Freitag, 22.11.2019

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Die Panther-Jagd von Parsberg

Vor 25 Jahren sorgte eine vermeintliche Raubkatze an der Schwarzen Laber für große Aufregung - 22.10.2019 15:00 Uhr

Immer wieder mal werden mitten in Europa schwarze Panther gesichtet. Nur in den seltensten Fällen handelt es sich um tatsächlich entlaufene Raubkatzen. © dpa


"Der Sommerloch-Panther kommt stets gewiss, auch wenn’s erst im November ist." Fast schon freudig reagiert die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) auf jede Raubkatzensichtung in Europa. Mal ist es ein Tiger, mal ein Puma, der angeblich neben der Dorfstraße hockt oder über ein Feld wieselt.

Der Klassiker, den die skeptischen Wissenschaftler der GWUP immer wieder genüsslich zerpflücken, ist aber der schwarze Panther, der durch den dunklen, deutschen Tann tappt. Hierzulande gehört das Phantom-Tier inzwischen fast schon zur heimischen Fauna. Auch im Landkreis Neumarkt trieb er schon sein Unwesen.

Klapfenberg ist ein malerisches Dorf nahe Parsberg. Die gewundene Hauptstraße führt an renovierten Bauernhäusern vorbei. Künstler haben sich hier einen Kunsthof eingerichtet. Gleich hinterm Ortsschild gluckert im tiefen Tal die Schwarze Laber – ein oberpfälzisches Idyll.

Die Sichtung

Umso größer ist die Aufregung am 30. September 1994, als zwei Angler am gegenüberliegenden Hang des Labertals einen rabenschwarzen Panther gesehen haben wollen. Ihre Ruten haben die beiden am Flüsschen unterhalb von Klapfenberg ausgeworfen. Es ist später Nachmittag, die Sonne verschwindet hinter dem Kellerberg, dessen bewaldete Spitze die Ruine der Adelsburg verbirgt.

Am Waldrand vor ihnen sei plötzlich ein schwarzes Tier aufgetaucht, erzählen die Angler später der Polizei. Die Höhe seines Widerristes sei 70 Zentimeter, die Rumpflänge schätzungsweise 1,20 Meter gewesen; es habe sich aber anders bewegt als ein Hund, geben die beiden Männer zu Protokoll. Schon eher wie eine Katze.

Vermeintliche Panther-Sichtung vor 25 Jahren: Am Waldrand des Kellerbergs zwischen Hollerstetten und Klapfenberg wollen zwei Angler, die an der Schwarzen Laber saßen, eine schwarze Raubkatze beobachtet haben. © Foto: Nicolas Damm


Sekundenschnell wälzt das Gehirn im Unterbewusstsein das interne Lexikon aller möglichen Erklärungen und spuckt eine passende Schablone aus: Dort drüben, ein paar Kilometer nördlich von Parsberg, mitten in Mitteleuropa, streift ein Panther umher.

Die Suche

So unglaublich das auch klingen mag, die Polizei muss bei einer solchen Meldung auf die Suche gehen. Das tut sie auch vor 25 Jahren, großangelegt, mit Hubschrauber.

Peter Gotteswinter, bis vor kurzem noch Leiter der Polizeiinspektion Parsberg, erinnerte sich Jahrzehnte später nur noch vage an den Einsatz. Doch einem Kollegen, den er 2010 extra für die NN "verhört" hat, waren noch viele Details präsent: Zum Beispiel, dass die beiden Zeugen durchaus glaubwürdig erschienen.

Nicht nur, weil hier gleich vier Augen die selbe Beobachtung machten. "Sie waren auch nicht alkoholisiert", räumt Gotteswinter den in solchen Fällen üblichen "Anfangsverdacht" aus.

Die Suchaktion wird ohne Erfolg abgebrochen. Doch schon am nächsten Tag meldet ein weiterer Zeuge, er habe den Panther gesehen – auf der nördlichen Seite des Kellerbergs, bei Hollerstetten. Die lokale Presse hat schnell einen Namen für das mysteriöse Tier parat: "Dr. Kimble". Weil es sich seiner Gefangennahme ebenso hartnäckig durch Flucht entzieht wie weiland Harrison Ford auf der Kino-leinwand.

"Dr. Kimble" hat sich inzwischen deutschlandweit einen Namen gemacht. Allerdings einen anderen: In Forscherkreisen heißt der Panther "Gustav" – nach dem "eisernen Gustav" – und wurde in den vergangenen Jahrzehnten vor allem an der deutsch-belgischen Grenze gesichtet.

Auf Youtube und in den sozialen Netzwerken machen unscharfe Bilder und verwackelte Filmchen die Runde, auf denen meist eine etwas größere Katze über einen Waldweg huscht. Der Prototyp ist die "Bestie von Exmoor", die schon Anfang der 80er Jahre einen ganzen englischen Landstrich in Angst und Schrecken versetzte.

