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Freitag, 07.08.2020

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Kein Ansturm beim Reifenwechsel

Der Pandemie-"Shutdown" trifft viele Branchen. Auch das Kfz-Handwerk, bei dem viele derzeit nur das Nötigste richten lassen. - 07.04.2020 17:27 Uhr

Karl Oster im Ausstellungsraum mit den Neuwagen. Es rührt sich nichts. Die Bürger dürfen nicht in die Autohäuser, und eine Bestellung im Internet ist für die meisten keine Alternative. Wer keine Probefahrt machen könne, der unternehme halt gar nichts.

© Wolfgang Dressler


Laut Karl-Heinz Breitschwert liegt die Auslastung der Mitgliedsbetriebe in Mittelfranken nur bei etwa 30 Prozent. Die meisten Kunden würden "nur das absolut Nötigste" richten lassen. Nicht zuletzt, weil bei vielen – Stichwort "Kurzarbeit" – auch das Einkommen durch die Krise spürbar leidet.

Beim Wechsel von Winter- auf Sommerreifen bleibt bis dato der große Ansturm ebenfalls aus. Wer das Auto selten braucht, weil er staatlich verordnet daheim bleiben muss, sieht wohl auch keine all zu drängende Notwendigkeit zum Reifenwechsel. Technisch spricht hingegen einiges dafür: "Wenn die Temperaturen zweistellig werden, dann verlängert sich mit Winterreifen der Bremsweg, der Verschleiß geht nach oben", weiß Karl-Heinz Breitschwert – gute Gründe, den Reifenwechsel trotz Corona nicht auf die allzu lange Bank zu schieben.

Fast völlig eingebrochen ist das Neuwagen-Geschäft, nachdem die Autohäuser im Gegensatz zu ihren Werkstätten geschlossen bleiben müssen. "Man kann zwar theoretisch online ein Auto bestellen, doch es ist keine Probefahrt möglich", erklärt Breitschwert. Eine weitere Hürde könne die Zulassung des Autos darstellen, denn die amtlichen Zulassungsstellen hätten derzeit nur sporadisch geöffnet, hat Karl-Heinz Breitschwert beobachtet.

"Was noch geht, ist der gewerbliche Bereich, also beispielsweise wenn einem Handwerker das Auto zusammenbricht und er das gleiche Modell eins zu eins wieder haben will", führt Breitschwert aus.

Wie es weitergeht? Der Innungs-Obermeister glaubt nicht an eine schlagartige Rückkehr zu alten Verhältnissen nach dem 19. April: "Da wird alles eher ganz allmählich wieder hochgefahren", vermutet Breitschwert. Die Umsatzeinbußen werde die Autobranche wohl noch eine ganze Weile spüren.

Es ist 16.30 Uhr an einem Werktag im Autohaus Oster in Dittenheim. Die Kfz-Werkstatt, das Herzstück des Familienbetriebs, hat schon Feierabend, und an der Tankstelle tut sich nicht viel. Karl Oster und seine Tochter Bettina haben viel Zeit für ein Gespräch mit dem Redakteur des Altmühl-Boten. Sie haben ihren Humor nicht verloren, doch manchmal grenzt er an Galgenhumor, und wenn dann doch wieder direkt von Corona und seinen Folgen gesprochen wird, werden die Mienen der Firmenchefs ernst. Karl Oster, ein erfahrener Unternehmer und langjähriger Vertragspartner von Toyota, stellt fest: "So etwas wie jetzt habe ich noch nicht erlebt ." Er meint damit den Einbruch des Umsatzes innerhalb kurzer Zeit und die völlige Ungewissheit, ob und wie es weitergeht. Er kann sich noch gut an die Fahrverbote an Sonntagen im Herbst 1973 erinnern und davon erzählen, aber im Vergleich zwischen dem damaligen "Ölpreisschock" und der jetzigen Krise müsse man sagen, "das hier hat eine ganz andere Dimension".

Konkret bedeutet das etwa, dass nur noch die Hälfte des Sprits getankt wird wie sonst üblich. Die Leute dürfen und wollen nicht weit fahren, sie brauchen einfach weniger Kraftstoff. Die Werkstatt hat viel weniger als üblich zu tun, die Aufträge kommen schleppend herein. Kurzarbeit wird sich deshalb wohl nicht vermeiden lassen. Bettina Oster stellt sich jedenfalls darauf ein. Andere Mitarbeiter machen mehr oder weniger notgedrungen Urlaub, und es gibt auch (normale) Krankheitsfälle.

