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Mittwoch, 17.07.2019

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Wie Populisten den Begriff "Heimat" vereinnahmen

Thomas Liebert, Heimatpfleger im Landkreis Fürth, warnt vor Ausgrenzung - 11.07.2019 21:00 Uhr

Würde sich wünschen, dass viele Menschen aufstehen und das Wort ergreifen für einen weltoffenen, liberalen Heimatbegriff und damit reaktionären Interpretationsversuchen oder Vereinnahmungen Paroli bieten: Thomas Liebert. © Thomas Scherer


Haltung zeigen für die Heimat: Das fordert der Bayerische Landesverein für Heimatpflege mit Sitz in München in einem offenen Brief. Allerdings fand der bis dato noch nicht viel Gehör. Thomas Liebert, Kreisheimatpfleger im Landkreis Fürth, will das – zumindest vor Ort – ändern. Der Roßtaler teilt die Sorge um ein demokratisches und solidarisches Heimatverständnis seines Dachverbands und wirbt dafür, sich gegen die manipulative Vereinnahmung des Heimatbegriffs durch Extremisten und Populisten stark zu machen.

 

Herr Liebert, warum ist Ihnen der offene Brief so wichtig?

Mich bewegt es, dass die ganze rechte Szene versucht, den Begriff Heimat für sich zu okkupieren und in einer Form einzugrenzen, die weder dem Landesverband noch mir gefällt. Als Kreisheimatpfleger sehe ich mich ein Stück weit in der Verantwortung, das Anliegen des offenen Briefs publik zu machen.

 

In welcher Form sehen Sie den Begriff Heimat von Rechts falsch definiert?

Ganz konkret: Indem er "völkisch" eingrenzt, sodass Menschen aufgrund von Eigenschaften wie Nationalität, Hautfarbe oder sexueller Orientierung ausgegrenzt werden.

 

Wobei Sie sich schwertun dürften, einen lokalen Bezug herzustellen, oder?

Das stimmt. Allerdings habe ich mir sagen lassen, dass es im Gemeindegebiet von Langenzenn durchaus einige Vertreter der rechtsextremistischen Partei des Dritten Wegs gibt. Und natürlich gibt es die schweigende Mehrheit, von der man sicher nicht sagen kann, dass sie hinter dem steht, was Extremisten vom Stapel lassen. Doch es wäre auch für die schweigende Mehrheit an der Zeit, Position zu beziehen. Dass der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke mutmaßlich von einem Rechtsextremisten erschossen wurde, weil er es gewagt hatte, mitmenschliches Verhalten gegenüber Geflüchteten anzumahnen, müsste uns alle schockieren. Das entspricht faschistischen Mustern, wie wir sie in den 1930ern auch schon hatten.

 

Was ist Ihrer Meinung nach die Kernaussage des offenen Briefs?

Das ist der Absatz, in dem es heißt, dass der Heimatbegriff keinesfalls ausgrenzt und nicht in eine Richtung festgeschrieben werden kann: "Er ist vielmehr offen für Wandel und Interpretation und steht für Respekt vor anderen in ihrer Würde und in ihren Rechten." Das erinnert alles sehr schön an Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Was ist für Sie ein zeitgemäßer Heimatbegriff?

Heimat ist ein Begriff, der ein kollektives Gefühl ausdrückt, gleichzeitig aber für jeden etwas anderes bedeutet und individuell interpretiert wird, heißt es in dem Brief. So kann Heimat für den einen ein Gefühl sein, für den anderen sind es Menschen, die er schätzt, oder der Verein, in dem er sich aufgehoben fühlt. Schade, dass wir an dem Punkt angekommen sind, diese Begrifflichkeiten debattieren zu müssen.

 

Glauben Sie denn, dass sich allzu viele Gedanken darüber machen, was für sie Heimat bedeutet?

Nein, die Masse sicher nicht. Heimat, das ist etwas Unbewusstes, etwas Emotionales. Oft entwickelt sich das Bewusstsein dafür erst mit dem Verlust der Heimat. Oder indem man auf andere Nationalitäten trifft. Gerade der Europawahlkampf hat gezeigt, dass immer wieder versucht wird, Heimat gegen Europa auszuspielen. Doch wenn Europa enger zusammenrückt, heißt das noch lange nicht, dass nationale Identität verlorengeht. Ein schottischer Kollege hat einmal zu mir gesagt, ,das Tolle an euch Deutschen ist, dass ihr Deutsche und Bayern, Franken oder Schwaben in einem sein könnt‘. Das eine schließt das andere nicht aus, vielmehr kann es sich gegenseitig bereichern.

Was bedeutet für Sie persönlich Heimat?

Heimat ist für mich nicht nur Roßtal, sondern die Region, wobei ich auch meinen Studienort Bamberg einschließen würde. Heimat sind für mich aber auch Baudenkmäler, die Natur, die Menschen und das Eingebundensein in Strukturen, die es mir ermöglichen, mich ein Stück weit einzubringen, ein Teil des Ganzen zu sein. Für mich können es auch die Böden sein, vielmehr das, was ich als Archäologe über den Boden in einer bestimmten Gegend weiß. Da gibt es ganz viele Facetten.

 

Was versprechen Sie sich von Ihrem Engagement für das Statement Ihres Landesverbandes?

Das Schönste wäre, wenn mehr Menschen aufstehen und das Wort ergreifen würden für einen weltoffenen, liberalen Heimatbegriff, der untrennbar mit einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft verknüpft ist, wie es der Landesverein darstellt. Wichtig wäre, gleich ob privat oder im beruflichen Umfeld, Position zu beziehen. Da macht es dann die Summe der Aussagen, die etwas bewegt. Es muss nicht immer die Großdemo sein. 

Interview: Sabine Dietz

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