Die Mythenforscher

Seit vielen Jahren schon dokumentiert Bernd Harder, Buchautor und Mitglied der GWUP, diverse Raubtier-sichtungen in Deutschland. Ein weiterer Klassiker ist das Krokodil im Badeteich. Doch der berüchtigte Panther führt die Charts unangefochten an. Es gebe aber auch, schreibt Harder in seinem Blog blog.gwup.net, beigefarbene Großkatzen, die sich in unseren Wäldern, ja sogar in den Großstädten herumtreiben sollen. "Hin und wieder ist auch von einem Löwen oder – häufiger – Puma die Rede, sogar in Berlin."

Die katzenähnlichen Wesen würden in Skeptikerkreisen auch als "fliegende Untertassen der Tierwelt" bezeichnet. Den Panther nennt Harder den "deutschen Yeti".

Wobei weder der Mythenforscher noch die ermittelnden Polizeibeamten all jene, die von Gustav zu Tode erschreckt wurden, per se in eine "Spinner-Ecke" stellen möchten. Harder beruft sich in einem Aufsatz in der Zeitschrift "Skeptiker" auf Wahrnehmungspsychologen, die herausgefunden haben, dass unser Gehirn eine Art "Glaubensmaschine" sei. Diese helfe uns, "Dinge vorzufinden, von denen wir glauben, dass wir sie vorfinden". Und das besonders bei uns zunächst unerklärlichen Phänomenen.

Im Falle der Raubkatzen spielen womöglich auch Urängste des Menschen herein, der in grauer Vorzeit noch vor realen Bedrohungen auf vier Beinen zitterte. Ängste vor einer noch nicht vollständig gezähmten Natur, die tief im Unterbewusstsein schlummern und uns im Wald pfeifen lassen. "Und hin und wieder faucht diese feindliche Natur aus dem Gebüsch", schreibt Mythen-Experte Ulrich Magin.

Doch nicht nur das Hintergrundrauschen der Evolution spielt uns in solchen Fällen gelegentlich einen Streich, sondern auch das Auge. Denn im eigenen Garten ist noch keinem ein Jaguar über den Rasen gelaufen. "Im wohlbekannten Umfeld hat man die Möglichkeit zum Größenvergleich, der im Freien fehlen kann, besonders bei Dämmerlicht oder Dunkelheit", erklärt Wahrnehmungsforscher Rainer Wolf.

Die Auflösung

Beide Erklärungsmuster können auch für den Klapfenberger Fall herangezogen werden: Denn hier hätte das mysteriöse Tier eher gewinselt als gefaucht. Die Parsberger Polizei konnte – was in solchen Fällen nicht oft vorkommt – schnell eine beruhigende Erklärung liefern. "In der Nähe gab es einen Schäferbetrieb mit einem großen schwarzen Hund", berichtete Peter Gotteswinter 16 Jahre nach der Suchaktion. "Und dieser Hund hatte sich davon gemacht und kam erst am nächsten Tag völlig erschöpft zurück. Das war just in der Zeit der Panther-Sichtungen."

Also nur ein matter Hirtenhund mit schlapp herab hängendem Schwanz? Die Akte "Parsberger Panther" wurde zumindest geschlossen. In den meisten anderen Fällen dürfte es sich um schwarze Hauskatzen größeren Kalibers handeln.

Auch verweisen die Legendenjäger darauf, dass eine ausgewachsene Raubkatze untrügliche Spuren hinterlassen müsste: Pfotenabdrücke, Exkremente und vor allem gerissene Beutetiere. "Ein einziger Panther benötigt gut 250 Rehe pro Jahr", rechnete Bernd Hader 2010 den Neumarkter Nachrichten vor. Und das müsste Förstern und Jägern wohl auffallen.

Die Pointe

In den letzten Jahren machte der Panther einen Bogen um Deutschland. In England, an der französischen Riviera und in der Schweiz tauchte er indessen auf.

Und dann turnte vor vier Wochen in der nordfranzösischen Kleinstadt Armentières plötzlich ein waschechter Panther auf einem Hausdach herum. Im Internet kursiert ein Video davon. Das Jungtier wurde mit einem Pfeil betäubt und eingefangen. Es wurde illegal in einer Wohnung gehalten und ist aus dem Fenster entwischt. Nach zehn Tagen meldete sich der kleinlaute Besitzer.

"Es gibt ihn wirklich, den berühmten Sommerloch-Panther", musste nun auch GWUP-Pressesprecher Bernd Harder zugeben. Doch bestätige dies bei weitem nicht die Sichtungen diesseits der Grenze: "Im Gegenteil. Das Tier von Armentières zeigt, dass echte physisch-materielle Panther weder unfotografierbar noch unfangbar sind."

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