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Mühlhausen: Studierende vermessen die alte Synagoge

Das digitale Aufmaß, das sie erstellen, dient als Grundlage für die weitere Denkmalpflege. - 24.06.2020 05:46 Uhr

Die Studierenden aus der Universität Bamberg haben den Hör- gegen den Betsaal getauscht und führen in der alten Synagoge Mühlhausen praktische Übungen durch: Sie erstellen das digitale Aufmaß, das als Grundlage für die weitere Denkmalpflege nötig ist.


"Das Pflaster stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1833", sagt Christian Plätzer, Vorsitzender des Vereins "Forum Alte Synagoge Mühlhausen". Alte Quellen legen nahe, dass damals das Niveau des Bodens erhöht worden ist.

Das gesamte Gebäude ist schon viel früher entstanden, in den Jahren 1755/1756. Alina und Ramona stehen im Betsaal einer der ältesten Synagogen Bayerns. Die beiden Studentinnen sind Teil zweier Seminargruppen der Universität Bamberg, die im Rahmen des Masterstudiengangs Denkmalpflege zwei Wochen ein digitales Aufmaß des Gebäudes erstellen. Das bedeutet, sie messen, analysieren, kartieren und fotografieren jeden Winkel in den alten Gemäuern, deren prachtvolle Verzierungen mit den Jahrhunderten verblasst sind.

Im ganzen Haus, das von außen eher wirkt wie eine alte Scheune, wuselt es in diesen Tagen von Studierenden. Sie alle haben bereits grundlegende Studiengänge hinter sich, sind fertige Architektinnen, Kunsthistoriker oder Ingenieure. Teil ihres Master-Programms sind praktische Übungen wie in Mühlhausen. Dozent Jürgen Giese war mit verschiedenen Absolventen schon im Bamberger Dom, im Stephansdom in Wien oder in diversen Baudenkmälern in Tschechien.

Zwei angehende Denkmalpflegerinnen werfen den Laserpunkt gerade nach oben an die bunt verzierte Decke. Sie nehmen die Maße für fotogrametische Aufnahmen, mit deren Hilfe sich durch Bildmessung die Lage und Form der Stuckelemente genau bestimmen lässt.

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Laserstrahlen in der alten Synagoge Mühlhausen

Betsaal statt Hörsaal: Studierende der Universität Bamberg führen in der alten Synagoge Mühlhausen praktische Übungen durch: Sie erstellen das digitale Aufmaß, das als Grundlage für die weitere Denkmalpflege nötig ist.


"Wir packen dafür auch noch unsere Blitzanlage aus", erklärt Jürgen Giese. "Damit können wir die Syngoge taghell ausleuchten." Die Aufnahmen ermöglichen später eine exakte dreidimensionale, geometrische Rekonstruktion der Objekte. Das, sagt der Experte, ist aber eher ein Nebenprodukt. Ihn interessiert vor allem die historische Bauforschung — eine Art Detektivarbeit. Die Kursteilnehmer finden heraus, wann welche baulichen Veränderungen vorgenommen wurden. Wo genau verlief die Frauenempore im Betsaal oder der getrennte Eingang für die Damen? Wie wurde das Gebäude beheizt?

Von Nazis geschändet beim Pogrom 1938, fristete das ehemalige Gebets- und Schulhaus viele Jahre ein Dasein als Lagerhalle und Werkstatt. Gleich neben dem Eingang, der durch ein großes Scheunentor erfolgt, befindet sich ein kleiner Unterrichtsraum der jüdischen Elementarschule, im Obergeschoss war einst die Rabbiner-, später die Lehrerwohnung untergebracht.

Der Vereinsvorsitzende Plätzer hat einen Kollegen aktiviert, der in Jerusalem recherchiert, ob dort noch alte Pläne der Synagoge zu finden sind. Aufgrund der Corona-Pandemie hat sich das aber verzögert, ebenso wie die Sanierungspläne insgesamt. Das digitale Aufmaß, das Alina, Ramona und die anderen derzeit erstellen, bildet die Grundlage für alle weiteren Schritte, die in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege erfolgen sollen. In den kommenden Jahren soll der Umbau zu einer Gedenk- und Bildungsstätte erfolgen. Ein genaues Konzept für die Nutzung sollte noch dieses Jahr entstehen — aber das wird sich wohl verzögern. Ein Kultursaal zum Beispiel für Lesungen und Konzerte ist angedacht, ein kleines Museum und ein Archiv zur Geschichte der jüdischen Landgemeinden.

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