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Samstag, 20.07.2019

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Wer war Sekretär bei Kaiser Wilhelm I. ?

Gerüchte und ein Wunsch der Mutter ließen Dieter Kastner zum Ahnenforscher werden - 15.02.2019 11:00 Uhr

Familienfotos bitte unbedingt beschriften, rät Dieter Kastner. Ansonsten rätseln die Nachfahren später einmal, wer sich hier vor der Kamera in Positur geworfen hat. © Foto: Ehm


Was hat Sie bewogen, mit Archivaren zu kommunizieren und Sütterlinschriften in Kirchenbüchern zu entziffern, um sich so mit Ihren Ahnen zu beschäftigen, Herr Kastner?

Dieter Kastner: In meiner Jugend wurde über die Zeit vor und nach dem Krieg nicht viel gesprochen. Die Familie meiner Mutter kommt aus Westpreußen, aus Danzig. Ich bin im Ruhrpott, in Essen, geboren. Und irgendwann, so im Alter zwischen 45 und 50 Jahren, habe ich mir gedacht. Mensch, was ist eigentlich mit meinen Vorfahren?

 

Gab es einen konkreten Anlass?

Kastner: Meine Mutter hat immer geklagt, dass sie kein Foto von ihrem Vater hatte. Dann gab es eine Reihe von Gerüchten: Angeblich hatte die mütterliche Linie meiner Vorfahren, die Rajewskis, als polnischer Landadel ein Familienwappen. Einer unserer Vorfahren soll Sekretär bei Kaiser Wilhelm I. gewesen sein. Meine Großmutter hatte auf der Flucht angeblich ein Ticket für die Wilhelm Gustloff, jenes Schiff, das vollbeladen mit Flüchtlingen im Januar 1945 vor der Küste Pommerns von einem russischen U-Boot versenkt wurde. Aber sie hatte immer Angst davor, auf ein Schiff zu gehen und verzichtete. Und schließlich wollte ich wissen: Wo sind denn all diese Rajewskis nach dem Krieg geblieben?

 

Wie geht man vor?

Kastner: Ich muss zunächst noch eine Sache erklären, man muss zwei Ansätze unterscheiden: Bei der Ahnenforschung erkundet man nur die direkten Linien von Vater und Mutter. Also: Wer waren die Großeltern, Urgroßeltern und so weiter. Bei der Familienforschung werden auch Geschwister, also Tanten und Onkel, mit einbezogen. Das geht also unheimlich in die Breite.

 

Worauf haben Sie sich spezialisiert?

Kastner: Die Familienforschung, und dabei die mütterliche Linie, die Rajewskis, deren Name, weil er polnischen Ursprungs war, im Dritten Reich eingedeutscht wurde, in Rahn. Ich habe zunächst meine Verwandten, so weit möglich, befragt und stieß dabei auf einen Onkel in Berlin. Über das dortige Landesamt für Bürger und das Institut für Zeitgeschichte in München kam ich weiter.

 

Was sind die wichtigsten Quellen, um seinen Vorfahren auf die Spur zu kommen?

Kastner: Wie gesagt, die Familie. Dann natürlich die Standesämter, die gibt es in Deutschland seit 1874. Sie führen Geburts-, Heirats- und Sterberegister. Was vorher war, dafür braucht man die Kirchenbücher. In Regensburg gibt es beispielsweise das Evangelische Zentralarchiv der Kirchenbücher, da liegt das Material auf Mikrofilm vor. Adressbücher liefern ebenfalls wertvolle Informationen.

 

Muss ich als Ahnenforscher Latein beherrschen oder Sütterlinschrift lesen können?

Kastner: Latein eigentlich nicht, Sütterlin ist sehr hilfreich. Ich kann es nur bedingt lesen, aber zum Glück ist mein Nachbar da sehr fit und mein Schwager. Manchmal müssen aber auch die beiden passen. Da gibt es Handschriften, ich frage mich, wer das lesen konnte. Manche Pastoren haben richtig geschmiert.

 

Wie bekommt man im Ausland, etwa in Polen oder Tschechien, Hilfe von offiziellen Stellen?

Kastner: Ich kann das nur zu Polen sagen: Ich habe immer auf Deutsch hingeschrieben. Dann kamen Briefe in Polnisch zurück, die habe ich übersetzen lassen. In Danzig gibt es einen Verein für deutsche Minderheiten, der hat mich sehr unterstützt.

 

Welche Rolle spielt das Internet?

Kastner: Das ist natürlich fantastisch. Es gibt etliche Seiten und Portale, die gegen Bezahlung Hilfe anbieten. Ich habe es mit ancestry probiert. Das war sehr seriös und hat mir wirklich geholfen.

 

Auch DNA-Tests erfahren einen Boom. Was halten Sie davon?

Kastner: Bisher wenig. Allerdings hat das eine Bekannte von mir jetzt machen lassen, und ich warte gespannt ab, was dabei herauskommt.

 

Welche Fehler sollte man vermeiden?

Kastner: Etwas festzuhalten, das nicht eindeutig dokumentierbar, bzw. nachzuweisen ist.

 

Sind Sie bei Ihren Forschungen eigentlich auch auf kuriose Dinge gestoßen?

Kastner: Natürlich. Meine Großmutter war wegen eines Brotdiebstahl 1929 vorbestraft. Meine Mutter hat darüber natürlich nie gesprochen.

 

Konnten Sie eigentlich die Anliegen klären, die Sie dazu gebracht hatten, zu forschen?

Kastner: Also, ein Bild meines Großvaters habe ich nicht gefunden. Auf die Flucht musste man eben Wichtigeres mitnehmen. Den Sekretär bei Kaiser Wilhelm I. gab es, auch wenn es nicht derjenige war, nachdem ich zuerst geforscht habe. Die Sache mit der Wilhelm Gustloff konnte ich nicht verifizieren, das mit dem Wappen auch nicht. Aber ich habe viele Verwandte in Norddeutschland wiedergefunden und bin bis in die neunte Generation meiner Familie zurückgekommen, bis ins Jahr 1725.

Heimatverein Wilhermsdorf: Ahnenforschung, was Sie schon immer wissen wollten, Vortrag von Dieter Kastner am Donnerstag, 21. Februar, ab 19 Uhr, Gasthof zur Traube, Marktplatz 9, Wilhermsdorf.  

Interview: HARALD EHM

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