Karl Oster nimmt den Besucher mit in die Ausstellungshalle, wo die Neuwagen auf Interessenten warten. Das Geschäft sei praktisch tot, es dürfe ja nichts stattfinden. Zwar stehen einige Pkw bereit zur Abholung, sie sind verkauft, doch jetzt hapert es an der Zulassung, die nicht mehr so einfach und schnell wie früher möglich ist.

Draußen, im Freigelände, sind zahlreiche weitere Fahrzeuge abgestellt, sei es mit oder ohne Tageszulassung, die verkauft werden sollen. Insgesamt steht derzeit viel "totes Kapital" herum, dessen ist sich Karl Oster bewusst, und es betrübt und belastet ihn.

Der weitgehende Stillstand hat natürlich in der Pandemie seine Ursache. Wobei die Osters auch nicht bis in Kleinste wissen, was denn nun der Bevölkerung noch erlaubt ist und was nicht. Jedenfalls hören sie manchmal Unterschiedliches. Die Bürger dürfen nur noch aus triftigem Grund aus dem Hause. Der Wechsel von Winter- auf Sommerreifen gehört nicht dazu. Zuletzt kam aber die Mitteilung, dass bei abgefahrenen Reifen ein Wechsel wohl doch zulässig sei, weil da Sicherheitsaspekte hineinspielten. Eine ganz normale Inspektion des Autos, das ist auch so eine Sache. Eigentlich nicht erlaubt. Dabei weisen die Hersteller darauf hin, dass man der Aufforderung zur Inspektion nachkommen muss, ansonsten könnte der Motor Schaden erleiden.

Und noch ein Beispiel für die verzwickte Situation: Eine Frau aus der Oberpfalz hatte einen kaputten Wagen und wollte sich nach Dittenheim begeben, um in dem ihr gut bekannten Autohaus Ersatz zu beschaffen. Angehalten von der Polizei, gab sie an, sich einen Neuwagen "ansehen" zu wollen, daraufhin wurde sie wieder nach Hause geschickt. Hätte sie gesagt, sie brauche unbedingt ein neues Auto und wolle hier und heute eines kaufen, hätte sie wohl weiterfahren dürfen.

Die Corona-Regeln, aber auch die allgemeine Stimmung, die Lähmung sind für Karl Oster der entscheidende Grund dafür, dass die Kfz-Branche eine so tiefe Talsohle durchschreiten muss. Dabei hätten die Leute doch eigentlich gerade jetzt Zeit, ihr Auto richten zu lassen und sich auch nach einem Neuwagen umzusehen. Für genügend Sicherheitsabstand könnte man leicht sorgen, es ließen sich ja auch die Termine ganz gezielt und gestaffelt vergeben. Aber es sei nun mal nichts zu machen. Würden die Verbote und Einschränkungen nach und nach gelockert, dann könnte es in der Autobranche wieder hektisch und eng zugehen, weil viel nachzuholen sei.

Das Autohaus Oster hat in all den Jahrzehnten gut gewirtschaftet und nicht über seine Verhältnisse gewirtschaftet und investiert. Die Anlagen sind abbezahlt, der entscheidene Kostenfaktor ist das Personal. Zudem ist man recht breit aufgestellt, siehe die Tankstelle und die Werkstatt, die für Autos aller Marken ausgelegt ist. Ein Wohnmobilverleih ist auch vorhanden (da gingen für diesen Sommer einige Absagen ein), und die Autowaschanlage steht auch zur Verfügung. Wobei die neue Waschanlage für 50 000 Euro vor Corona bestellt wurde und in Kürze eintreffen wird. Da muss das Unternehmen durch, der Auftrag lässt sich nicht stornieren.

Karl Oster ist sich darüber im klaren, dass jeder Kfz-Betrieb seine speziellen Verhältnisse und Probleme hat, da könne man nichts über einen Kamm scheren. Er sagt nur so viel: Es gebe Betriebe, die sich allein auf das Neuwagengeschäft konzentrieren. Da sehe es derzeit wirklich zappenduster aus. Und wer zufällig vor Kurzem ganz groß investiert habe und etwa neue Ausstellungsräume gebaut habe, dem falle es derzeit bestimmt nicht leicht, den Verbindlichkeiten nachzukommen. Das koste dann wirklich Nerven.

 

 

HANS VON DRAMINSKI und WOLFGANG DRESSLER E-Mail

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