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Vorbelastet? Grüne nehmen Straßennamen in Fürth ins Visier

"Niemand war nur böse oder gut" - Diskussion kommt in Gang - 12.07.2020 12:22 Uhr

Die Schwammbergerstraße in Fürth heißt seit 2018 Bella-Rosenkranz-Straße. "Das kann nur der Anfang gewesen sein", meinen die hiesigen Grünen.

© Foto: Hans-Joachim Winckler


Im britischen Bristol versenkten Demonstranten vor einem Monat die Statue von Edward Colston im Hafenbecken. Colston (1636-1721) hatte Schulen und Krankenhäusern in Bristol viel Geld gespendet. Seinen Reichtum verdankte er jedoch seiner Arbeit für die Königlich-Afrikanische Gesellschaft, die jedes Jahr rund 5000 Menschen versklavte.


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Nicht nur in England, vor allem in den USA stürzten mit dem Aufkommen der "Black Lives Matter"-Bewegung Denkmäler von Personen, die eine rassistische Vergangenheit haben. In Fürth wollen nun die Grünen eine Diskussion über "hochbelastetes Erbe" anstoßen. Dabei stellen sie klar: "Es soll nicht darum gehen, die Erinnerung an diese Persönlichkeiten auszulöschen oder Kunstwerke zu zerstören. Aber es ist höchste Zeit, dass wir uns auch in Fürth mit unserer städtischen Erinnerungskultur auseinandersetzen." Nach ihren Worten könnten etwa Kriegsdenkmäler um Tafeln ergänzt werden, die sie angemessen kommentieren und auch Kritik nicht aussparen.

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Von der Stadtverwaltung wünschen sich die Grünen: Sie solle prüfen, welche Straßennamen in Fürth "zweifelhafte Persönlichkeiten" ehren und umbenannt werden sollten. Außerdem wollen sie eine Liste von Kunstwerken in Fürth, die man mit Erklärungen versehen müsse.

Emotional für Anwohner

Martin Schramm, Leiter des Stadtarchivs und der städtischen Museen, räumt ein, dass er sich zum Thema noch keine abschließende Meinung gebildet hat. Das Beispiel Adolf Schwammberger zeige aber: Es kann gute Gründe geben, Straßen umzubenennen. Die unrühmliche Rolle, die der frühere Fürther Archivleiter während der NS-Zeit gespielt hatte, war erst vor wenigen Jahren ans Licht gekommen. Seit 2018 heißt die nach ihm benannte Gasse am Rand der Altstadt Bella-Rosenkranz-Straße.


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Es sei folglich nicht auszuschließen, so Schramm, dass es noch andere Straßen gibt, die aus heutiger Sicht fragwürdige Namen tragen. Ihm zufolge haben Städte wie Würzburg ihre Straßen bereits komplett auf den Prüfstand gestellt. Doch das sei aufwendig, zeitraubend, und für die betroffenen Anwohner anstrengend und sehr emotional.

Schramm: "In Zweifelsfällen wären erklärende Texttafeln an den Schildern vielleicht der bessere Umgang mit Straßennamen, die ja auch Teil der Geschichte sind." Am Ende müsse die Politik diese schwierige Entscheidung treffen.

"Nicht pauschal vorgehen"

Die Historikerin Barbara Ohm versieht den Antrag der Grünen mit dem Etikett "prinzipiell gut". Aber: "Wichtig wäre, dass man nicht pauschal vorgeht, sondern jeden Fall differenziert überdenkt – gerade bei Personen-Straßennamen", sagt die Autorin des Standardwerks "Geschichte der Stadt". Kaum ein Mensch, so Ohm, sei nur gut beziehungsweise böse gewesen. Es gelte sorgfältig abzuwägen, welcher Seite man mehr Gewicht beimessen will. "Dabei sollte man politische Überkorrektheit vermeiden", findet sie, "aber auch über ,heilige Kühe‘ nachdenken."

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"Ja, wir müssen uns diesem Thema stellen", pflichtet Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung bei, plädiert aber ebenfalls für Besonnenheit. Die Zeit drängt nicht, wir müssen hier behutsam vorgehen und intensiv diskutieren."

Erstmals behandelt wird der Antrag der Grünen daher nicht in der Stadtratssitzung am 22. Juli, sondern im Oktober im sogenannten Ältestenrat. Dieses vorbereitende Gremium tagt allerdings nicht öffentlich.

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