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Montag, 21.10.2019

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Hochstapler erntet echten Ruhm

Die Höchstadter Schauspielgruppe Theater an der Aisch brilliert mit Thomas Mann. - 13.05.2019 14:00 Uhr

In dieser Szene erhält Felix Krull (David Doczkal, links) von Lord Kilmarnock (Johannes Dotterweich) das Angebot zur Adoption.


Die technischen Daten beeindrucken. Gut 400 Seiten mit 29 Kapiteln umfasst die fiktive Autobiografie. Im Zentrum der Aufführung steht Felix Krull. Als Erzähler führt er das Auditorium durch prägende Stationen seines Lebens. Dabei schlüpft er immer wieder selbst in die Szenerie. Dies stellt enorme Anforderungen an den Darsteller. David Doczkal wird diesen mehr als gerecht. Obwohl über zwei Stunden ununterbrochen auf der Bühne, gönnt er sich keine Schwäche. Textsicher und ausdrucksstark ist er Dreh- und Angelpunkt einer überraschend aufwändigen Produktion.

Diese beginnt in Krulls Elternhaus. Vater Engelbert (Johannes Dotterweich) führt dort einen ausschweifenden Lebensstil, der schließlich in Bankrott und Selbstmord endet. Von nun an muss sich Krull allein durchs Leben schlagen. Ein Unterfangen, das dem versierten Blender gut gelingt. "Betrug gelingt dann erfolgreich, wenn er nicht ganz im Bereich des Unmöglichen liegt", philosophiert Krull – und avanciert damit ungeahnt aktuell zum Vorbild der vor wenigen Tagen verurteilten Hochstaplerin Anna Sorokin. Denn es gelingt ihm, den von Armin Scharf erfahren und penible dargestellten Militärarzt zu täuschen und sich dem Wehrdienst zu entziehen.

Stattdessen heuert Krull als Liftboy in einem Pariser Grand Hotel an. Dort trifft er auf Lord Kilmarnock, das Alter Ego Thomas Manns. Wie dieser verliebt sich der von Johannes Dotterweich einfühlsam herausgearbeitete Kilmarnock in den jungen Kellner. Doch Krull, der bereits in Kindertagen eine Affäre mit seinem Kindermädchen unterhalten hatte, wird zum Liebhaber der wohlhabenden Madame Houpflé. Diese wird von Marie Feuerlein gegeben. Ohne Berührungsängste stellt sie sich dem sadomasochistischen Kontext, in dem sich Mann mit dem sexuellen Reiz des Inzests auseinandersetzt.

Houpflé ermöglicht dann auch die Verwandlung des kleinen Gauners Krull in einen veritablen Hochstapler. Sie erlangt Befriedigung darin, von ihrem Liebhaber bestohlen zu werden. Der finanziert damit einen Lebensstil, der den Anschein erweckt, Krull sei aus besserem Hause. "Denn wir leben in einer Aristokratie des Geldes", sinniert Krull. "Das ist eine Aristokratie des Zufalls. Denn wird der Anzug gewechselt, wird aus dem Diener ein Herrscher." Zur Perfektion treibt Krull es, indem er die Persönlichkeit des Marquis Louis de Venosta übernimmt.

Auf Weltreise

Empathisch mimt Anselm Grigull diesen, angesichts einer nicht standesgemäßen Liaison, von Enterbung bedrohten Industriellen-Sohn. Seine Eltern wollen de Venosta von seiner Varietétänzerin entfremden und schicken ihn auf Weltreise. Die tritt, nach einem Tausch der Identitäten, jedoch Krull an. Doch auch er schafft es nicht bis Argentinien. Denn er verliebt sich in Lissabon in Zouzou. Die von Alexandra Seppel anmutig verkörperte Professoren-Tochter wird in Manns Original bei einem Stierkampfbesuch betört.

In der Höchstadter Inszenierung tritt an dessen Stelle ein Tennismatch. Doch beide Varianten verfehlen zunächst ihr Ziel – denn Marie Feuerlein alias Mutter Maria Pia geht dazwischen und verführt Krull selbst. Der ergibt sich in sein Schicksal. "Das Doppelgängertum verbietet es mir, es mit der Wirklichkeit aufzunehmen", beklagt er.

Die Antwort auf die Frage, ob Krull das Herz Eleonores doch noch gewinnt, bleibt Mann schuldig. Es gelingt trotzdem, eine akzeptable Schlussszene zu generieren – ein vom Wahnsinn ergriffener Krull wird zum Kaiser der Schwindler und Diebe.

VON CHRISTIAN ENZ

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