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Was Christa Naaß (SPD) zum Internationalen Frauentag meint

Ein Gespräch über Gleichstellung, "Rabenmütter" und abfällige Bemerkungen von Kollegen - 08.03.2019 06:09 Uhr

„Es gibt noch viel zu tun“: Christa Naaß sieht den Kampf um echte Gleichberechtigung der Geschlechter noch nicht als gewonnen an. Im Gegenteil: Sie registriert „Rückschritte“. © Tina Ellinger, Bildbearbeitung: Bronislav Hava


Altmühl-Bote: Sie wurden 1986 zur Kreisvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen gewählt. Welches Thema trieb Sie damals besonders um?

Christa Naaß: Es ging darum, eine Frauenbeauftragte im Landkreis zu etablieren, die wir SPD-Frauen bereits seit 1985 eingefordert hatten. Dagegen gab es massiven Widerstand. Deshalb musste das Thema auf die politische Ebene gebracht und Bündnispartnerinnen gesucht werden. Erst als 1996 das Gleichstellungsgesetz in Bayern verabschiedet worden ist, wurde die Stelle in Weißenburg-Gunzenhausen – übrigens als bayernweit letztem Landkreis – geschaffen. Wir SPD-Frauen bezeichneten das Gesetz damals als einen "zahnlosen Tiger", weil es weder Vorgaben etwa zum Stundenkontingent, noch Sanktionen vorgesehen hat.

 

1990 waren Sie die erste Frau im Haundorfer Gemeinderat. Das war anfangs sicher nicht ganz einfach – allein unter Männern, oder?

Naaß: Das war ein Lernprozess für beide Seiten. Als Frau und als gleichberechtigte Kollegin anerkannt zu werden, war wesentlich schwieriger als für einen neugewählten männlichen Gemeinderat. Da musste ich mich nicht nur auf die Hinterfüße stellen, sondern auch klare Kante zeigen.

 

Sie waren nicht nur Gemeinderätin, sondern saßen auch seit 1990 für die SPD im Kreistag. Da gab es immerhin fünf Frauen in Ihrer Fraktion. Wie gut funktionierte dort das gleichberechtigte Miteinander der Mandatsträger?

Naaß: In den 1990er-Jahren standen beispielsweise Themen wie die Beteiligung des Landkreises an einem Frauenhaus oder eben die Gleichstellungsbeauftragte auf der Tagesordnung. Es gab aber so einige Kollegen beziehungsweise Fraktionen, die mit Frauenpolitik nichts am Hut hatten und auch keine Notwendigkeit darin sahen, etwas zu verändern, nach dem Motto "Wenn Frauen Probleme haben, sollen sie zum Pfarrer gehen." Und es gab auch abfällige, herablassende, sogar öffentlich gemachte Äußerungen – auch gegen mich persönlich – die es in dieser Form einem Mann gegenüber nie gegeben hätte.

 

Wie geht man mit solchen Situationen um?

Naaß: Frau muss lernen, diese Bemerkungen und Verhaltensweisen nicht persönlich zu nehmen, man darf sie aber auch nicht hinnehmen. Es muss klar aufgezeigt werden, dass es so nicht geht. Das war anfangs nicht so einfach, da prägte dann doch die höfliche Erziehung und das damals herrschende Frauenbild. Ich habe mich aber durch Leistung, durch fachliches Wissen, durch ständige Präsenz durchgesetzt (lacht), typisch Frau eben. Auch Geradlinigkeit und sich nicht vom eigenen Weg abbringen zu lassen, ist wichtig.

 

Sie haben eben das Frauenbild Ihrer Generation angesprochen. Inwieweit haben Sie das selbst, als berufstätige Mutter zweier Kinder, aufgebrochen?

