Donnerstag, 24.10.2019

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Einer der schwärzesten Tage für Gunzenhausen

Am 16. April 1945 forderte ein schrecklicher Bombenangriff 141 Tote - 16.04.2019 05:59 Uhr

In diesem Haus in der Hensoltstraße 45 lebte Rosemarie Danner, die damals noch Escherich hieß, mit ihrer Familie über der Bäckerei Oberhäußer. Das Gebäude wurde bei dem Bombenangriff am 16. April 1945 vollkommen zerstört, in den Trümmern starben die Bäckerfamilie und eine Kundin. © privat


Rosemarie Danner erinnerte sich anlässlich des sich nähernden Jahrestags des schrecklichen Bombenangriffs kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wieder an ihr Akkordeon. Sie hatte es erst im Winter bekommen und feißig darauf geübt. Doch dann wurde das geliebte Instrument unter den Trümmern des Hauses, in dem Roesmarie Escherich wie sie damals noch hieß, mit ihrer Famile wohnte, begraben.  Rosemarie Danner  brachte diese Geschichte aus der Sicht ihres Akkordeons  zu Papier und schickte sie an die Redaktion des Altmühl-Boten (sie steht am  Ende dieses Artikels)

Rosemarie Escherich hieß sie damals und lebte mit ihrer Familie in der Hensoltstraße 45 über der Bäckerei Oberhäußer. Nur dank eines glücklichen Zufalls – die kleine Schwester beharrte hartnäckig darauf, nach dem Voralarm bei den Großeltern im Haus gegenüber Zuflucht zu suchen – überlebte Rosemarie Escherich den verheerenden Bombenangriff.

74 Jahre ist das heute her, und auch wenn man im Laufe eines langen Lebens viel vergessen mag, dieser Tag hat sich in Rosemarie Danners Gedächtnis tief eingebrannt. Aber auch die Folgezeit ist ihr noch gut in Erinnerung. Das Haus der Bäckerfamilie war komplett zerstört worden, und da auch das Haus der Großeltern schwer beschädigt war – und später abgerissen werden musste – kam das 15-jährige Mädchen zusammen mit ihrer Familie bei Verwandten auf deren Bauernhof in Frickenfelden unter. Zu elft teilten sie sich zwei Zimmer.

Rosemarie Danner, damals noch Escherich, im Jahr 1946. © privat


Täglich wanderten sie zu Fuß in die Hensoltstraße und beobachteten vom Rand des Bombentrichters aus die Hilfstrupps bei ihrer Arbeit. Ehemalige Parteigenossen, erinnert sich Rosemarie Danner, wie etwa der Herr Schulrat, waren von den Amerikanern dazu verdonnert worden. Jeden Morgen mussten sie antreten und ausgraben. Manchmal wurden persönliche Schätze gefunden, wie etwa Fotografien, die Rosemarie Danner entsprechend hütet. Das besagte Schifferklavier tauchte aus den Schuttbergen auf und eines Tages ragte aus den Trümmern plötzlich das Ehebett ihrer Eltern heraus. Ach, wie hatte sie die himbeerrote Steppdecke darauf immer bewundert. Nun war von der nichts mehr übrig und auch das Bett war nur noch eine Schimäre: Vor ihren Augen zerfiel es innerhalb kürzester Zeit zu Staub. Es hatte nur von Weitem so ausgesehen, erzählt Rosemarie Danner, als sei es noch ganz.

Es war, hatte es Stadtarchivar Werner Mühlhäußer vor vier Jahren anlässlich einer Gedenkveranstaltung formuliert, einer der bis heute "schwärzesten Tage" für Gunzenhausen gewesen. Nicht einmal eine Stunde, von 10.10 bis 11 Uhr, dauerte das Zerstörungswerk aus der Luft, bei dem 141 Menschen den Tod fanden. Unzählige Häuser lagen danach in Schutt und Asche.

