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Invasion der Schwammspinner-Raupen in Gunzenhausen

Bürger wissen sich nicht mehr zu helfen - Stadt sagt den Insekten den Kampf an - 17.06.2019 17:50 Uhr

Von Schwammspinner-Raupen übersät ist dieser Carportgiebel. Und das nicht etwa einmal, sondern jeden Tag aufs Neue. © Harry Schwarz


Seit Wochen herrscht in der Leonhardsruhstraße eigentlich nur ein Thema vor: die unfassbare Flut an Raupen, die sich vom Burgstallwald in die umliegenden Gärten ergießt. Nun bekommen die Anwohner endlich Unterstützung aus dem Rathaus: Die Stadt hat zwei Fachfirmen mit der Bekämpfung der Schädlinge beauftragt, auch Bauhof, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk sollen mithelfen.

Es ist einfach unbeschreiblich, was die direkten Anwohner des Burgstalls vor allem entlang der Leonhardsruhstraße derzeit durchmachen müssen. Wenn es nachmittags richtig warm wird, dann hat man fast den Eindruck, dass der Boden lebt, so viele Raupen wuseln auf der Suche nach neuer Nahrung über die Wege. Der Burgstall selbst ist vor allem in dem Bereich, der den Staatsforsten gehört, weitgehend abgegrast.

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Plage in Gunzenhausen: Raupen des Schwammspinners auf dem Vormarsch

2018 hatte Gunzenhausen und vor allem der Burgstallwald zum ersten Mal mit dem Schwammspinner zu tun. Bis zu 1000 Eier legt ein Schmetterlingsweibchen. Dementsprechend viele Raupen fressen sich gerade durch den Burgstallwald, der mittlerweile nahezu kahl ist. Auch die Anwohner, das Freibad und die Seenlandklinik Lindenhof kämpfen mit der Plage.


Zu Tausenden und Abertausenden fallen die haarigen Krabbeltiere über die Häuser und Gärten her, sammeln sich an Giebeln und kriechen im Rasen herum. Und die Biester sind dabei auch noch verdammt schnell. Kaum bleibt man kurz stehen, schon hat man welche am Knie oder Oberschenkel hängen, das geht ruckzuck.

Viele Anwohner sind den ganzen Tag damit beschäftigt, ihr Haus von den Raupen zu befreien. Am Waldbad saugen die Mitarbeiter von morgens um 6 Uhr bis zum Feierabend im Eingangsbereich die Raupen ein.

Claudia Feuchtmaier und Harry Schwarz wohnen ganz am Waldrand und liegen in der direkten Einfallschneise der Insekten. Im Kampf gegen die Raupen haben sie ihr Haus in eine Festung verwandelt.

Bereits an der Einfahrt wartet ein richtiggehendes Wassergrabensystem, bestehend unter anderem aus länglichen Untersetzern für Blumenkästen. Dort bleiben bereits viele Raupen hängen, ein paar Tropfen Spülmittel im Wasser machen ihnen endgültig den Garaus.

Batterie von Eimern

In „Wassergräben“, die Anwohner gebaut haben, bleiben Raupen hängen. © Harry Schwarz


In der Schräge funktioniert dieses System nicht, dort hält ein kleiner Schutzwall aus Rindenmulch die Raupen auf, und schließlich bremst ein breiter Klebestreifen an der Hauswand den rasanten Drang der Raupen nach oben ab. Zudem steht unter dem Carportgiebel eine ganze Batterie an Eimern, denn von dort seilen sich die Krabbelviecher bevorzugt ab.

Bis zu drei Mal leeren die beiden an sonnigen und heißen Tagen ihre Behältnisse, 100.000 Raupen kommen da schon zusammen schätzt Harry Schwarz. Und trotzdem finden immer noch unzählige den Weg um die Barrikaden herum in den Garten.

Ist die Situation in der Leonhardsruhstraße schon eigentlich nicht mehr auszuhalten, so spottet das, was die Familie Postler im sogenannten Pulverhaus durchmachen muss, jeder Beschreibung. Schon im April war das Anwesen ein richtiggehender "Hotspot" der Raupenplage, die hatten dort riesige Gespinste gebildet. Schaut man sich heute die Bilder von Postlers Haus und Garten an, packt einen wirklich das Grausen: Unzählige Raupen versammeln sich dort täglich allein schon vor der Haustür, die Familie saugt, was das Zeug hält, und trotzdem ist kein Ende abzusehen. Der Garten ist längst kahlgefressen, und immer noch wimmelt es in der Wiese von Raupen, sind Bäume, Sträucher und alles, was rumsteht, mit den Tieren übersät. "Wir sind", sagt Gerhard Postler, "am Ende."

Obwohl es immer heißt, dass die Schwammspinner-Raupen nicht gesundheitsgefährdend sind, Allergikern machen sie das Leben trotzdem schwer. Die ausgewachsenen Raupen sind auch nicht zimperlich und beißen kräftig zu, wenn sie auf nackter Haut landen.

Dieser tägliche Kampf belastet die Anwohner nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Man nimmt die Raupen im wahrsten Sinne des Wortes mit ins Bett, jeder schwarze Strich lässt einen aufschrecken. "Die kommen in der Nacht in deinen Kopf" beschreibt es sehr treffend Elisabeth Lautner gegenüber einem Kamerateam des Bayerischen Rundfunks. Der eigene Garten hat sich von der Freizeitoase in ein Schlachtfeld verwandelt.

Die Hilferufe der Anwohner haben selbstverständlich auch das Rathaus erreicht und werden von Bürgermeister Karl-Heinz Fitz nicht ignoriert. Er arbeite seit Tagen "mit Hochdruck" an einer Lösung, erläutert er auf Anfragen des Altmühl-Boten. Nun hat er zwei Fachfirmen, die noch Kapazitäten frei haben, gefunden. Sie haben bereits ihre Arbeit aufgenommen. Erörtert wird auch, inwieweit der Bauhof, THW und die Freiwillige Feuerwehr bei der Bekämpfung der Plage helfen können.

Es gibt keinen Fleck im Garten der Familie Postler, der nicht von den Raupen in Beschlag genommen wird; auch die Regenwassertonne bildet keine Ausnahme. © Harry Schwarz


Zunächst werden die beiden Firmen damit beginnen, die Raupen abzusaugen. Eine Barriere zwischen Burgstallwald und den anliegenden Gärten ist inzwischen errichtet, und eine Kehrmaschine unterwegs, um die Tiere zu beseitigen.

Gestern am frühen Abend traf sich der Stadtrat im Anwesen der Postlers, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Unabhängig davon, was aktuell getan werden könne, müsse sich der Stadtrat bereits jetzt eine Meinung bilden, wie im kommenden Jahr mit einer ähnlichen Situation umzugehen sein wird, so Fitz.

Zudem liebäugelt Fitz mit einer Spendensammlung. Denn die Maßnahmen, die er nun in Auftrag gegeben hat, sind nicht eben billig und im Haushalt nicht vorgesehen. Auf mehrere 1000 Euro schätzt der Bürgermeister die Kosten. 

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