir wollen mit unserem Programm Kindern, vor allem aber auch Mädchen, die Chance geben, eigene Interessen und Begabungen zu entdecken. Mit visuellen Programmiersprachen wie Scratch können auch Kinder schon selbst Programme schreiben. Sie stellen fest: Der Computer kann dann etwas, was er vorher nicht konnte.

Ab wann sollte man seine Kinder denn an die digitale Welt heranführen?

Schmid: Die Neugier der Kinder ist riesengroß und Kinder fühlen sich stark zu digitalen Medien hingezogen. Allerdings bin ich da einer Meinung mit Hirnforschern, Psychologen und Pädagogen, dass gilt, je jünger ein Kind ist, desto wichtiger ist es, dass es die Welt, in der es lebt, analog begreift. Tablet-Klassen in der Grundschule halte ich für verfehlt. Der sinnvollere Weg scheint mir zu sein, Informatikkonzepte mit analogen, anschaulichen Materialien einzuführen, so wie ich das am Beispiel der Pixelbilder beschrieben habe. Auch Algorithmen, also die Handlungsschritte, die einem Computerprogramm zugrunde liegen, können anschaulich, ganz ohne Computer vermittelt werden. Kinder sollen begreifen, was hinter der bunten Oberfläche steckt, und Programmieren ermöglicht einen kreativen Umgang mit dem Computer, der so für die Kinder erlebbar vom Unterhaltungsmedium zum gestalterischen Medium wird.

Interview: WOLFGANG FELLNER 

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