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Dienstag, 15.10.2019

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Altmühlsee-Festspiele: Hitler, Momo und "Kanaken"

Intendant Harald Molocher stellte jetzt das Programm der Altmühlsee-Festspiele in Muhr am See vor. - 06.05.2019 14:57 Uhr

Ruppiges Wort-Duell auf der Parkbank: Ellen Kiesling-Kretsch (rechts) und Marion Nietsch in „Paradiso“, das auf der Seebühne in Schlungenhof gespielt werden wird. © Altmühlsee-Festspiele


Eine bitterböse Mediensatire nach einem Millionen-Bestseller ("Er ist wieder da"), ein absoluter Jugendbuch-Klassiker ("Momo"), ein aberwitziger Theaterspaß mit Tiefgang ("Verrücktes Blut") und eine nachdenkliche Komödie ("Paradiso") – "hier kann jeder vier Mal zu ganz unterschiedlichen Sachen ins Theater gehen und sich vier Mal daran erfreuen", wirbt Molocher für sein Programm. Eine Einschätzung, der man zu folgen geneigt ist.

"Amok-Komödie"

"Verrücktes Blut" macht am Donnerstag, 13. Juni, den Anfang, ein seit zehn Jahren vielerorts erfolgreicher Theater-Spaß, den der "Spiegel" einmal eine "Amok-Komödie vom Zusammenprall der Kulturen" genannt hat.

Auf der Bühne treibt eine Horde von Schulrabauken ihr Unwesen, die sich selbst "Kanaken" nennen. Sie knutschen und schlagen sich, sie kratzen ihre Genitalien, und wenn ihnen einer blöd kommt oder auch nur um ein paar Sekunden Ruhe bittet, dann fragen sie: "Willst du sterben, oder was?"

Die Klasse aus sieben Türken- und Araberkindern, die da zur Theater-AG zusammengekommen sind, ist ein Sauhaufen. Bis ihre Lehrerin plötzlich eine Knarre in der Hand hält – und jenen Respekt einfordert, den ihre Schützlinge stets großkotzig im Mund führen und nie zeigen.

Bitterböse, aberwitzige Mediensatire: „Er ist wieder da“ mit Gerhard Jilka als Adolf Hitler, der für diese Rolle bereits großartige Kritiken erhielt. © Altmühlsee-Festspiele


In Sachen Besetzung bereitete ihm dieses Stück die größten Probleme, verrät Molocher, der sich mit den vergrößerten Programm an der Grenze des logistisch Machbaren sieht. "Der Verlag verlangt auf der Bühne junge Migranten, die perfektes Deutsch sprechen und professionelle Schauspieler sind – ein Wahnsinn!", stöhnt der erfahrene Theatermann aus Fürstenfeldbruck.

Dank einer Kooperation mit einer Münchner Schauspielschule sei es ihm schließlich gelungen, die strengen Auflagen zu erfüllen, sagt er. Und fügt hinzu: "Nun habe ich tolle Schauspieler, deren Namen ich aber nicht aussprechen kann." Philipp Jeschek, der 2018 den "Sommernachtstraum" inszenierte, führt Regie, die Proben liefen "super", sagt Molocher, "aber das Stück ist nicht ohne, und es kann sein, dass manche Leute nach zehn Minuten gehen".

Wenn es den Machern gelingt, den Aberwitz des Romans auch nur annähernd auf die Bühne zu bringen, ist das bei "Er ist wieder da" nicht zu befürchten. Der Bestseller von Timur Vermes verkaufte sich als Buch und Hörbuch allein in Deutschland rund zwei Millionen Mal und stand 20 Wochen auf Platz 1 der "Spiegel"- Bestsellerliste.

Vermes lässt Adolf Hitler 66 Jahre nach Kriegsende in einem Berliner Hinterhof erwachen – und binnen kurzer Zeit zu einem Medienstar aufsteigen, der als vermeintlicher Comedian die Massen manipuliert. "In einer Zeit, in der eine Partei wie die AfD 15 Prozent der Wählerstimmen bekommt oder in Thüringen gar zu stärksten Partei zu werden droht, hat dieses Stück seine volle Berechtigung", begründet Molocher seine Wahl. Es sei heiter und witzig, allerdings frage sich so mancher Besucher hinterher nachdenklich: "Warum habe ich eigentlich so viel gelacht?"

"Gute Bratwürste"

Molocher bemüht sich derzeit noch, den aus Nürnberg stammenden Autor und Journalisten Vermes zur Premiere (Samstag, 15. Juni) nach Muhr am See zu locken. Dem Altmühl-Boten gegenüber signalisierte der launig seine grundsätzliche Bereitschaft dazu: "Wenn die Bratwürste gut sind . . ."

Freuen sich auf die neue Festspiel-Saison in Muhr am See: Intendant Harald Molocher, Hilde Bickel vom AIZ und Bürgermeister Dieter Rampe (von rechts). © Jürgen Eisenbrand


Die dritte Premiere der Saison ist am Donnerstag, 20. Juni, zu erleben: Michael Endes unverwüstlicher Kinderbuch-Klassiker "Momo". Die Geschichte von dem wunderlichen Mädchen, das aus der Zeit gefallen ist, sei heute – Stichworte: Beschleunigung, Dauererreichbarkeit, Digitalisierung, Burnout – aktuell wie eh und je. Allerdings verspricht Molocher: "Es wird Überraschungen geben", er werde "die etwas behäbigen Dialoge ein wenig anschieben".

Mit dem Zwei-Personen-Stück "Paradiso" verlassen Molocher und seine Crew an drei Abenden (28. bis 30. Juni) die Muhrer Festspielbühne und wechseln auf die Seebühne nach Schlungenhof.

Martha füttert jeden Tag die Enten im Park. Sie ist über 80 und außer den Enten braucht die ehemalige Schuldirektorin keine Gesellschaft. Eines Tages setzt sich die deutlich jüngere Vicky unaufgefordert dazu. Auf ihre Art ist die Krankenschwester ein ebenso harter Knochen wie Martha. In herrlich ruppigem Ton werfen die Damen sich allerhand Wahrheiten und auch die eine oder andere Gemeinheit an den Kopf. "Komödiantisch und bitterböse", preist Molocher das Stück, das er schon einmal in seiner "Neuen Bühne Bruck" inszeniert hat.

Ebenfalls auf der Seebühne ist wieder "Klassik am See" zu erleben, heuer am Sonntag, 21. Juni, mit vier Nürnberger Percussionisten, die sich "Beatronome" nennen und laut Ankündigung "die gesamte Klangwelt des Schlagwerks" präsentieren.

Übrigens: Bei schlechtem Wetter wechseln die Zuschauer in Muhr von der Freilichtbühne gleich nach nebenan ins Altmühlsee-Informationszentrum (AIZ). Und auch für "Paradiso" gibt’s eine Regen-Alternative – sogar eine ganz besondere: Die Besucher könnten die Ersten sein, die nach der feierlichen Eröffnung am 27. Juni eine Vorstellung in der neuen, aufwendig herausgeputzten Stadthalle erleben.

Am Tag der Programm-Präsentation im AIZ erreichte die Festspiele-Macher noch eine frohe Botschaft aus München: Aus dem Bayerischen Kulturfonds erhalten sie heuer eine Förderung von 20 000 Euro. Angesichts eines Gesamt-Etats von etwa 60 000 bis 70 000 Euro ein ganz erheblicher Geldregen, der die finanzielle Lage etwas entspannen dürfte.

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