Todbringende Fracht

In fünf Wellen ließen die Piloten aus einer Höhe von rund 3500 Metern ihre todbringende Fracht auf die Altmühlstadt fallen. Eine dieser insgesamt rund 150 Bomben traf den Braunskeller, wo, wie bei jedem Alarm, wieder viele Gunzenhäuser Schutz gesucht hatten. Doch der Braunskeller, der eigentlich ja ein Ort fröhlicher Feiern war, wurde zu einer tödlichen Falle, die Druckwelle kostete über 100 Menschen das Leben.

Für Rosemarie Escherich endete an diesem Tag eine bis dato glückliche Kindheit. Als nach und nach wieder Zeitungen erscheinen durften, war sie für drei, vier Jahre beim Altmühl-Boten tätig, dann folgte sie ihrem späteren Mann nach Erlangen. Helmut Danner studierte dort Theologie, Rosemarie Escherich arbeitete bei Siemens. 1955 heiratete das Paar, sie zogen nach Nürnberg, später nach Hof. Gunzenhausen und die schrecklichen Erlebnisse rückten immer weiter in den Hintergrund.

Rosemarie Danner bei einer Führung im Jahr 2015. Sie erzählte damals Schülern der Klasse M7 der Stephani-Schule von dem schrecklichen Bombenangriff und ihren persönlichen Erlebnissen. © Marianne Natalis


Erst Ende der 1980er-Jahre kam die Familie Danner zurück in die Altmühlstadt und zog auf Vermittlung des damaligen Bürgermeisters Willi Hilpert in ein Haus nahe der Stephani-Schule. Ein Haus, das Rosemarie Danner nur zu gut kannte, hatte dort doch früher ihre beste Freundin Helga Dietz gewohnt. Ein Akkordeon hat Rosemarie Danner hat wieder besessen.

Hier die Geschichte, die uns Rosemarie Danner geschickt hat und die aus der Sicht des Akkordeons geschrieben ist: 

"Gegen Ende des schrecklichen Krieges im strengen Winter 1944/45 – es hatte minus 25 Grad – wurde ich von einem gerade 15 Jahre alten Mädchen aus Gunzenhausen, das durch meterhohe Schneemassen zu meinem Dorf gestampft war, abgeholt. Ihre Musiklehrerin, die von ihrer Schülerin vom Land mit Naturalien bezahlt wurde, hatte mich an sie vermittelt. Ich wurde für Musiknoten, Bücher und Geld hergegeben. Doch meine neue Besitzerin nahm mich überglücklich in Empfang – herrlich perlmuttweiß und mit 32 glänzenden Bassknöpfen ausgestattet war ich schon ein Prachtstück. Ich wurde mühsam Kilometer für Kilometer zur Bahnstation geschleppt. Dort mussten wir lange auf den ungeheizten Zug warten, der uns in die Altmühlstadt brachte.

Nun ging es los und ich wurde jeden Tag fleißig benutzt mit viel Singbegleitung zu Volkstanz und Wanderliedern. Doch dann kam der 16. April 1945, ein schrecklicher, unheilvoller Tag. Durch einen Volltreffer wurde das ganze Haus, in dem meine Besitzerin wohnte, mit allem Inventar zerstört. Traurig stand sie jeden Tag am Rand des rund 20 Meter tiefen Bombenkraters und hoffte auf Kostbarkeiten, die die Hilfstruppen manchmal in den aufgetürmten Lehmmassen zum Teil mit den Händen noch ausgruben.

Dann – unfassbar – eines Tages blinkte ich mit meinem herrlichen Perlmuttschein aus der Erde! Völlig überrascht und überglücklich nahm mich meine Besitzerin in Empfang und trug mich wie einen kostbaren Schatz in das gegenüberliegende, baufällige Haus ihrer Großeltern. Am nächsten Tag wollte sie mich in ihre Zufluchtsstätte bei Verwandten in Frickenfelden bringen.

Doch als sie anderntags wiederkam, war ich verschwunden. Fremde hatten mich in dem offenen Haus entdeckt und in der Nacht mitgenommen. Aber eines hatten sie wohl nicht gesehen: Mein Blasebalg war aufgerissen und der Diebstahl sicher nur von kurzer Freude."

 

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