Naaß: Als die Kinder klein waren, gab es noch nicht einmal einen Kindergarten innerhalb der Gemeinde. Dies im ganzen Landkreis zu ändern war übrigens auch eine politische Aufgabe. "Kinder brauchen Plätze", war zum Beispiel eine landkreisweite Aktion der SPD-Frauen, die auf das Fehlen von Kinderbetreuungseinrichtungen aufmerksam gemacht haben. Für einige galt man als Rabenmutter, wenn man arbeiten ging. Selbst im Bayerischen Landtag musste ich erleben, wie die Forderung nach mehr Kinderbetreuungseinrichtungen als sozialistisches Gedankengut verteufelt wurde. Berufstätig zu sein mit kleinen Kindern – und dann noch Politik zu machen –, das war nicht einfach. Auch innerhalb der Familie musste die Akzeptanz erst wachsen, obwohl mir von dieser Seite nie Steine in den Weg gelegt worden sind und ich später ganz aktiv dabei unterstützt wurde.

 

1994 zogen Sie in den Bayerischen Landtag ein. Spitzenkandidatin war Renate Schmidt. Wehte dort ein anderer Wind?

Naaß: Es zog durchaus Frauenpower in die Fraktion ein, schließlich lag der Frauenanteil in meiner Fraktion bei etwa 40 Prozent. Im Landtag selbst erst bei 30 Prozent. Das veränderte nach und nach das doch noch sehr männlich geprägte Denken und Handeln. Aber auch bei manchen Themen musste innerhalb der eigenen Fraktion Überzeugungsarbeit geleistet werden. Aber, immerhin, nach jahrzehntelangem Kampf wurde 1996 das erste bayerische Gleichstellungsgesetz verabschiedet. An der Gesetzgebung mitwirken zu können, das war für mich damals einer der Gründe, für den Landtag zu kandidieren.

 

Blicken wir auf Ihr rund 30 Jahre langes politisches Engagement für Frauen. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Naaß: Es hat sich in den vergangenen 30 Jahren in Sachen Gleichstellung viel getan, aber es reicht noch nicht aus. Im Gegenteil. In den letzten Jahren beobachte ich, dass Frauenpolitik weniger Raum einnimmt, eher ein Rückschritt zu verzeichnen ist.

 

Der Frankenrechen vor dem Landtag: Christa Naaß (links) bei einer Aktion ihrer Partei im Sommer 2009. © Frank Leonhardt/dpa


Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Naaß: Vielleicht, weil mittlerweile bereits Vieles erreicht ist, und dies die jungen Frauen und Teile der Gesellschaft als selbstverständlich ansehen. Man muss sich aber die Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf, gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit usw. immer wieder bewusst machen, um festzustellen, dass es in vielen Bereichen doch noch mangelt. Frauen stellen über 50 Prozent der Bevölkerung. Deshalb muss es selbstverständlich sein – und es ist für alle ein Gewinn – wenn die Kompetenzen und Sichtweisen von Frauen in alle Bereiche des Lebens einfließen. Gedenkveranstaltungen wie etwa zu 100 Jahre Frauenwahlrecht sollen daran erinnern, welche Errungenschaften erkämpft worden sind wie mühsam das war. Das darf man nicht vergessen, vor allem bei den aufkommenden nationalistischen Tendenzen mit einem Frauenbild aus Zeiten, die man nicht mehr haben will.

 

Ein Blick in die Zukunft: Was würden Sie sich aus frauenpolitischer Sicht wünschen?

Naaß: Ich würde mir wünschen, dass der Kampf für die Gleichberechtigung der Geschlechter nicht mehr erforderlich wäre. Doch so lange Frauen nicht die gleichen Möglichkeiten haben, sei es bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Karriere, der Bezahlung oder in der Politik, müssen wir alle gemeinsam auf allen Ebenen für die Umsetzung des Artikels 3 des Grundgesetzes kämpfen: "Frauen und Männer sind gleichberechtigt". Es gibt also noch viel zu tun! 

Tina Ellinger Altmühl-Bote E-Mail

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