Mittwoch, 20.11.2019

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Unterricht im Freien: So will eine Lehrerin die Schule umkrempeln

Montessori–Lehrerin fordert in Herzogenaurach Veränderungen am System - 28.02.2019 06:01 Uhr

Auf der Nutzung, neben dem Geflüglerheim, haben sich Montessori-Schüler und Lehrer ein Grundstück gestaltet. Hier ein Bild aus dem Sommer, als sie Unterstützung bekamen von einer Mitarbeitergruppe der Siemens Healthineers. Foto: Groh


Es gibt keine Tische in Reih und Glied, der Zimmerboden ist Präsentationsfläche, die Klingel ist abgeschafft und Schule findet auch draußen statt: auf dem Feld, am See, mit Eseln. Viele ihrer Wunschvorstellungen hat Ulrike Kegler in Potsdam schon umgesetzt. Die Montessori Oberschule, die sie 23 Jahre lang geleitet hat, gehört zu den erfolgreichsten in Deutschland. "Steigen wir endlich vom toten Pferd ab und hören auf mit dem Lehrer-Bashing", fordert die 63-Jährige in ihrem Buch "Lob den Lehrer*innen, wer Beziehungen stärkt, macht Schule gut." Ein Weckruf soll es sein und in der Montessori-Schule Herzogenaurach hat man ihn gehört. Schon zwei Mal ist eine Delegation nach Potsdam gereist, um sich inspirieren zu lassen. "Wir werfen regelmäßig einen Blick über den Tellerrand", sagt Schulleiterin Rebekka Oberhofer.

Viele Kolleginnen und Eltern haben Keglers Buch gelesen und die Thesen verinnerlicht. Einige davon stellte die Autorin am Montagabend vor. "Es müsste sich sehr viel ändern in Deutschland, damit Schule gut wird", meint die dreifache Mutter. Sie findet es "vorsintflutlich", dass in Bayern nach der vierten Klasse über den weiteren Weg des Kindes entschieden wird. Den Rahmenlehrplan hält sie für überdimensioniert. "Das ist doch alles ein Fake", sagt sie. Niemand könne das alles lernen. "In Finnland sind die Fächer abgeschafft."

Ulrike Kegler fordert Mut

Ulrike Kegler präsentierte in Herzogenaurach Thesen aus ihrem Buch. Foto: Claudia Freilinger


Ulrike Kegler wünscht sich mutige Lehrerinnen und Lehrer, die kreativ mit den Kindern arbeiten und sie gleichwertig behandeln. Sie fordert viel mehr Austausch und Kooperation zwischen den Kollegen. "Schulen befinden sich gemeinhin in der Harmonie-Suppe", sagt sie. Konflikte würden oft lieber umschifft, neue Ideen im Keim erstickt — nach dem Motto: Es läuft doch.

Ulrike Kegler benennt die Risiken des Lehrermangels, sieht aber auch Chancen darin, dass Quereinsteiger sich engagieren. Sie selbst hat schon viele Künstler und Wissenschaftler für Projekte an ihre Schule geholt. "Die Kinder und Jugendlichen merken, wenn jemand etwas drauf hat." Mehrwöchige Theater- und Tanzproben gehören in Potsdam fest zur Schulgestaltung. "Die staatlichen Prüfungen am Ende bestehen die Schüler danach sogar besser", sagt Ulrike Kegler.

Wichtig: das soziale Miteinander

Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren sehen in Potsdam das Schulgebäude kaum von innen. Sie treffen sich direkt auf einem großen Grundstück am See, betreiben dort Landwirtschaft, starten Bauprojekte oder arbeiten mit Tieren. Die Lehrer setzen den theoretischen Rahmen, in dem das Wissen praktische Anwendung findet und die Schüler haben die Zeit, das auszuleben, was in dieser Entwicklungsphase für sie wichtig ist: das soziale Miteinander.

Die Montessori-Schule Herzogenaurach arbeitet bereits mit einem ähnlichen Ansatz. Auf einem Grundstück an der Nutzung haben die Schüler einen Garten mit Obstbäumen, Unterstand und Bauwagen geschaffen. "Die Idee ist, hier auch bald Hühner zu halten, sagt Rebekka Oberhofer. Tische in Reih und Glied sind sicher nicht zu finden.

Claudia Freilinger Nordbayerische Nachrichten Herzogenaurach/Höchstadt E-Mail

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